Frauentag 2019

Edition F - Feminismus aus Berlin für den Mainstream

Am Erfolg des feministischen Online-Magazins Edition F aus Berlin kommt niemand mehr vorbei. Ein Besuch.

Finde einen Weg: Das Frauenwahlrecht seit 100 Jahren ist eine gute Sache, aber viele Veränderungen fehlen noch, sagt Chefredakteurin Teresa Bücker.

Finde einen Weg: Das Frauenwahlrecht seit 100 Jahren ist eine gute Sache, aber viele Veränderungen fehlen noch, sagt Chefredakteurin Teresa Bücker.

Foto: Reto Klar

Berlin. Vor Jobantritt wurde Teresa Bücker unerwartet schwanger. Ihr schlechtes Gewissen war riesig, der Vertrag war ja längst unterschrieben. „Die Frau“ in offiziell gebärfähigem Alter, man weiß es, ein Risiko in kapitalistischer Gesellschaft. Ja, immer noch. Willkommen im Jahr 2019.

Bücker aber war kein Risiko, nicht für Edition F, nein. Die Gründerinnen des Onlinemagazins für Frauen rechneten regelrecht mit solchen „Störfaktoren“, auch damals schon bei Gründung. Schwangerschaft, Familie, gleichberechtigte Partnerschaften, alles sowas. Mussten sie auch, natürlich, es hätte sie sonst direkt Authentizität gekostet.

Ein Magazin für Frauen, das Frauen ignoriert, die aufgrund ihres Frauseins nicht ausreichend gewinnbringend sein könnten? Doppelmoral. Texte über Gleichberechtigung in der Berufswelt schreiben und jemanden wie Bücker kaltherzig „loswerden“? Skandal. Letzteres war übrigens ein ernst gemeinter Rat von der kapitalgetriebenen Start-up-Welt an die damaligen Jungunternehmerinnen.

Verkrustete Strukturen hinterfragen

Bückers Beginn also – mehr oder weniger – einer in Babypause, damals, als das Start-up selbst gerade mal geboren wurde. Das war 2014. Drei Jahre später wurde sie Chefredakteurin. Am Ende beschreiben ihr Anfang und ihre Karriere in der Redaktion exemplarisch, für was das Start-up stehen will: für das Sprengen und Hinterfragen verkrusteter Strukturen.

Die Journalistin Bücker, die mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf Podien über die Zukunft von Erwerbstätigkeit spricht und bei Maischberger über sexuelle Gewalt, erzählt diese Anekdote im Büro in Prenzlauer Berg. Mit ihr im Raum ihre vier schreibenden Kolleginnen, zwischen 25 und 39 Jahren. Von (noch) kinderlos bis Mutter mit drei Kindern ist alles dabei.

Sie alle füttern das Onlinemagazin Edition F gemeinsam mit der Community Tag für Tag mit Inhalt. Die Nähe zu den Lesern erdet die Journalistinnen. Sie sind gewissermaßen der Spiegel der Gesellschaft – setzen Themen, moderieren einander, ergänzen wichtige Perspektiven. Die Kommentarfunktion, ganz anders als bei großen Medien, ist für Edition F viel Wert.

Wenn auch sie natürlich wissen, dass die Diversität größer sein könnte. Sie selbst, ihre Leser und auch die schreibenden darunter gehören mehrheitlich zu einer Blase – sind ein stückweit elitär. „Die Themen betreffen nur selten die Existenz“, sagt auch Wohlert. Dagegen versuchen sie verstärkt anzuarbeiten.

Von 25 Kollegen sind fünf Männer

Ein paar Häuser weiter sitzt das restliche Team des Unternehmens. Developerinnen, Sales- und Eventmanagerinnen, Administratorinnen sowie die beiden Gründerinnen Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann. Unter den insgesamt 25 Kollegen im Start-up auch, ja wirklich, fünf Männer. Die Väter unter ihnen sind übrigens diejenigen, die zuhause bleiben, wenn das Kind krank ist, sagt Wohlert. Und auch das wissen sie: Es sind Ausnahmen.

So wie ihr Magazin damals eine Ausnahme schien. Edition F wurde von den Dinos der Branche, auch denen aus der Verlagswelt, zu Beginn sogar ein Scheitern prognostiziert. Man sagte ihnen, Marktanalysen hätten gezeigt, „Frauen wollen sowas nicht“. Aha.

Also keine Texte über Ehegatten-Splitting und Abtreibung lesen. Auch keine Meinungen zu der Frage: Bedeutet ein Baby Selbstaufgabe? Oder zum prämenstruellen Syndrom. Nun könnte man ja durchaus behaupten, 500.000 Besucher im Monat (Stand jetzt) seien eigentlich ganz gut, oder nicht?

Fast wirkt es, als hätten die bis dato (auch immer noch) männerdominierten und wirtschaftsgetriebenen Medien die Edition F-Idee aus Selbstschutz klein reden wollen. Gelungen ist es ihnen offensichtlich nicht.

Heute ist Feminismus im Mainstream angelangt

Was schon stimmt, ist, dass vor fünf Jahren die meisten Themen für und über Frauen, abseits von Schminktipps, Rezepten zum Abnehmen und der besten Methode für dauerhaft glatte Beine, eher nischig waren. Heute ist Feminismus irgendwo im Mainstream angelangt, also massenkompatibel.

Auch darüber wird immer wieder debattiert: Ist es okay, Feminismus gewissermaßen zu kommerzialisieren? Statement-Shirts und Popsängerinnen, die „Feminism“ auf der Bühne schreien. Kommerz ist blöd, ja, hier aber sollte man ihn mehr als Erfolg verstehen.

So ein unkomplizierter, inklusiver Zugang erreicht halt mehr Menschen, sensibilisiert sie, weckt Bewusstsein, gibt ihnen gar ein neues. Generell gilt mehr als zuvor, das heteronormative System zumindest nicht blind hinzunehmen. Schlecht ist das ja nicht.

Und doch ist das lange nicht genug – einhellige Meinung der Redaktion. Dass das 100-jährige Wahlrecht für die Frau nun so gefeiert wurde, sei natürlich berechtigt. Allerdings passiere in anderen Bereichen kaum was. Bücker erinnert sich an einen ihrer Artikel zum Weltfrauentag 2016: „13 Schlagzeilen, die wir bis 2020 lesen wollen.“ Beispiel: Löhne in Frauenberufen steigen. Bis heute wurde nichts davon umgesetzt.

Politiker denken zu wenig mit

Vieles scheitert noch überhaupt vor dem Versuch einer Veränderung. Politiker denken zu wenig mit. Es gibt nur wenig progressives Voranschreiten. Und wenn, siehe Artikel 219a, dann eines gegen die Freiheit der Frau, des Menschen. Und dann die Quote als Beispiel, bei Einführung als „Meilenstein“ gehandelt. Fortschritt ja, aber auch Augenwischerei, meint Bücker. Denn: äußerst wenig Frauen profitieren doch überhaupt von ihr.

„Manchmal hat man mehr das Gefühl, gegen eine Art Backlash zu arbeiten“, sagt Helen Hahne, 28, resigniert. Der Blick nach draußen bestätigt Rückschritte überall: USA, Brasilien, Polen, Ungarn, Italien - und nur ein paar macho-geprägte Regierungen zu nennen. „Das, was vielerorts gerade passiert, sollte nicht die Zukunft, nicht mal die Vergangenheit sein“, findet Wohlert.

Sowieso seien viele der Debatten zu undifferenziert – „es gibt nicht ‚die‘ Frau“, sagt Bücker. Und davon abgesehen betreffe Gleichberechtigung nicht nur ein Geschlecht.

Dass der gesamte Themenkomplex, sagen wir, normaler geworden ist, sieht man zumindest daran, dass Leitmedien kontinuierlich darüber berichten. Bezeichnungen ein gewisses Selbstverständnis bekommen haben.

Silvia Follmann, Redaktionsleiterin, seit 2014 dabei, erinnert sich an ein Interview mit der Autorin Mirna Funk vor zwei Jahren. Ihr provokanter Satz, „Die alten weißen Männer bäumen sich noch mal auf“, habe damals einen gigantischen Shitstorm ausgelöst.

„Alte weiße Männer“

Nun erscheint Sophie Passmanns Buch mit dem Titel „Alte weiße Männer“ – eine angesehene Social-Media-Meinungsträgerin, Kolumnistin im Zeit-Magazin, Radiomoderatorin. Sicher wird diskutiert, auch sie angefeindet, doch die Toleranzgrenzen in der Gesellschaft haben sich eben verschoben. Wenn auch nicht überall und nicht immer nur zum Positiven.

Positiv ist es so oder so, dass so viele Autorinnen Bücher bei Publikumsverlagen veröffentlichen können, manche sogar Bestseller werden. Margarete Stokowsky, Sheila Heti, Liv Strömquist.

Natürlich stapeln sich auch bei Edition F all diese Bücher. An den Wänden Plakate mit werbewirksamen Sprüchen für eine bessere, eine gleichberechtigtere Gesellschaft. Sticker auf den Handys mit einem schnellen Auto und der Aufschrift „100 PMS“.

Das mit dem PMS und allem, was zur Menstruation so dazugehört, ist übrigens etwas, das hier natürlich viel offener als in anderen Firmen behandelt wird. Es ist halt normal. Einerseits kein Tabu, andererseits wird es nicht als Schwäche gehandelt. So eine chronische Belastung kann einen ans Limit treiben, da ist vor allem Verständnis. „Mein Unterleib bringt mich um“, ist hier eine legitime Entschuldigung.

Nun, was interessiert Frauen denn heute? Gleichberechtigung in der Berufswelt. Equal Pay und Quote. Vereinbarkeit von Kind und Karriere, gleichberechtigte Elternschaft. Schaut man in die meisten realen Lebenswelten, sehe man eben noch immer vor allem das binäre System in all seiner frauenfeindlichen Pracht, sagt Autorin Lisa Seelig, 39, Mutter von drei Kindern in Teilzeit. Es klingt, als würde sie aus Erfahrung sprechen.

Keine Unterschiede spürbar

Interessant ist natürlich, dass auch hier in einer aufgeklärten, frauendominierten Arbeitswelt, wo die Quote andersrum ist (20 Prozent Männer!), nicht jeder immerzu vom altertümlichen Weltverständnis befreit ist.

Auch hier ertappt man sich bei automatisierten Gedanken, über die sich im Nachgang geärgert wird. Nun überlegen Sie sich doch nur mal, wie das dort zugehen muss, wo man einander nicht mal auf fehlgeleitete Gedanken hinweisen kann, weil man es einfach nicht besser weiß!

Am Ende unterstreicht genau das wohl die Antwort, die Eventmanager Sebastian Geis, 36, auf die Frage, wie es sei, fast ausschließlich mit Frauen zu arbeiten, gibt: Keine Unterschiede spürbar, allesamt Menschen mit verschiedenen Charakteren. Also keine Queen Bees, Ellenbogen, kein Zickenkrieg? Nö.

Vermutlich liegt das auch an den anti-hierarchischen Strukturen – sowohl im Personal als auch im Geschlecht. Edition F sehnt sich eben nach einer Gesellschaft, die nicht menschenfeindlich ist.

Geschlechterrollen zu tief verwurzelt

Bis dahin muss zunächst einer ganzen Menge überhaupt erstmal das Problem mit den Geschlechterrollen, der Binarität, bewusst werden. Zu tief verwurzelt. Geprägt durch Eltern, die da in aller Regel noch tiefer drinstecken. Schwarz auf weiß wird das auch deutlich bei solchen E-Mails an das Start-up: „Wäre ich eine Frau, würde ich mich sofort bei euch bewerben!“

Die Probleme sind strukturell. Deshalb bezweifelt Edition F auch, dass Sexismus bald schon in Rente geht. Chronische Mansplainer werden überleben und bis jeder genügend Empathie und Sensibilität für ernst gemeinte Gleichberechtigung erlangt hat, wird sicher noch eine Weile vergehen müssen.

Ein großes Thema, vor allem bei der jüngeren Generation, ist übrigens Gesundheit von Psyche und Körper. Damit einher geht das Verlangen nach weniger Arbeit im Leben, entgegen der etablierten 40-Stunden-Woche. Altmaier sagte Bücker dazu neulich in einem Gespräch, dass sich Deutschland finanziell dann nicht mehr tragen würde.

Was er dabei offenbar vergisst: ohne gesunde Menschen keine Wirtschaft… Außerdem wäre da noch eine der wichtigsten Fragen dieser Zeit, über die sich wohl nicht nur Altmaier Gedanken machen sollte. Bücker: „Wie sollen wir Demokratie bewahren, wenn niemand Kapazität dafür hat?“

Man sollte es Edition F nachmachen und all die verkrusteten Strukturen unserer Gesellschaft endlich beginnen, zu hinterfragen.

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