Nahverkehr

Berliner S-Bahn bildet künftig mehr Lokführer aus

Die S-Bahn verdoppelt 2019 die Zahl der Ausbildungsplätze. Damit will die Bahntochter besser für die Zukunft gewappnet sein.

Tobias Hirsch bereitet sich im neuen Fahrsimulator der S-Bahn in Schöneweide auf seine Lokführer-Prüfung vor.

Tobias Hirsch bereitet sich im neuen Fahrsimulator der S-Bahn in Schöneweide auf seine Lokführer-Prüfung vor.

Foto: Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Der Bahnhof ist schon in Sichtweite. Etliche Menschen stehen auf dem Bahnsteig und warten auf die Einfahrt des nächsten Zuges. Tobias Hirsch muss sich jetzt voll konzentrieren. „Nicht das Fahren, sondern das Anhalten ist das Schwierige“, sagt der 22-Jährige. Behutsam, aber kraftvoll betätigt er dann den Fahrhebel.

Trainer André Kohlrusch sitzt schräg hinter Tobias und nickt zustimmend. Genau so soll es sein. Denn: Wird zu stark abgebremst, purzeln die Fahrgäste im Inneren unfreiwillig durcheinander. Fällt die Bremsung zu schwach aus, rutscht die tonnenschwere Bahn möglicherweise weit über den Bahnsteig hinaus. Das Ein- und Aussteigen ist für die Fahrgäste dann nicht mehr möglich. In diesem Fall wäre ein missratener Halt aber folgenlos geblieben. Denn Tobias Hirsch, Azubi bei der Berliner S-Bahn, sitzt nicht im Führerstand eines echten Zuges, sondern in einem Fahrsimulator. Die Probefahrt vor dem Bildschirm ist Teil seiner dreijährigen Ausbildung zum Triebfahrzeugführer. Tobias steht wie sein Kollege Linus Meißner kurz vor dem Abschluss.

S-Bahn benötigt mindestens 100 neue Triebfahrzeugführer pro Jahr

Bei der S-Bahn wird auf die beiden bereits sehnsüchtig gewartet. „Wir benötigen pro Jahr mindestens 100 neue Fahrer“, sagt S-Bahnchef Peter Buchner. Damit diese Zahl erreicht wird, müssen rund 150 gewonnen werden, die eine Lokführer-Ausbildung beginnen. Diese dauert für sogenannte Quereinsteiger, die bereits über einen Berufsabschluss verfügen, rund ein Jahr. Wer noch keinen Beruf hat, wird von der S-Bahn zunächst zwei Jahre lang zum Industrieelektriker und anschließend ein Jahr lang zum Triebfahrzeugführer ausgebildet.

Vor allem bei den Quereinsteigern ist die Abbruchquote relativ hoch, sagt Ausbildungschef Michael Hallmann. Die Ausbildung sei theoretisch wie praktisch anspruchsvoll. Das würde nicht jeder schaffen, so Hallmann. Wer jedoch bis zu den Prüfungen durchhält, hat gute Chancen, die auch zu bestehen. Besonders gut sind laut Hallmann die Ergebnisse bei denen eigenen Auszubildenden: „Zehn von zwölf schaffen es bis zum Ziel.“

Zahl der Ausbildungsplätze wird verdoppelt

Ab diesem Jahr will die S-Bahn die Zahl der Ausbildungsplätze verdoppeln. Statt wie bislang zwölf können ab September 24 junge Leute die dreijährige Ausbildung zum Triebfahrzeugführer beginnen. Eine Klasse sei schon voll, für die zweite werden noch Bewerbungen entgegen genommen. Das ist wie im gesamten Bahnkonzern inzwischen auch bequem online möglich. Neben den Angaben zur Bewerbung kann dort auch der Lebenslauf und das letzte Schulzeugnis (erforderlich ist mindestens die mittlere Reife) hochgeladen werden.

Gute Aussichten für eine Lokführer-Karriere

Die Aussichten für eine Lokführer-Karriere bei der S-Bahn Berlin sind gut: Jeder, der die Prüfung schafft, wird unbefristet übernommen. Bereits im ersten Ausbildungsjahr gibt es monatlich ein Lehrlingsentgelt von 1000 Euro, im weiteren Verlauf steigt es auf auf 1350 Euro zuzüglich vieler sozialer Leistungen, wie zum Beispiel Wohngeldzuschüsse, ein vergünstigtes Jobticket und bis zu 16 Freifahrten mit der Bahn im Jahr. Wer es am Ende den Triebfahrzeugführer-Schein geschafft hat, geht laut Hallmann mit „nicht unter 2000 Euro netto im Monat nach Hause“.

Nicht zuletzt diese Aussichten sorgen dafür, dass es der S-Bahn bislang nicht an Bewerbern für den Lokführer-Job mangelt. Für die 24 Plätze gebe es rund 100 Bewerber. Doch es gibt auch Einstiegshürden. Wer Punkte in Flensburg hat oder kein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis, fällt schon mal durch. Es folgen medizinische und psychologische Eignungstests. Schulnoten seien eher zweitrangig, sagt Hallmann. „Wichtiger ist, dass derjenige zu uns passt.“ Das werde bei Gesprächen und Übungen an sogenannten Bewerbertagen getestet. „Meistens gibt es noch am selben Tag ein Feedback von uns, wie es weitergeht“, so der Ausbildungschef.

Neuer Fahrsimulator soll Ausbildung praxisnäher gestalten

Mit dem neuen Fahrsimulator soll die Lokführer-Ausbildung noch praxisnäher gestaltet werden. Den Simulator - ein Raum mit nachgebautem Fahrerstand und Beamer - stellte das Unternehmen am Freitag im Bahnwerk in Schöneweide vor. Den neuen Trainingsstand können die Nachwuchs-Lokführer künftig schon zu Beginn ihrer dreijährigen Berufsausbildung nutzen, sagte Ausbildungsleiter Michael Hallmann. Bislang hätten die Azubis mehr als zwei Jahre lang vor allem Theoriestunden gehabt und erst kurz vor der ersten echten S-Bahn-Fahrt in den eigentlichen Fahrsimulator der S-Bahn gedurft - eine Fahrerkabine, die sich wie eine richtige S-Bahn zum Beispiel auch zur Seite neigt. Die Kabine werde allerdings auch für die Weiterbildung erfahrener S-Bahn-Führer genutzt und sei daher oft belegt, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Der neue Fahr-Trainingsraum könne die Aus- und Weiterbildung bei der Berliner S-Bahn daher durchaus entlasten.

S-Bahn will künftig mehr Leistungen erbringen

Aktuell hat die S-Bahn Berlin, die täglich bis zu 1,5 Millionen Fahrgäste am Tag durch Berlin und Brandenburg transportiert, rund 1100 Lokführer. Doch der Bedarf wächst. „Wir müssen und wollen in den nächsten Jahren mehr Leistungen erbringen“, so S-Bahnchef Buchner. Erst vor Kurzem wurde angekündigt, dass ab Ostern wieder die im Berufsverkehr dringend benötigten Verstärkerzüge auf den Linien S1 und S5 fahren sollen. Im kommenden Jahr steht zu dem die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER an. Gleich zwei S-Bahnlinien, die S45 und die S9, werden bis zum unterirdischen Terminalbahnhof verlängert. Im Jahr darauf soll die neue City-S-Bahn, bisher bekannt als S21, zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof pendeln.

Für die neuen S-Bahnen werden Lokführer extra geschult

Doch auch aus zwei weiteren Grünen benötigt die S-Bahn bald deutlich mehr Fahrer. So sollen ab 2021 die Züge der Baureihe 483/484 in Betrieb genommen werden. Doch bevor ein Lokführer mit den neuen Zügen Fahrgäste befördern darf, sind umfangreiche Schulungen und Prüfungen vorgeschrieben. „Während der Ausbildung fehlen uns die Mitarbeiter natürlich für den regulären Fahrbetrieb“, so S-Bahnchef Buchner. Noch offen sind die Auswirkungen des im Vorjahr mit den Gewerkschaften vereinbarten neuen Tarifvertrags. In der zweiten Stufe des Vertrages haben die Bahn-Mitarbeiter erneut die Wahl zwischen mehr Gehalt und mehr Urlaub. „Beim letzten Tarifabschluss haben 60 Prozent unserer Mitarbeiter mehr Urlaub, 38 Prozent mehr Geld und nur 2 Prozent eine kürzere Wochenarbeitszeit gewählt“, so Buchner. Inzwischen gebe es nicht wenige Lokführer, die 42 und mehr Tage Urlaub im Jahr haben.

Azubi Tobias Hirsch freut sich auf die S5

Tobias Hirsch und Linus Leißner fahren Züge inzwischen nicht nur im Simulator, sondern – begleitet von erfahrenen Ausbildern – auf echten Gleisen. „9 von geforderten 37 Ausbildungsfahrten habe ich bereits geschafft“, sagt Tobias. Bis Mai stehen noch vier Prüfungen an. Dann will er endlich selbst eine S-Bahn steuern. „Meine Lieblingslinie ist die S5. Es ist ein tolles Gefühl, vom Land in die Stadt zu fahren und Berlin aus einer ganz besonderen Perspektive zu erleben.“