Neuartige Krebstherapie

Berlin bekommt ein neues Krebszentrum

Charité und Helios planen den Aufbau einer Anlage, die Tumore präzise und schonend angreift. Die Krankenkassen sind zurückhaltend.

Charité und Helios Kliniken kooperieren künftig zusammen.

Charité und Helios Kliniken kooperieren künftig zusammen.

Foto: BSIP / UIG via Getty Images

Berlin.  Das Universitätsklinikum Charité und der private Klinikkonzern Helios planen die Einrichtung eines Protonentherapiezentrums in Buch. Dazu haben beide Einrichtungen jetzt eine Vereinbarung geschlossen.

Die Protonentherapie gehört zu den modernsten und wirksamsten Verfahren in der Krebstherapie. Sie eignet sich vor allem für sehr kleine Geschwulste an sensiblen Körperbereichen, wie dem Gehirn, aber auch für gynäkologische oder Wirbelsäulentumore. Außerdem ist die Methode für die Behandlung von Kindern besonders gut geeignet.

Behandlung von 500 bis 700 Patienten jährlich

Helios geht davon aus, dass in Berlin künftig 500 bis 700 Patienten jährlich mit der neuartigen Therapie behandelt werden könnten. Das Investitionsvolumen beträgt 35 Millionen Euro. Darin enthalten sind die Ausstattung mit der erforderlichen Medizintechnik sowie die Errichtung eines Gebäudes mit direkter Anbindung an das Helios-Klinikum in Buch. Der Start soll im Jahr 2021 erfolgen.

Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, begrüßt die Pläne für das Zentrum. „Es gibt in Berlin eine stattliche Anzahl von Patienten, die nach gegenwärtigem Erkenntnisstand mutmaßlich davon profitieren würden“, sagte Einhäupl. Bislang schickt die Charité Patienten zur Behandlung nach Essen, wo es bereits eine entsprechende Behandlungsmethode gibt.

Mehr Erkenntnisse über neue Therapieform erhofft

Eine eigene Protonentherapie in Berlin könnte nach Überzeugung des Charité-Chefs dazu beitragen, mehr Erkenntnisse über die neue Therapieform zu erhalten. Bislang sind weltweit zwar rund 150.000 Patienten damit behandelt worden. Doch das sind zu wenige, um gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu erhalten, ob die Therapie besser ist als herkömmliche Methoden.

„Auf dem Papier ist das so, aber in der Praxis ist das noch nicht nachgewiesen“, sagte Einhäupl. „Die Charité und Helios sind wegen ihrer hohen Patientenzahlen besonders geeignet, einen Beitrag dazu zu leisten.“

Während die Mediziner dem neuen Behandlungszentrum positiv gegenüberstehen, sind die Krankenkassen zurückhaltender. Sie fürchten, dass extrem hohe Kosten auf das Gesundheitssystem zukommen, wenn die Therapie etabliert wird. Denn eine einzige Bestrahlung mit der Protonentherapie kostet zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Die Krankenkassen wollen die Kosten deshalb nicht für alle Tumorarten übernehmen, sondern nur für diejenigen, bei denen die herkömmliche Behandlung hohe Schäden an gesundem Gewebe verursacht.

Verhandlungen mit den Kassen

Derzeit verhandelt Helios mit den Kassen darüber, ob die Gruppe der Krebs­arten, die mithilfe der Protonentherapie behandelt werden können, erweitert werden kann. Die Protonenstrahlen­therapie gilt als besonders präzise und schonend. „Man kann im Tumor besser und mit mehr Strahlung operieren als mit der herkömmlichen Behandlung“, so Einhäupl. Statt Röntgenstrahlen wie bei der herkömmlichen Therapie werden Wasserstoffkerne verwendet, die in einem eigenen Teilchenbeschleuniger erzeugt werden.

35 Millionen Investitionen

„Diese neue Bestrahlungseinheit ist ein herausragender Impuls für die Krebstherapie in Berlin und Brandenburg“, sagt Sebastian Heumüller, Klinikgeschäftsführer im Helios Klinikum Buch. 35 Millionen Euro wollen Charité und Helios in das Projekt investieren. Die Mediziner versprechen sich davon bessere Behandlungsmöglichkeiten für Krebspatienten. „Durch die Kooperation eines privaten Klinikbetreibers mit Europas größter Universitätsklinik leiten wir eine neue Qualität der Zusammenarbeit ein“, sagt Heumüller.

Immer mehr Krebserkrankungen in Berlin

Die Behandlung von Krebs gewinnt innerhalb der Medizin immer mehr an Bedeutung. Die Zahl der Krebserkrankungen steigt seit Jahren an. In Berlin leben nach Angaben der Gesundheitsverwaltung rund 40.000 Männer und 49.000 Frauen, bei denen in den vergangenen zehn Jahren Krebs diagnostiziert wurde. Das entspricht ungefähr 2,4 Prozent der männlichen und 2,7 Prozent der weiblichen Bevölkerung. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 25.600 Männer (1,5 Prozent) und 31.800 Frauen (1,8 Prozent).

Da Krebs hauptsächlich im höheren Lebensalter auftritt, ist der Anstieg vor allem Folge der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft. Ungefähr drei Viertel aller Krebserkrankungen betreffen Menschen im Alter von 60 Jahren und darüber. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa 70 Jahren. Durch den demografischen Wandel nimmt die Zahl der Neuerkrankungen von Jahr zu Jahr zu. Durch verbesserte Behandlungsmethoden verbessert sich die Überlebenschance für Erkrankte. Rund 60 Prozent der Erkrankten überleben derzeit in Ost-Deutschland die Krankheit fünf Jahre oder länger.

50 Protonentherapiezentren bestehen weltweit

„Die Protonentherapie ist eine neuartige und moderne Form der Tumorbestrahlung“, sagt Robert Krempien, Chefarzt der Strahlentherapie im Helios Klinikum Buch. „Es können Bereiche des Körpers erreicht werden, die bisher kaum oder gar nicht bestrahlt werden konnten. Die Heilungschancen für krebskranke Patienten erhöhen sich.“

Weltweit bestehen bereits 50 derartige Protonentherapiezentren, allein in Deutschland befinden sich fünf - aber keines davon in Nord-Ostdeutschland. Jedes Jahr sollen 500 bis 700 Patienten in dem neuen Zentrum behandelt werden.

Berlin ist ein weltweit anerkannter Gesundheitsstandort

Deswegen hat auch der Senat ein großes Interesse daran, das Zentrum in der Hauptstadt zu etablieren. „Wir wollen den Gesundheitssektor in Berlin in den kommenden Jahren deutlich stärken“, sagt der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach. „In der Krebsbehandlung gehört Berlin schon jetzt zu den führenden Standorten, die Kooperation zwischen Charité und Helios in der Protontherapie ist dafür ein weiterer wichtiger Baustein.“

Mit vier Universitäten, insgesamt 72 Kliniken, 20.350 vollstationären Betten und insgesamt 38.549 Beschäftigten ist Berlin bereits jetzt ein weltweit anerkannter Gesundheitsstandort an dem Spitzenforschung, Lehre und Krankenversorgung unter einem Dach erfolgen.

Darüber hinaus genießt die Charité mit ihrer 300-jährigen Geschichte Weltruf und das Deutsche Herzzentrum gehört ebenfalls zu den renommiertesten Transplantationszentren der Welt. Dazu kommen weitere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Max Delbrück Centrum in Buch.