Außenhandel

Berliner Exporte sinken um 339 Millionen Euro

Die Hauptstadt-Wirtschaft schwächelt beim Außenhandel. Dieses Jahr dürfte herausfordernd werden. Sorgen macht vor allem der Brexit.

Die Waren-Ausfuhren aus der deutschen Hauptstadt schwächelten im vergangenen Jahr erneut. Wichtigste Handelspartner blieben aber die Länder der Europäischen Union, die USA und China.

Die Waren-Ausfuhren aus der deutschen Hauptstadt schwächelten im vergangenen Jahr erneut. Wichtigste Handelspartner blieben aber die Länder der Europäischen Union, die USA und China.

Foto: Ole Spata / dpa

Berlin. Die Exporte aus Berlin sind im vergangenen Jahr erneut leicht gesunken. Nach ersten Zahlen des Statistischen Bundesamtes gingen die Ausfuhren aus der deutschen Hauptstadt um 339 Millionen Euro auf 14,4 Milliarden Euro zurück. Das entspricht einem Rückgang um 2,7 Prozent. Bereits 2017 hatte sich das Exportgeschäft der Berliner Wirtschaft im Jahresvergleich um 2,2 Prozent verringert, teilte die Investitionsbank Berlin (IBB) am Freitag mit.

Verantwortlich für den aktuellen Rückgang ist laut IBB-Volkswirten vor allem der sinkende Absatz von Tabakprodukten aus Berlin um 317 Millionen Euro (­–36,4 Prozent) auf nur noch 556 Millionen Euro. Ein Grund sei, dass Exportströme der tabakverarbeitenden Industrie, die in den Vorjahren noch über die Berliner Standorte abgewickelt wurden, derzeit über andere europäische Standorte laufen würden.

Absatz von Gasturbinen aus Berlin geht zurück

Starke Rückgänge gab es auch bei sogenannten Kraftmaschinen, zu denen neben Antriebsmotoren für Schienenfahrzeuge auch Gasturbinen gehören. In dem Warensegment schwanden die Exporte um 263 Millionen Euro (-26,8 Prozent). Verantwortlich dafür waren vor allem sinkende Bestellungen aus Schwellenländern. Auch der Industriekonzern Siemens hatte zuletzt die sinkende Nachfrage auf dem Weltmarkt beklagt und deswegen deutschlandweit Stellenstreichungen angekündigt. In der Hauptstadt hat der Konzern zwei Werke in Moabit und Spandau. Positiv entwickelten sich hingegen die Ausfuhren pharmazeutischer Produkte aus Berlin (+7,6 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro).

Wichtigste Handelspartner für die Hauptstadt-Wirtschaft sind neben den Ländern der Europäischen Union (EU) nach wie vor die USA und China. Die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten (-1,4 Prozent) und die Volksrepublik (-4,5 Prozent) gingen aber leicht zurück. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Berlin, Jan Eder, spricht gar von einer „Flaute“ im Außenhandelsgeschäft mit den beiden Ländern. „Der Handelskonflikt mit den USA und die schwächelnde Konjunktur in China wirken sich hier direkt negativ auf die Geschäfte aus“, sagte Eder.

UVB: Gewisse Schwankungen im internationalen Handel sind normal

Produkte und Dienstleistungen aus Berlin seien in aller Welt noch immer begehrt, erklärte der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, Christian Amsinck. Deswegen sei die Berliner Wirtschaft auch eng in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden. „Seit einigen Monaten spüren die Unternehmen aber die etwas schwächere Weltkonjunktur. Allerdings sind gewisse Schwankungen im internationalen Handel normal und für uns kein Grund zur Sorge“, so Amsinck weiter.

Die Verunsicherung durch drohende internationale Risiken wie den US-Handelsstreit oder Brexit steige aber laut Senatsverwaltung für Wirtschaft bei den Berliner Unternehmen. „Umso wichtiger ist die EU für die Berliner Wirtschaft, was die steigenden Zahlen bei Exporten in EU-Länder zeigen“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Franzosen kaufen Motorräder aus Berlin, Italiener Schuhe

Innerhalb des europäischen Staatenbundes war erneut Frankreich mit einem Warenabsatz in Höhe von 847 Millionen Euro der größte Absatzmarkt für Produkte aus Berlin. Vor allem Motorräder aus der deutschen Hauptstadt waren in dem Nachbarland der Bundesrepublik gefragt. Verantwortlich dafür ist vor allem das BMW-Werk in Spandau. Berlin ist europaweit der größte Fertigungsstandort für die Zweiräder und hat einen Anteil von 22 Prozent an den deutschen Motorrad-Exporten nach Frankreich.

Auch Limonaden, Säfte und Smoothies aus Berlin sind in Frankreich beliebt: Der Saftexport aus Deutschlands größter Stadt nach Frankreich beträgt mit 48 Millionen Euro inzwischen 26 Prozent der gesamten deutschen Saftausfuhren dorthin.

Italien blieb mit einem Exportvolumen von 790 Millionen Euro auf dem vierten Rang in der Liste der wichtigsten Berliner Exportländer. Starke Anstiege gab es bei Tabakprodukten und Kraftmaschinen. Auf den ersten Blick überraschend ist der Zuwachs von Berliner Schuh-Exporten nach Italien (+12 Millionen Euro). Laut IBB-Ökonomen ist dafür vor allem der Internet-Handel verantwortlich. So ist etwa der Berliner Online-Modehändler Zalando bereits seit einigen Jahren in Italien vertreten und betreibt in dem Land auch eine eigene Logistik-Zentrale.

Wirtschaft warnt vor Folgen des Brexits

Großbritannien war 2018 auf Platz sechs der wichtigsten Berliner Exportmärkte: Waren im Wert von 706 Millionen Euro verließen Berlin in Richtung Vereinigtes Königreich. Die wichtigsten Warengruppen waren Tabakerzeugnisse (81 Millionen Euro), Motorräder (79 Millionen Euro) und Gasturbinen (53 Millionen Euro). Die Briten kaufen aber auch Berliner Lebensmittel wie Säfte, Backwaren, Kakao und Kakaoerzeugnisse.

Welche Auswirkungen der bevorstehende Brexit für die Beziehungen haben wird, ist noch unklar. Wirtschaftsverbände warnen allerdings bereits vor den Folgen des Austritts Großbritanniens aus der Union. Insgesamt werde die außenwirtschaftliche Gemengelage schwieriger, sagte der IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. Auch UVB-Chef Amsinck sagte, der Brexit werde sich „definitiv auf den Außenhandel auswirken“.

Berlin profitiert kaum vom deutschen Exportschlager Auto

Langfristig muss Berlin wohl ohnehin mit Schwankungen im Exportgeschäft leben. Schon länger entwickle sich das Ausfuhrgeschäft aus der deutschen Hauptstadt unterdurchschnittlich, sagte Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Ein Grund hierfür ist laut Gornig die zunehmende Konzentration deutscher Ausfuhren auf den Exportschlager Auto. Die Berliner Wirtschaft ist an diesen Exporterfolgen allerdings häufig nur indirekt über die Zulieferung von Komponenten und Dienstleistungen beteiligt, erklärte der Professor.

Entscheidend für Berlins künftige Exportleistung wird zudem auch sein, wie gut die Industrie in der Stadt den laufenden Umbruch bewältigt. Digitalisierung und Energiewende hatten zuletzt in zahlreichen Branchen und Märkten für Veränderungen gesorgt. Vielen Firmen ist es noch nicht gelungen, sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. Gleichzeitig würden aber neue Start-ups die Industrielandschaft beleben. Die jungen Firmen bräuchten allerdings häufig noch Hilfe – gerade in Sachen Exportgeschäft. „Diesen neuen meist noch kleinen Unternehmen fehlt es in vielen Fällen an einem Zugang zu internationalen Märkten“, erklärte DIW-Wissenschaftler Gornig.

Für das Exportgeschäft müssen auch in Berlin die Standortbedingungen stimmen

Wirtschaftsverbände sehen jetzt auch die Politik in Berlin gefordert. „Die Berliner Wirtschaft bleibt nur mit einem funktionierenden Export und einer starken Industrie auf Erfolgskurs. Ein intensiverer Technologietransfer aus der Wissenschaft, eine Strategie für eine rasche Digitalisierung und genügend qualifizierte Fachkräfte sind dafür unverzichtbar“, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Wichtige Maßnahmen dafür seien etwa im Masterplan Industrie festgehalten, die Wirtschaft und Politik nun gemeinsam umsetzen müssten, so der Verbands-Chef.

Auch Jan Eder von der IHK sieht die Politik in der Pflicht. Für ein florierendes Exportgeschäft müssten einerseits die Standortbedingungen in Berlin selbst verbessert werden, sagte er. Andererseits sollte die Landespolitik Internationalisierungsaktivitäten konsequent fortführen. Als gutes Beispiel nannte Eder das neue Berliner Wirtschaftsbüro in Peking, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde.