Einsatz für Frauenrechte

Wenn eine Ministerin auf dem Müllauto mitfährt

Als „Müllwerkerinnen“ waren Frauen bei der BSR noch vor kurzem unerwünscht. Nun versuchte sich Franziska Giffey in dem Job.

Als Müllkutscherin unterwegs für die Rechte der Frauen: Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, geht als Praktikantin bei den Müllwerkern der Berliner Stadtreinigung (BSR) mit.

Als Müllkutscherin unterwegs für die Rechte der Frauen: Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, geht als Praktikantin bei den Müllwerkern der Berliner Stadtreinigung (BSR) mit.

Foto: Maurizio Gambarini

Franziska Giffey weiß jetzt, was der „Hose-voll“-Knopf ist. Das ist gut. Denn zumindest, wenn man zum ersten Mal und ohne ausgiebige Einweisung auf dem Trittbrett an einer der hinteren Ecken eines Müllfahrzeugs mitfährt, dürfte man sich sicherer fühlen, wenn man dem Fahrer per Knopfdruck jederzeit seinen ganz persönlichen Haltewunsch mitteilen kann.

Giffey, als Bundesfamilienministerin sonst meist im Blazer unterwegs, trägt heute einen orangefarbenen Overall der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR). „Frauen können alles.“ So formulierte es die SPD-Politikerin gerade erst im Interview mit der Berliner Morgenpost.

Anlässlich des internationalen Frauentags will sie an diesem Donnerstag nun zeigen, dass das auch wirklich so ist. Beherzt, aber doch behutsam steigt sie, als das Fahrzeug vor einem Mehrfamilienhaus in der Homburger Straße in Wilmersdorf zum Stehen gekommen ist, also von dem kleinen Trittbrett herunter, betritt den Gitterverschlag des Grundstücks mit den Mülltonnen und bugsiert einen Behälter nach dem anderen zu dem großen orangefarbenen Lkw.

Die Tonne am Schwenkarm ansetzen – „Ach ja, jetzt ist sie eingerastet“ – und den Hebel nach unten bewegen. Schon hebt sich der dunkelgraue Behälter empor und der Abfall landet in der sogenannten Schüttung. „Und jetzt schieben wir die Tonne wieder zurück“, sagt Giffey.

Kollegen loben Giffeys Arbeit als Müllwerkerin als „einwandfrei“

Rund eine Stunde sind sie jetzt schon zusammen unterwegs, und bisher, so sagt Giffeys Kollege für diesen Tag, der Müllwerker Robert Hofmann, mache die „Franziska“ – Müllwerker duzen sich eben – ihre Sache „einwandfrei“. Die eigentliche Bewährungsprobe steht aber noch bevor.

Denn die meisten Journalisten warten erst um die Ecke auf Giffey, vor dem vereinbarten Treffpunkt an einem weiteren Mehrfamilienhaus an der Binger Straße 75. Hier muss sie glänzen, vor den Kameras und Fotografen, hier will sie – Politikerin, die sie ist – ein weiteres Mal unter Beweis stellen, dass sie die Bodenhaftung, die viele an ihr in ihrer Zeit als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin so schätzen, auch als Mitglied der Bundesregierung nicht verloren hat.

Giffey kann solche Termine. Sie lächelt, wie sie vorher schon gelächelt hat, als die Journalisten noch nicht dabei waren. Sie touchiert die Mülltonnen nicht nur, sondern packt an – wie sie es zuvor, als sie noch (fast) alleine mit ihren BSR-„Kollegen“ unterwegs war, auch schon getan hat.

Giffeys Erfolgsgeheimnis

Das ist Giffeys Geheimnis, sagen manche, mit dem sie es zur vielleicht wichtigsten Hoffnungsträgerin ihrer Partei gebracht hat: Sie wirkt authentisch, weil sie sich dafür nicht verstellen muss. Sie muss niemandem vorgaukeln, zupackend zu sein. Sie ist es wirklich – heißt es jedenfalls selbst aus dem Mund von so manchem politischen Gegner.

Ist die Mülltour also ein ganz normaler PR-Termin einer Spitzenpolitikerin, die sich auf dem Weg nach ganz oben in Szene setzen will? Das wäre zu kurz gedacht. Denn Giffey hat auch ein inhaltliches Anliegen.

Denn Müllwerker – mindestens bei diesem Wort war es in Berlin bis vor kurzem korrekt, auf die weibliche Form zu verzichten – waren ausgerechnet in der vermeintlich so fortschrittlichen deutschen Hauptstadt ausschließlich Männer. Frauen setzt die BSR dagegen erst seit November vergangenen Jahres auf den Müllfahrzeugen ein. Knapp 70 Jahre, nachdem im Grundgesetz festgeschrieben wurde, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf, wurden Frauen bei den Stellenausschreibungen einfach außen vorgelassen.

Frauen sei zu schwach, hieß es über Jahrzehnte

Frauen seien zu schwach für den Job als Müllwerker, hieß es über Jahrzehnte aus den Chefetagen und den Personalvertretungen. Nun aber sind bei der BSR auch 15 Frauen auf den Müllfahrzeugen unterwegs. „Wir müssen aufräumen mit den Rollenklischees“, sagte Giffey denn auch. Und: „Ich möchte eine Arbeitswelt, in der Frauen in typischen Männerberufen genauso gut arbeiten können wie Männer in typischen Frauenberufen.“

Franziska Giffey und die BSR
Franziska Giffey und die BSR

Und der Job als Müllwerkerin? „Ziemlich anstrengend“, sagt Giffey. Sie habe sich aber ein Bild davon machen können, dass auch Frauen diesen Job erledigen könnten. „Dafür brauchen sie eine Portion Mut, gute weibliche Vorbilder und eine fördernde Unternehmenskultur.“

Würde Franziska Giffey sich für den Job der Müllwerkerin bewerben, müsste sie zuvor zeigen, dass sie eine Tonne mit einem Gewicht von 50 Kilogramm innerhalb von fünf Minuten auf einer schrägen Ebene 120 Meter weit schieben kann. Ob sie sich das zutrauen würde, wird Giffey bei dem Pressetermin nicht gefragt.

An die Blasen und den Muskelkater gewöhnen die Frauen sich

Annika Schön hat es geschafft. Sie ist eine der 15 BSR-Frauen, die seit November als Müllwerkerinnen arbeiten. Am Anfang habe sie Blasen an den Füßen gehabt und Muskelkater. „Aber da gewöhnt man sich echt dran“, berichtet sie der Familienministerin. Später sagt sie noch, dass Müllwerkerinnen und Müllwerker an einem Arbeitstag etwa 17 Kilometer zurück legen. Ja, das sei anstrengend. „Aber es ist schön, an der frischen Luft zu arbeiten.“

Mit den (männlichen) Kollegen komme sie bisher gut zurecht, sagt Annika Schön. Manchmal würde man schon „einen Spruch“ hören. „Aber da muss man dann eben reagieren“, sagt Annika Schön. Ausfällig, offen frauenfeindlich oder klar sexistisch habe sich bisher kein Kollege geäußert.

Auch die Rückmeldungen von Passanten seien bisher ausnahmslos positiv gewesen. Oft würden ihnen Kinder zuwinken. „Guck mal, da ist eine Müllfrau!“ Diesen Satz hätten sie von Kindern schon häufiger gehört, berichten auch die Kolleginnen von Annika Schön.

Blumen von der Ministerin

Und der Frauentag? Die BSR-Frauen zucken mit den Schultern. Müllwerkerin Darline Scholz sagt: „Für uns ist eigentlich jeder Feiertag blöd. Wenn in der Woche ein Tag frei ist, müssen wir die Tour nämlich am Samstag nachholen.“ Dann gibt’s noch Blumen, verteilt von der Bundesfamilienministerin persönlich. Nette Geschenke und klare politische Forderungen für mehr Frauenrechte – das schließe sich doch nicht aus, sagt Giffey.