Attentäter

Plante Anis Amri Anschlag auf Gesundbrunnen-Center?

Der Breitscheidplatz-Attentäter spähte bereits im Herbst 2016 das Gesundbrunnen-Center aus.

Anis Amri soll mit Magopmed-Ali C. und Clément B. ursprünglich einen anderen Anschlagsplan gefasst haben. Ziel war laut Generalbundesanwalt das Gesundbrunnen-Center.

Anis Amri soll mit Magopmed-Ali C. und Clément B. ursprünglich einen anderen Anschlagsplan gefasst haben. Ziel war laut Generalbundesanwalt das Gesundbrunnen-Center.

Foto: AP/dpa/BM Montage

Berlin. Anis Amri muss nervös gewesen sein. Mehrfach versuchte der junge Tunesier, von Berlin aus über den Messengerdienst WhatsApp seinen Freund Clément B. zu erreichen. Schließlich hatten sie einen gemeinsamen Plan. Der schien brutal: Anschläge an mehreren Orten – Amri in Berlin, Clément B. mutmaßlich in Paris. Ein weiterer Angreifer sollte in Brüssel zuschlagen. So sollen sie es offenbar ausgemacht haben.

Doch es kam anders: Amris Versuch, an jenem 17. Dezember 2016 seinen Kumpanen Clément B. zu erreichen, blieb erfolglos. Auch einen Tag später reagierte Clément B. nicht. Am 19. Dezember 2016 entschloss sich der Tunesier dann zum Alleingang. Offensichtlich ignorierte er die Absprache für einen koordinierten Anschlag, erschoss am Friedrich-Krause-Ufer in Wedding einen Lkw-Fahrer und tötete auf dem Breitscheidplatz elf weitere Menschen.

Besser in der Terrorszene vernetzt als bekannt

Der Generalbundesanwalt hatte Anis Amri stets als Einzeltäter dargestellt. Diese These gerät jedoch mehr und mehr ins Wanken. So ist bereits bekannt, das Amri von einem IS-Instrukteur in Libyen angeleitet wurde. Kontakte hatte er auch zu Islamisten in Nordrhein-Westfalen, in Niedersachsen und im Dschihadisten-Treff der Moabiter Fussilet-Moschee.

Recherchen der Berliner Morgenpost, des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und des ARD-Magazins „Kontraste“ zeigen, dass er offenbar auch in eine weitere mutmaßliche Terrorzelle intensiv eingebunden war. Im Fokus stehen der im August 2018 in Berlin verhaftete Russe Magomed-Ali C. sowie der im April 2017 in Marseille festgenommene Franzose Clément B. und ein weiterer Franzose. Nach Ermittlungsunterlagen, die die Morgenpost und der RBB einsehen konnten, lernte Amri Clément B. und Magomed-Ali C. in der Fussilet-Moschee kennen. Dort beteten sie, bauten Vertrauen auf – bis sie einen Anschlagsplan fassten. Davon geht jedenfalls der Generalbundesanwalt aus. Vor zehn Tagen erhob er gegen den heute 31 Jahre alten Magomed-Ali C. Anklage.

Den Ermittlungen zufolge war Amri nicht nur besser vernetzt als angenommen. Er soll mit Magomed-Ali C. und Clément B. bereits vor seinem Plan für die Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz einen anderen Anschlagsplan gefasst haben. Das Ziel laut Generalbundesanwalt: das Gesundbrunnen-Center.

Die Ermittler stützen ihre Erkenntnisse auf die Auswertung von Handy-Daten und sozialen Netzwerken. Bereits am 1. Oktober 2016, rund zweieinhalb Monate vor dem Breitscheidplatz-Anschlag also, richtete Clément B. demnach ein Konto beim Onlinedienst Instagram ein. Drei Bilder postete er laut Analyse: Zwei symbolisierten den Dschihad gegen die „Ungläubigen“. Das dritte zeigte das Gesundbrunnen-Center – aus Sicht des Generalbundesanwaltes eine Aufforderung, das Einkaufszentrum als Anschlagziel ins Visier zu nehmen.

Amri verstand die Botschaft der Bilder offenbar schnell. Nur einen Tag, nachdem er Zugang zu dem Konto hatte, unternahm er einen Ausflug – ins Gesundbrunnen-Center. Laut der nach dem Breitscheidplatz-Anschlag erfolgten Auswertung der Standortdaten seines Handys weilte er am 19. Oktober 2016 fast eine dreiviertel Stunde dort: von 10.46 Uhr bis 11.27 Uhr. Er spähte das mutmaßliche Anschlagsziel aus. So sieht es jedenfalls der Generalbundesanwalt.

Sprengstoff in einer Wohnung in Buch gelagert

Wenig später wurde der mutmaßliche Terrorplot durchkreuzt. Denn die Berliner Polizei observierte Magomed-Ali C., offenbar wegen seiner Kontakte in der Szene der Fussilet-Moschee. Am 26. Oktober klingelten die Beamten sogar an seiner Wohnung am Pölnitzweg in Buch. Hätten sie gewusst, was sie mutmaßlich erwartet – sie wären wohl vorsichtiger gewesen. Denn laut Generalbundesanwalt horteten C. und B. dort Sprengstoff, mutmaßlich für den Anschlag auf das Gesundbrunnen-Center. Die Vermutung stützt sich auf ein abgehörtes Gespräch, das Clément B. später mit seinem Vater geführt haben soll. Laut Überwachungsprotokoll sagte er sinngemäß, dass die Beamten offenbar nicht gewusst hätten, dass sie in der Wohnung den hochexplosiven Sprengstoff TATP gelagert hätten. Für den Generalbundesanwalt ist dieses Eingeständnis ein wichtiges Beweismittel. Für die Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) ist es ein Offenbarungseid. Denn es zeigt, dass die Beamten C. zwar im Blick, doch von den mutmaßlichen Terrorplänen keine Ahnung hatten.

Clément B. und Magomed-Ali C. waren von dem unerwarteten Besuch dennoch aufgeschreckt. B. flüchtete nach Frankreich. Magomed-Ali C. wollte von Terrorplänen offenbar nichts mehr wissen. Anders Clément B. und Anis Amri. Seinem Vater erzählte B. laut Überwachungsprotokoll, dass sie nun in Berlin, Paris und Brüssel zuschlagen wollten. Ein koordinierter Terrorplot in mehreren Städten.

Dazu kam es nicht. Im April 2017 verhafteten französische Ermittler Clément B. und seinen mutmaßlichen Komplizen Mahiedine M. in Marseille. Sie fanden drei Kilogramm TATP, eine Maschinenpistole und weitere Waffen. Auf die Bluttat seines Kumpanen Amri blickte B. offenbar mit Neid. Mit ihrem unerwarteten Besuch in der Wohnung von Magomed-Ali C. hätten die Berliner LKA-Ermittler alles kaputt gemacht, erzählte er seinem Vater bei einem Gespräch in der Untersuchungshaft. Ohne die Polizisten hätte er sich mit Amri und seinen Kumpeln in die Luft gesprengt.

Magomed-Ali C. wird sich wegen der Vorwurfs der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vermutlich ab Juni oder Juli diese Jahres vor dem Berliner Kammergericht verantworten müssen. Sein Verteidiger, der Berliner Rechtsanwalt Tarig Elobied, hält die Beweislage allerdings für dünn. „Kontakte meines Mandanten zu Anis Amri sind bisher nicht bewiesen worden“, sagte Elobied. Nicht bewiesen sei auch die vermutete Lagerung von Sprengstoff in der Wohnung seines Klienten. Die Polizei habe bei einer Durchsuchung keine Rückstände von TATP gefunden.