Nahverkehr

BVG-Tarifstreit: Streikpause bis Montag

Am Donnerstag streikten Tausende BVG-Busfahrer und Werkstattmitarbeiter. Die Arbeitgeber bieten Gespräche schon am kommenden Montag an.

Weil Busfahrer streikten, mussten Zehntausende Berliner sich am Donnerstag einen anderen Weg zur Arbeit suchen. Besonders voll waren wie hier am Bahnhof Alexanderplatz die U-Bahnen.

Weil Busfahrer streikten, mussten Zehntausende Berliner sich am Donnerstag einen anderen Weg zur Arbeit suchen. Besonders voll waren wie hier am Bahnhof Alexanderplatz die U-Bahnen.

Foto: Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  In die festgefahrenen Tarifverhandlungen für die rund 14.500 BVG-Beschäftigten kommt Bewegung. Noch während des Warnstreiks der Busfahrer am Donnerstag haben die Arbeitgeber der Gewerkschaft Verdi neue Gespräche für den kommenden Montag angeboten. Ursprünglich war die nächste Verhandlungsrunde erst für den 28. März vorgesehen. „Wir haben das Gesprächsangebot angenommen. Eine Lösung des Konfliktes ist allerdings nur möglich, wenn die Arbeitgeber ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegen und die von ihnen angestrebten Verschlechterungen zurücknehmen“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Jeremy Arndt der Berliner Morgenpost. Bis einschließlich Montag will die Gewerkschaft nun auf weitere Streikaufrufe verzichten.

Tausende Busfahrer folgten dem Streikaufruf

Am Donnerstag waren Tausende Busfahrer und Werkstattmitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dem Aufruf von Verdi zu einem fast ganztägigen Warnstreik gefolgt. Von Betriebsbeginn am frühen Morgen bis 22 Uhr stellten fast alle BVG-Buslinien den Betrieb ein. Lediglich auf rund 30 Strecken, die von privaten Subunternehmen oder Unternehmen aus Brandenburg mit bedient werden, fuhren noch Linienbusse. U-Bahn, Straßenbahn sowie die nicht zur BVG gehörende S-Bahn fuhren ohne Einschränkungen. Auch der Regionalzugverkehr war vom Streik nicht betroffen. All das sorgte dafür, dass der Nahverkehr außer in den Randbezirken von Berlin insgesamt relativ reibungslos lief. „Natürlich waren infolge des Busfahrer-Streiks die U-Bahnen und Straßenbahnen im morgendlichen Berufsverkehr deutlich voller als sonst“, sagte BVG-Sprecherin Petra Nelken. Dennoch habe es lediglich zwei Zugfahrten gegeben, bei denen die Triebfahrzeugführer keine Fahrgäste mehr einsteigen lassen konnten. „Einmal ein Zug auf der U6 in Friedrichstraße und eine U7 am Hermannplatz“, so Nelken. Auch die S-Bahn verzeichnete ein leicht erhöhtes Verkehrsaufkommen, speziell auf den vor allem von Pendlern genutzten Linien S26 und S8. „Insgesamt lief der Verkehr aber prima. Die Pünktlichkeit unserer Züge lag am Vormittag bei 99 Prozent“, sagte S-Bahn-Sprecherin Sandra Spieker der Berliner Morgenpost.

Verdi befürchtet schlechtere Arbeitsbedingungen bei BVG

Auslöser des Warnstreiks der Busfahrer waren Forderungen der Arbeitgeber in den seit Februar laufenden Tarifverhandlungen, die nach Auffassung von Verdi schlechtere Arbeitsbedingungen zur Folge hätten. Als Beispiel nennt Verhandlungsführer Arndt die beabsichtigte Verkürzung der Ruhezeit zwischen zwei Schichten von elf auf zehn Stunden. Auch soll es nach Verdi-Darstellung bei den Metrolinien in der Zeit von 6 bis 22 Uhr keine Wendezeiten von mindestens vier Minuten mehr geben. Diese Zeit kann von den Fahrern für eine kurze Essenspause oder einen Gang zur Toilette genutzt werden. Der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV), der die Verhandlungen für die BVG führt, bestreitet jedoch, dass es solche Forderungen überhaupt gegeben haben soll. Ganz so war es dann wohl doch nicht. So soll BVG-Personalvorstand Dirk Schulte am Donnerstag vor streikenden Busfahrern im Betriebshof Spandau versichert haben, dass die Forderung einer Verkürzung der Ruhezeit ebenso „vom Tisch“ sei wie die nach einem Wegfall der Wendezeit.

Arbeitgeber bieten BVG-Mitarbeitern Lohnplus von sieben bis elf Prozent an

In den seit Februar laufenden Tarifverhandlungen für die rund 14.500 Beschäftigten der BVG und deren Fahrertochter Berlin Transport hatte der KAV am 5. März ein erstes Angebot vorlegt. Es sieht Einkommensverbesserungen in einem Gesamtumfang von 65 Millionen Euro im Jahr vor. Demnach sollen die Löhne der unteren Einkommensgruppen um elf Prozent, die der oberen Entgeltgruppen um sieben Prozent angehoben werden. Konkret könnten Fahrerinnen und Fahrer von Bussen und Bahnen rund 240 Euro sowie Handwerker etwa 284 Euro im Monat mehr verdienen. Damit werde die BVG „nachhaltig konkurrenzfähig im Vergleich zu Nahverkehrsunternehmen in Brandenburg, Bayern und Hamburg“, so eine KAV-Sprecherin. Abgelehnt werden hingegen weiterhin die Verdi-Forderungen nach einer 36,5-Stunden-Woche für alle Mitarbeiter bei vollem Lohnausgleich sowie einer Sonderzahlung für Gewerkschaftsmitglieder von 500 Euro. Bisher müssen Mitarbeiter, die nach 2005 eingestellt wurden, 39 Stunden pro Woche arbeiten. Nach Aussagen der Arbeitgeber würde eine sofortige Arbeitszeitverkürzung dazu führen, dass noch einmal zusätzlich 530 zu den ohnehin benötigten 1100 neuen Mitarbeiter in diesem Jahr eingestellt werden müssten. Alternativ dazu müsste das aktuelle Fahrangebot um bis zu zehn Prozent reduziert werden.

Kleine Gewerkschaften halten Angebot für verhandlungswürdig

Während Verdi das Arbeitgeber-Angebot umgehend als unzureichend zurückwies, sehen dies andere Gewerkschaften offenbar durchaus als Verhandlungsbasis an. So sollen sich die Nahverkehrsgewerkschaft (NahVG) und die zum dbb Beamtenbund gehörende Gewerkschaft für Kommunal- und Landesbedienstete in Berlin (GKL) dem Verdi-Aufruf zu einem Warnstreik nicht angeschlossen haben, weil sie das Angebot der Arbeitgeberseite als verhandlungsfähig ansehen. Beide Gewerkschaften haben allerdings nur relativ wenige Mitglieder in der BVG-Belegschaft und sind dort vor allem in dem dieses Mal nicht bestreikten U-Bahnbereich präsent. Angesichts der unterschiedlichen Haltung zum weiteren Vorgehen fühlte sich Verdi dennoch veranlasst mitzuteilen, dass es beim Warnstreik am Donnerstag keine besonderen Vorkommnisse und auch keine Streikbrecher gegeben habe.

Chaos im Nahverkehr blieb am Donnerstag aus

Wie schon am 15. Februar, als Verdi alle BVG-Mitarbeiter zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen hatte, blieb aber das von einigen befürchtete Chaos im Berliner Nahverkehr aus. Von Einschränkungen stärker betroffen waren vor allem Gebiete in den Außenbezirken. Auf Spandaus Straßen zeigten sich die Auswirkungen des Streiks besonders. Auf der Potsdamer Chaussee, der Heerstraße und rund um die Altstadt Spandau bildeten sich Staus im Berufsverkehr. „Die Straßen sind ab Ortseingang voll, ich hatte sieben Minuten Verspätung auf dem Weg hierher“, berichtete am Morgen ein Busfahrer der Linie 638 – eine Umlandlinie, die zwischen Spandau und Potsdam fährt und daher nicht bestreikt wurde. Viele Spandauer Ortsteile, etwa Kladow, Hakenfelde oder das Falkenhagener Feld, sind nur durch Busse angebunden. Schon in den Tagen vor dem Streik organisierten sich deshalb viele Mitfahrgelegenheiten über Facebook oder die Arbeit, andere stiegen auf das Fahrrad um.

Shuttlebusse zum Flughafen Tegel

Auch der Flughafen Tegel war infolge des Streiks vom Nahverkehr abgeschnitten. Die BVG musste wie angekündigt den TXL und alle andere Linien zum Airport einstellen. Die Flughafengesellschaft richtete daher erneut einen Shuttleverkehr ein, dieses Mal zum nächstgelegenen U-Bahnhof Jakob-Kaiser-Platz. Mit sechs Shuttle-Bussen und den vielen Taxen konnten ankommende Passagiere problemlos vom Flughafen in Richtung Stadt fahren. Niemand habe den 2,5 Kilometer langen Weg bis zum Bahnhof zu Fuß zurücklegen müssen, hieß es. Allerdings bildeten sich am späten Nachmittag auf der A11 in Richtung Tegel lange Staus. Menschen legten teilweise mehrere Hundert Meter zum Flughafen zu Fuß auf dem Standstreifen der Autobahn zurück, um noch rechtzeitig zu kommen. Die Abfertigung in Tegel lief dann aber überwiegend problemlos.

Gute Zeiten für Taxifahrer

In der Innenstadt waren die meisten Nahverkehrsnutzer gut auf den Streik vorbereitet. Die sonst stark frequentierten Bushaltestellen am Kurfürstendamm und am Bahnhof Zoologischen Garten blieben am Morgen leer. An der Hardenbergstraße waren dafür viele Menschen zu Fuß zur Arbeit unterwegs. Gute Zeiten auch für Taxifahrer, die am Donnerstag so viele Fahrgäste wie selten hatten.