Musik

DJ Anja Schneider pendelt zwischen Club und Schulbroten

Anja Schneider ist eine der bekanntesten weiblichen DJs der Welt - und Mutter eines Siebenjährigen. Wie passt das zusammen?

DJ Anja Schneider im Tonstudio und Sohn Rio macht Faxen: ein fast normaler Tag bei Familie Schneider.

DJ Anja Schneider im Tonstudio und Sohn Rio macht Faxen: ein fast normaler Tag bei Familie Schneider.

Foto: Reto Klar

Als Rio noch im Kindergarten war, da hat seine Mama einmal in dem kleinen Bewegungsraum nebenan vor allen Kindern aufgelegt. Rio durfte bei der Playlist helfen. Musik von Radio Teddy oder „Bolo­gna“ von Wanda – das singen sie immer zusammen. Es hat nicht ganz so laut gescheppert wie sonst, sie wollte mal zeigen, was man mit Musik alles anstellen kann. „Getanzt haben die Kinder von ganz allein.“ 2017 war das. Jetzt wussten es alle in der Kita: Anja Schneider ist eine der bekanntesten Techno-DJs der Welt. Die 44-Jährige fliegt an den Wochen­enden um die Welt, spielt in Clubs zwischen Sydney und São Paulo. Bis in die frühen Morgenstunden. Und sie hat einen Sohn: Rio Schneider, sieben Jahre, dunkle Knopfaugen.

Ein Star zu sein im exzessiven Nachtleben der Techno-Szene und einem Zweitklässler jeden Morgen die Butterbrote schmieren, das geht bei Anja Schneider zusammen. Und doch ist es ungewöhnlich. Auch weil die DJ-Szene trotz eines in jüngster Zeit wachsenden Frauenanteils häufig noch nach dem Motto funktioniert: Ich Tarzan, du DJane. Schneider ist in dieser Männerdomäne eine der wenigen weiblichen DJs, die sich öffentlich dazu bekennen, Mutter zu sein. Warum ist das auch im Jahr 2019 noch so etwas Besonderes?

Anscheinend ist es das. Denn Anja Schneider hat in der Kita lange nicht über ihren Beruf geredet. Viele dachten, sie sei Stewardess, weil sie am Wochenende immer unterwegs ist. Aber dann hat ein Vater, ein Opernsänger, den Kindern seinen Beruf erklärt, hat in der Kita Arien gesungen. Das kann ich auch, dachte Schneider. Seitdem fragte Rios Erzieherin oft, ob sie auf die Gästeliste darf.

Vor sechs Jahren das letzte Mal im Berghain

Es ist Ende Februar, Anja Schneiders Tonstudio liegt unweit der hippen Torstraße in Mitte, dort liegt ihr eigenes Label „Sous Music“, dort produziert sie neue Tracks, schreibt Rechnungen. Schneider hat anstrengende Wochen hinter sich mit Auftritten in Kairo, Chicago oder Belgrad. Nebenher moderiert sie noch eine Radiosendung. Rio sitzt auf dem großen Empfangstisch. An diesem Tag ist Schulstreik – er darf deshalb bei ihr im Studio sein. Bei dem Termin mit dem Fotografen schneidet der Siebenjährige Grimassen, dann geht’s zum Pizzaessen mit Kumpels. Alltag bei Familie Schneider.

„Ich weiß auch nicht, was die Leute daran fasziniert, dass ich DJ und Mutter bin“, sagt Schneider und lacht. Es habe sich natürlich viel verändert, seit Rio da ist. Alles ist nicht mehr so exzessiv wie früher. „Das letzte Mal habe ich vor sechs Jahren im Berghain getanzt“, sagt sie in Anspielung auf den berühmten Friedrichshainer Club. Manchmal sei das schon schwer, wenn sie zwischen den Feiernden stehe und selbst nüchtern sei. Wenn sie auflegt, trinkt sie meist nichts, raucht nicht. „Alle betrinken sich, und du nimmst ein Wasser. Du bist der Partykiller.“ Das sei üblich bei denen, die professionell auflegen. Sonst halte man das nicht durch – Alkohol, Drogen, wenig Schlaf. Ungesunde Mischung.

Am Wochenende fliegt sie um die Welt

So eine Arbeitswoche bei Anja Schneider geht heute so: Morgens schmiert sie Brote, bringt Rio zur Schule, geht laufen, dann macht sie Buchhaltung, produziert neue Musik und um halb vier holt sie Rio aus der Schule. „Alle denken immer, oh, DJs, die pennen immer lange, und die Woche fängt erst mittwochs an“, sagt Schneider. „Das stimmt so alles nicht.“

Am Wochenende fliegt die 44-Jährige oft um die Welt. Sie ist Teil des globalen DJ-Zirkus. Rio hat sich daran gewöhnt, ist dann bei seinem Vater, den Großeltern oder Schneiders neuem Partner. „Die sind eigentlich immer ganz froh, wenn Mama mal abhaut und sie mal so einen Männerabend haben“, erzählt Schneider.

Früher flog sie zu Auftritten nach Ibiza, legte ein paar Stunden auf und blieb dann eine Woche. Strandurlaub, selbst feiern. Heute nimmt sie immer den letztmöglichen Flieger und den erstbesten zurück nach Berlin. Je älter sie wird, je mehr ist da Heimweh und die Sehnsucht nach ihrem Sohn. „Als Rio das erste Mal gesagt hat: ,Mama, ich will nicht, dass du gehst‘, das hat mir das Herz gebrochen in dem Moment.“

Sie zeigen sich gegenseitig Kinderbilder

Allerdings hat sich nicht nur Schneider verändert. In der DJ-Szene, die, so könnte man sagen, erwachsen geworden ist und sich professionalisiert hat, sind andere Sachen wichtiger geworden als das nächtelange Feiern zur eigenen Musik. „Wir zeigen uns heute gegenseitig Kinderbilder, wenn wir uns auf größeren Festivals treffen“, erzählt Schneider. Nicht nur männliche DJs haben Kinder – „sondern auch mehr weibliche DJs, als man denkt“. Der Unterschied: Bei den Männern wird die Arbeit im Club auch mit Kind als normal angesehen. Die Frau kümmert sich ja. Ganz einfach. Anja Schneider hingegen wurde nach Rios Geburt schon mal gefragt: Hey, wo hast du denn dein Kind gelassen? „Die Männer haben sich das untereinander natürlich nie gefragt. Irgendwann habe ich dann gesagt: ,Ja, den habe ich jetzt an der Garderobe abgegeben.‘“ Das hat sie getroffen. „Warum werden Frauen dafür angegriffen, Mutter zu sein?“, fragt sie.

Mutterschaft ist ein schwieriges Thema in der DJ-Szene

Schneider, die mit einem Kaffeebecher auf ihrem Studiosofa sitzt, beschäftigt das. Warum werden Frauen gerade in einer Szene anders behandelt, die sich selbst oft als Avantgarde versteht? Auch die vermeintlich fortschrittliche Techno-Szene ist nicht frei von Ressentiments – an Gleichberechtigung fehlt es an allen Ecken. Eine Untersuchung von Berliner Clubs und Festivals ergab 2014, dass nur zehn Prozent der gebuchten Künstler Frauen waren. Anja Schneider gibt zu Bedenken: „Gerade in den letzten Jahren hat sich da viel getan – viele junge Frauen spielen auch große Gigs.“

Das Thema Mutterschaft und Älterwerden sei aber nach wie vor schwierig – gerade für weibliche DJs. Nach außen zählt das Image, nicht der Privatmensch. „Bei uns Frauen redet man nicht so viel über das Älterwerden oder Muttersein, das ist so ein bisschen schwierig“, sagt sie. Die Techno-Szene ist auch eine, in der es viel um Äußerlichkeiten geht. Das merkt spätestens, wer es an den harten Berliner Clubtüren vorbei geschafft hat und in die hübsch-freudigen Gesichter der tanzenden Männer und Frauen schaut. Manchmal frage sie sich dann schon, wenn sie um vier Uhr morgens zwischen ein paar 20-Jährigen steht, ob sie da eigentlich noch hingehört. „Die erzählen mir Dinge, die habe ich schon tausendmal gehört.“

Ihr Sohn soll bodenständiger werden

Gelegentlich zweifelt sie, wie das bei ihr alles zusammengeht, das Kind, das Alter und das Nachtleben. Doch die Lust, an dem, was sie tut, wischt die Bedenken rasch weg. „Ich liebe das nach wie vor, was ich mache, liebe die Reaktionen der Leute, wenn ich Musik auflege“, sagt sie dann.

Was sie denn antworten würde, wenn Rio Schneider einmal den gleichen Traum hat wie seine Mutter? „Oh, schlimm“, sagt sie schnell, lacht. „Nee, ich würde ihn natürlich in seinen Bedürfnissen fördern.“ Aber vorstellen kann sie sich das nicht. Rios Träume gerade: Tennisspieler, Polizist und Müllmann wollte er auch mal kurz werden. Anja Schneider hofft auf ein bisschen Bodenständigkeit bei ihrem Sohn.

Für sie selbst geht es schon am Wochenende weiter. Schneider fliegt in die Schweiz, legt in einem alten Gaskessel auf, heute ein angesagter Club für Technojünger. Rio wird dann in Berlin auf sie warten. Spätestens am Montag schmiert sie ihm dann wieder die Schulbrote.

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