Christian Andresen

Dehoga-Chef: Berlin darf nicht sich selbst überlassen werden

Immer mehr Touristen strömen nach Berlin, Anwohner fühlen sich gestört. Christian Andresen fordert mehr Ordnungskräfte auf den Straßen.

Christian Andresen ist seit dem vergangenen Jahr Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Berlin.

Christian Andresen ist seit dem vergangenen Jahr Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Berlin.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ein Besuch in der deutschen Hauptstadt wird immer beliebter. Im vergangenen Jahr zählte Berlin rund 13,5 Millionen Gäste – vier Prozent mehr als noch 2017. Vor allem in Trend-Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg fühlen sich Einwohner allerdings vermehrt von Touristen gestört. Im Interview mit der Berliner Morgenpost nimmt der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Berlin, Christian Andresen, sowohl seine Branche als die Besucher in Schutz und fordert die Politik auf, mehr Ordnungskräfte auf die Straßen zu bringen, um die Lärmschutzbestimmungen auch durchsetzen zu können.

Berliner Morgenpost: Herr Andresen, überfüllte Altstädte, genervte Einheimische, zunehmende Umweltprobleme: Venedig versucht das Problem des sogenannten Overtourism am Mai mit Eintrittsgeld in den Griff zu bekommen. Hat Berlin aus ihrer Sicht auch ein Problem mit Touristenmassen?

Christian Andresen: Berlin wächst, die Stadt wird voller und auch die Anzahl der Touristen, die hierher kommt, steigt seit Jahren. Vor allem im Sommer gibt es Straßenzüge, die nachts stark frequentiert sind und an denen es auch laut ist. Aber Berlin hat kein Problem mit Massentourismus. In den betroffenen Stadtgebieten sind ja nicht nur Touristen unterwegs, sondern auch viele Berliner, die aus anderen Bezirken in die Innenstadtlagen fahren, um dort eine gute Zeit zu haben.

In Trend-Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg beklagen Anwohner allerdings schon länger lautstark über Touristen, die laut sind, Drogen nehmen und Müll liegen lassen. Was sagen Sie denen?

Wer da auf der Straße ist, gilt es erstmal herauszufinden. Ich verstehe aber, dass sich die Menschen unwohl fühlen, wegen dem, was da vor ihrer Haustür mitunter geschieht. Was mir zu schnell geht, ist, dass sofort der Gastronom, der Hotelier oder der Tourist als Verursacher gebrandmarkt wird. Da müssen wir differenzierter rangehen. Klar ist, die Stadt darf nicht sich selbst überlassen werden. Ich sehe Senat und Bezirke gefordert, mehr Ordnungskräfte auf die Straße zu bringen, die dann auch dafür sorgen müssen, dass Lärmschutzbestimmungen eingehalten werden. Gleichzeitig sehe ich die Politik in der Pflicht, endlich das Zweckentfremdungsverbotsgesetz durchzusetzen. Unsicherheit und Lärm gibt es doch auch, wenn im eigenen Wohnhaus täglich die Bewohner wechseln. Da muss die Politik handeln. Generell gilt es natürlich, die Einwohner Berlins bei der touristischen Entwicklung mitzunehmen.

Um Ärger zu vermeiden, will Berlin Gäste künftig auch besser steuern und auch Ziele in den Bezirken bewerben. Ist es realistisch, dass Touristen auf einen Besuch etwa am Brandenburger Tor verzichten?

Wer nur einen oder zwei Tage in der Stadt ist, den werden wir nicht von einem Besuch am Brandenburger Tor oder den anderen beliebten Zielen abbringen. Aber es gibt die Chance, stärker Empfehlungen zu geben. Das muss man organisieren. Wir leben heute in einer durchdigitalisierten Welt. Ich stelle mir vor, dass Touristen, die Berlin besuchen, künftig über eine App auf ihrem Smartphone erfahren, wie stark einzelne Ziele gerade frequentiert sind. Wenn die Gäste dann sehen, dass sie etwa am Brandenburger Tor oder vor einem bestimmten Museum länger warten müssen, wird eine Alternative vorgeschlagen und auch, in welcher Reihenfolge die Attraktionen zu besuchen sind. Ich glaube, diese Vorschläge würden Gäste annehmen. Um Touristenströme künftig digital steuern zu können, brauchen wir aber Investitionen. Ich sehe da auch eine Chance für die Stadt: Wir haben die Infrastruktur und wir haben die Firmen, die das können. Berlin könnte richtungsweisend in dem Bereich werden.

Social-Media und insbesondere die Foto-Plattform Instagram trägt auch dazu bei, dass Ziele überrannt werden. Sehen Sie Möglichkeiten, den Hype zu bremsen?

Ich sehe in Instagram eher eine Chance, Berlin noch besser zu präsentieren und zu vermarkten. Viele Hoteliers und Gastronomen haben die Plattform schon für sich entdeckt und nutzen Instagram gewissermaßen als Verkaufskanal.

Hat sich der Tourist verändert, der nach Berlin reist?

Das würde ich nicht sagen. Alle vereint, dass sie an der Stadt interessiert sind. Aber durch Smartphone und Internet wissen die Gäste viel besser über ihre Destination Bescheid als früher. Wir müssen schauen, auf was die Menschen Wert legen. Meiner Meinung nach wollen Touristen die Stadt möglichst authentisch erleben, sich für eine Zeit lang unter die Bewohner mischen und Teil der Gemeinschaft sein.

Wie kann sich die hiesige Tourismusbranche darauf einstellen?

Ich stelle in meinen Gesprächen mit Hoteliers, Gastronomen, aber auch bei Museen und anderen Attraktionen bereits eine große Erneuerungskraft fest. Alle überlegen, wie sie sich auf die Gäste der Zukunft einstellen können. Wir dürfen nie stillstehen und tun das auch nicht. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Stadt. Entscheidend ist, dass nicht nur die Branche das so sieht, sondern, dass alle Akteure in Berlin daran mitarbeiten. Das betrifft die Politik, aber auch die Bewohner. Vielleicht muss man den Menschen noch stärker verdeutlichen, wie wichtig das Reisen ist. Wenn wir mit anderen Nationen und Kulturen ins Gespräch kommen und uns austauschen, bringt uns das am Ende alle nach vorne. Wir alle sind Botschafter und Gastgeber unserer Stadt.

In Berlin gab es im vergangenen Jahr auch fremdenfeindliche Übergriffe, etwa den Angriff auf einen jungen Israeli in Prenzlauer Berg. Was hören Sie dazu von ihren ausländischen Gästen?

Wenn antisemitische Vorfälle in der Stadt stattfinden, ist es wichtig, dass wir dem als Stadtgesellschaft die Stirn bieten und ganz klar sagen, dass wir so etwas in Berlin nicht haben wollen. Von Touristen selbst bin ich darauf noch nicht angesprochen worden. Was immer wieder passiert, ist, dass ausländische Gäste Opfer von Trickbetrügern oder bestohlen werden.

Die Linkspartei hat in dieser Woche einen Genehmigungsstopp für weitere Hotels gefordert. Was antworten Sie darauf?

Wir sind ein deutlich wachsender Wirtschaftszweig. Für Hotels, aber auch für Gaststätten sollten daher eher Anreize geschaffen werden, um zu investieren. Es geht ja nicht nur um die heutigen Touristen. Wir müssen uns auf das Geschäft der Zukunft vorbereiten. Da wäre es zu kurz gegriffen, wenn man jetzt sagt, man baut keine Hotels mehr. Das würde das künftige Angebot deutlich begrenzen. Berlin kann vor allem im Bereich der Geschäfts- und Kongressreisenden noch weiter wachsen. 90 Prozent des Kongressgeschäfts wird heute in den Berliner Hotels veranstaltet. Das bringt Berlin schon heute sehr viele Steuereinnahmen und schafft Arbeitsplätze. Experten gehen davon aus, dass sich das Neugeschäft in dem Bereich vor allem auf die schon bislang etablierten Messe- und Kongressorte konzentrieren wird. Berlin hat also sehr gute Karten, daran teilzuhaben. Ich höre, dass die verantwortlichen Stellen in der Stadt bereits heute immer wieder Anfragen für Kongresse ablehnen müssen, weil nicht genügend Flächen vorhanden sind. Das heißt, wir brauchen nicht nur mehr Hotels, sondern auch eine entsprechende Infrastruktur und neue Kongressflächen wie zum Beispiel das ICC. Das würde auch helfen den Gästemix zu verändern und wäre wieder eine Möglichkeit den Qualitätstourismus nach vorne zu bringen.

Bei der ITB wurde in dieser Woche auch über die Auswahl Malaysias als Partnerland diskutiert. Sollte die Messe künftig stärker darauf achten, dass in den jeweiligen Ländern die Menschenrechte eingehalten werden?

Die Auswahl des Partnerlandes passiert ja immer mehrere Jahre im Voraus. Ich finde es gut, dass auf der ITB verschiedene Länder zusammenkommen, um voneinander zu lernen und sich auszutauschen. Wenn wir sagen, wir laden nur noch Länder ein, die uns unbedenklich erscheinen, dann wird die ITB in der Form nicht mehr stattfinden können.

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