Prozess in Berlin

Kudamm-Raser: Anklage hält Mordvorwurf aufrecht

Die Staatsanwaltschaft bleibt im Prozess gegen die Kudamm-Raser beim Mordvorwurf. Am Donnerstag forderte sie erneut lebenslange Haft.

Rainer Elfferding, Anwalt, Marvin N., Angeklagter, Enrico Boß, Anwalt, Ingmar C. Pauli, Anwalt, Hamdi H., Angeklagter, und Peter Zuriel, Anwalt, stehen im Kriminalgericht Moabit (v.l.n.r.).

Rainer Elfferding, Anwalt, Marvin N., Angeklagter, Enrico Boß, Anwalt, Ingmar C. Pauli, Anwalt, Hamdi H., Angeklagter, und Peter Zuriel, Anwalt, stehen im Kriminalgericht Moabit (v.l.n.r.).

Foto: Annette Riedl / dpa

Knapp zwei Stunden dauerte am Donnerstagvormittag das Schlussplädoyer von Oberstaatsanwalt Christian Fröhlich im Prozess gegen die „Kudamm-Raser“ Marvin N. und Hamdi H. Geradezu penibel listete er die für ihn entscheidenden Zeugenaussagen während der Beweisaufnahme auf, ebenso detailliert ging er auf die Sachverständigen ein, die in dem Prozess gehört wurden.

Am Ende des Vortrags war klar: Die Staatsanwaltschaft hält weiter an ihrer Auffassung fest, wonach die Angeklagten bei ihrem ebenso spektakulären wie folgenschweren Autorennen im Februar 2016 den Tod eines Unbeteiligten billigend in Kauf genommen und somit bedingt vorsätzlich gehandelt haben.

Zudem, so Fröhlich, haben N. und H. gleich drei Mordmerkmale erfüllt, sie haben der Anklage zufolge heimtückisch, aus niederen Beweggründen und unter Einsatz gemeingefährlicher Mittel (in diesem Fall ihre hochgezüchteten Fahrzeuge) gehandelt.

Entsetzliche Details kommen zur Sprache

Die logische und einzig mögliche Konsequenz daraus: eine neuerliche Verurteilung beider Angeklagter zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen gemeinschaftlichen Mordes. Die weitere Forderung des Oberstaatsanwaltes, Hamdi H. und Marvin N. dürften nie wieder in den Besitz einer Fahrerlaubnis gelangen, wird bei dem beantragten Strafmaß fast schon zur Nebensache.

Geschickt verstand es der Anklagevertreter, bei seiner nochmaligen Schilderung des Geschehens aus der Nacht zum 1. Februar 2016 sämtliche besonders entsetzliche Details einzubauen. Die „irrsinnige Raserei“ über Kudamm und Tauentzienstraße auf einer Strecke von 2,5 Kilometern. Die vielen bei Rot überfahrenen Ampelkreuzungen. Die Höchstgeschwindigkeiten, mit denen die beiden jungen Männer in Höhe der Gedächtniskirche unterwegs waren, Marvin N. in seinem Mercedes AMG mit 140, Hamdi H. in seinem Audi A6 mit 160 Stundenkilometern.

Auch die Zeugenaussagen der am Unfallort eingesetzten Polizisten brachte Fröhlich nachdrücklich in Erinnerung. Ein Beamter hatte ausgesagt, er habe angesichts des sich ihm bietenden Bildes an der Unfallstelle Angst gehabt, auf Körperteile zu treten. Weitere Beamte hatten mit Freunden der Angeklagten aus der Raserszene gesprochen, die sich schnell am Ort des Geschehens eingefunden hatten. „Das gibt höchstens ein Jahr auf Bewährung, die Anwälte sind bereits informiert, die machen das schon“, soll einer der Raser-Kumpels gesagt haben.

Nichts, was heil geblieben war

Die Aussagen der verschiedenen Sachverständigen kamen im Schlussvortrag am Donnerstag ebenfalls noch einmal zur Sprache. Der Jeep des unbeteiligten 69-Jährigen, der dem illegalen Rennen an der Kreuzung Tauentzienstraße / Nürnberger Straße zum Opfer fiel, war einem Gutachter zufolge vom Audi des Angeklagten H. regelrecht durchbohrt worden. Und Rechtsmediziner Michael Tsokos hatte berichtet, auf der linken Körperhälfte des beim Zusammenprall getöteten Jeep-Fahrers habe es nichts gegeben, was heil geblieben war.

In den Ausführungen von Fröhlich fehlten auch nicht die Zeugenaussagen, die ein wenig schmeichelhaftes Bild der charakterlichen Eigenschaften beider Angeklagter zeichneten. Marvin N.s größte Sorge nach dem Unfall soll seinem Smartphone gegolten haben, bis er erleichtert erfuhr, dass das Gerät den Unfall heil überstanden hatte. Und Hamdi H. soll lautstark das Schicksal seines bei dem Zusammenprall total zerstörten Audi A6 beklagt, an den getöteten 67-Jährigen ähnlich wie auch N. zunächst keinen Gedanken verschwendet haben.

Riesiger Unterschied zwischen Mord und fahrlässiger Tötung

Gäbe es in Deutschland wie in den USA zwölf Geschworene, die über Schuld oder Unschuld entscheiden, das Schicksal der beiden Angeklagten wäre nach dem Plädoyer des Oberstaatsanwaltes wohl besiegelt. Aber im deutschen Recht wird das Urteil von einer Strafkammer mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besprochen. Und die für diesen Fall zuständige 32. Schwurgerichtskammer wird am Dienstag kommender Woche, wenn die Verteidiger ihre Schlussvorträge halten, wohl eine ganz andere Geschichte hören.

Denn die Anwälte gehen von einer fahrlässigen Tötung aus, das haben sie während der Beweisaufnahme immer wieder bekräftigt. Und das war auch ihre Strategie im ersten Prozess, dessen Urteil - lebenslänglich wegen Mordes - vom Bundesgerichtshof wieder aufgehoben wurde. Der Unterschied zwischen Mord und fahrlässiger Tötung ist riesig, letzteres wird zumeist mit Bewährungs- oder Geldstrafen geahndet.

Auch nach dem Urteil geht die Geschichte weiter

Allerdings haben sich die Karlsruher Richter bei ihrer Revisionsentscheidung nicht zum Inhalt des ersten Berliner Urteils geäußert, ihnen reichten lediglich die Beweise für einen Mord nicht aus. Für die Staatsanwaltschaft bedeutet dies: Eine neuerliche Verurteilung wegen Mordes schließt auch der BGH nicht aus.

Wie immer die 32. Kammer des Berliner Landgerichts in ihrem Urteil auch entscheidet, das Ende der jetzt schon unendlichen Geschichte dürfte damit keineswegs erreicht sein. Die Verteidigung hat bereits angekündigt, bei einer neuerlichen Verurteilung wegen Mordes wieder den Gang nach Karlsruhe anzutreten.

Sollte hingegen das Gericht nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen, wird wohl auch die in Revision beim BGH gehen. Die Anklagebehörde hat sich zu deutlich positioniert, als dass sie ein von ihrem Antrag abweichendes Urteil stillschweigend akzeptieren könnte.