Frauentag 2019

Der Rat der Bürgermeisterinnen

Acht aktive und ehemalige Bezirksbürgermeisterinnen über ihrem Weg zum Erfolg und was sie jungen Frauen raten.

Angelika Schöttler (SPD).

Angelika Schöttler (SPD).

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Auch 100 Jahre, nachdem das Frauenwahlrecht erkämpft wurde, sind Frauen in der Politik noch in der Minderheit. Wir haben die Pionierinnen der Lokalpolitik nach ihren Erfahrungen gefragt: Berlins aktive und ehemalige Bezirksbürgermeisterinnen. Wir wollten von ihnen wissen, wie sie ins Amt kamen, wie man sich in der Männerdomäne Politik durchsetzt und was sie jungen Frauen raten, die heute in die Politik wollen.

„Es ist ein Privileg, die Entscheidungen zu treffen“

Angelika Schöttler (56, SPD) Bezirksbürgermeisterin in Tempelhof-Schöneberg: „Politik gehörte schon immer zu meinem Leben. Ich bin in einem sozialdemokratischen Haushalt groß geworden. Mein Vater Alfred Gleitze – er starb 2004 – war von 1971 bis 1975 Bezirksbürgermeister von Schöneberg und danach Stadtrat für Finanzen und Wirtschaft, später viele Jahre Bezirksverordnetenvorsteher. Schon als Kind habe ich in der politischen Arbeit mitgeholfen, indem ich zum Beispiel im Wahlkampf Zettel verteilte. Mit 19 bin ich dann in die SPD eingetreten. Mit 26 Jahren wurde ich 1989 in die Bezirksverordnetenversammlung Schöneberg gewählt. Ein Platz war frei, weil die SPD zuvor die Frauenquote eingeführt hatte. Inzwischen besteht die Hälfte der Bezirksverordnetenversammlung aus Frauen, denn die quotierten Listen werden im Reißverschlussverfahren aufgestellt. Mein Schwerpunkt wurde die Jugend- und die Haushaltspolitik.

Von 2002 bis 2011 war ich Stadträtin für die Abteilung Familie, Jugend und Sport in Tempelhof-Schöneberg. Nachdem ich erfolgreich als Spitzenkandidatin der SPD angetreten war, hat die Bezirksverordnetenversammlung mich im November 2011 zur Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg gewählt. Als ich 2016 für eine weitere Wahlperiode wieder gewählt wurde, habe ich mich sehr gefreut. Ich hatte mir inzwischen mein eigenes Profil erarbeitet und konnte das von mir Begonnene nun fortführen. Ich denke schon, dass Frauen es in der Politik immer noch schwerer haben als Männer. Denn die Doppelbelastung liegt vielfach immer noch bei ihnen. Ich bin froh, dass mein Mann mich immer unterstützt hat, gerade als unsere drei Kinder noch klein waren. Frauen in Führungspositionen? Ich denke schon, dass Frauen einen anderen Führungsstil haben. Für sie zählt das Miteinander meist stärker als Hierarchien – und sie können auch Kritik besser zulassen. Es ist allerdings durchaus ein Privileg, dass ich am Ende die Entscheidungen treffen kann.“

„Jungs auch mal die Rote Karte zeigen“

Monika Herrmann (54, Grüne), Bezirksbürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg: „Ich komme aus einem sehr politischen Haushalt. Mein Vater war über 40 Jahre in der BVV Neukölln, meine Mutter für mehrere Legislaturperioden im Abgeordnetenhaus, beide für die CDU. Da war bei mir der Gedanke, irgendwann selbst Politik zu machen, schon früh vorhanden. Später habe ich Politologie an der Freien Universität studiert, wurde Anfang der 90er-Jahre Parteimitglied der Grünen. Ich stamme ja eher aus der feministischen Ecke.

Für mich kamen nur die Grünen infrage, weil dort etwa bei der Besetzung von Kommissionen und der Vergabe von Mandaten Gleichberechtigung herrschte. Beruflich war ich seit 1990 im Bezirksamt tätig, 2006 erstmals als Stadträtin. Ich bin der Ansicht, Frauen haben einen anderen Arbeitsstil, sie sind partizipativer. Es geht ihnen nicht um Macht. Frauen können, was sie tun. Mein Rat an Mädchen und junge Frauen beim Umgang mit Männern im Beruf? Sich von jenen nicht beeindrucken zu lassen, die gern mal Worthülsen von sich geben. Sie sollten sich auf ihr eigenes Urteil verlassen, skeptisch sein, widerständisch sein und Jungs, die zum fünften Mal dasselbe sagen, auch mal die Rote Karte zeigen.“

„Frauen haben einen anderen politischen Stil als Männer“

Dagmar Pohle (65, Die Linke) ist bereits zum zweiten Mal Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf. Erstmals hatte sie das Amt von 2006 bis 2011 inne, 2016 wurde sie ein weiteres Mal gewählt. „Nachdem ich 2001 Rot-Rot für Berlin mitverhandelt hatte und danach Stadträtin in Marzahn-Hellersdorf wurde, hatte es eine gewisse Logik, dass ich nach der Wahl 2006, als die Linke den Bezirksbürgermeister stellen sollte, gewählt wurde. Damals gab es in Berlin drei Bürgermeisterinnen, und wir haben uns regelmäßig getroffen und den Austausch gepflegt. Ich habe Zeiten erlebt, in denen sich Mandatsträger, Bürgermeister – ältere Herren – sehr wichtig genommen haben. Das hat sich inzwischen novelliert. Der Rat der Bürgermeister ist heute ein gutes Team.

Trotzdem ist mein Eindruck, dass es für Frauen immer noch schwerer ist, in bestimmte Funktionen zu kommen. Meine Erfahrung ist, dass Frauen einen anderen politischen Stil als Männer haben. Wir sind gelassener, aber auch direkter. Männer sind allerdings durchsetzungsstärker. Ich glaube: Je fortschrittlicher, je linker eine Partei ist, desto leichter haben es Frauen. Vom Frauentag erhoffe ich mir, dass er nicht wie andere Feiertage im Privaten versinkt, sondern dass die Frauen ihn als ,Kampftag‘ verstehen und nutzen, um für ihre Rechte und Anerkennung zu kämpfen.“

„In dieser Position braucht man Haare auf den Zähnen“

Marlies Wanjura (74, CDU) war von 1995 bis 2009 die Chefin im Rathaus von Reinickendorf. Zuvor war sie vier Jahre Stadträtin für Gesundheit und Umweltschutz. „In das Amt bin ich ein bisschen reingerutscht. Zwar hatte die CDU und besonders Konrad Adenauer in meiner Familie einen großen Stellenwert, und ich gehörte auch bereits der Partei an“, aber sehr engagiert sei sie zunächst nicht gewesen, sagt Wanjura. Sie sei damals gefragt worden, ob sie sich vorstellen könne, in der Politik zu arbeiten. Und das konnte sie. Auch wenn sie als Frau lernen musste, sich in dieser Männerdomäne durchzusetzen. „Viele haben mich angesehen und gesagt: Wer bist du denn? In dieser Position braucht man schon Haare auf den Zähnen.“

Sie konnte die Bürger aber von sich überzeugen, wie sie sagt, weil sie als gelernte Krankenschwester eine von ihnen war. „Ich habe die Bürger immer beteiligt, politische Entscheidungen transparent gemacht, meine Sprechstunden drau-ßen abgehalten. Ich wollte nahbar sein.“ Dass viele heutige Politiker dies nicht mehr machten, bedaure sie. Vom Frauentag hält die 74-Jährige übrigens nichts. „Das bringt den Frauen gar nichts. Viel besser wäre es, aktiv zu helfen und eine Gleichberechtigung in Führungspositionen einzuführen.“

„Duftmarken setzen und für die eigenen Ziele kämpfen“

Monika Thiemen (65, SPD) war von 2001 bis 2011 erste Bezirksbürgermeisterin des fusionierten Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf und 1993 bis 1995 Sozialstadträtin in Wilmersdorf. 2007 rief sie den Monika-Thiemen-Preis für die „Frau in Verantwortung“ ins Leben. „Es gab damals keine Gegenkandidatur, weshalb ich einfach mehrheitlich von der SPD-Kreisdelegiertenkonferenz nominiert wurde. Probleme damit, dass ich eine Frau bin, gab es nicht. Auch im Amt habe ich keine Schwierigkeiten gespürt. Ich war aber auch nicht neu im Bezirksamt. Die Verwaltung kannte mich bereits aus unterschiedlichen Abteilungen, und ich kannte auch die Verwaltung.

Dass so wenige Frauen in der Politik sind, liegt zum großen Teil erst einmal an der eigenen Person. Dass man sich das vielleicht nicht zutraut, sei es als Frau, aber auch Mann, kein Interesse daran hat, sich aufzureiben. Jungen Frauen würde ich raten, sich ein Ziel zu setzen und das nachhaltig zu verfolgen. Man muss wissen, was man will, und sich überlegen, wie man sich entsprechend qualifizieren kann. Wie man sich einbringt und auch, wie man seine eigenen Duftmarken setzt und dafür kämpft. Was die Politik angeht, sollte man auch immer kompromissfähig sein und versuchen, konsensual zu denken, zu sehen, was geht und was geht nicht. Das ist das Wesen unserer Demokratie.“

„Ich unterscheide nach Führungsstil“

Birgit Monteiro (49, SPD) war von Januar 2015 bis Dezember 2016 Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg, heute ist sie stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung. „Dass ich ins Amt kam, wurde möglich, weil Andreas Geisel, der damalige Bezirksbürgermeister, in den Berliner Senat aufrückte. Die Frage war, wen die Zählgemeinschaft aus SPD, CDU und Grünen gemeinsam tragen würde, sie hatte nur eine Stimme Mehrheit. Da kam mein Name ins Spiel. Ich wurde tatsächlich als Bezirksbürgermeisterin gewählt – eines der Wunder, die ich in meinem Leben erleben durfte. Kandidiert eine Frau, wird oft gefragt, ob sie das überhaupt könne.

Einem Mann wird dagegen häufig Kompetenz einfach so zugeschrieben. Trotzdem unterscheide ich in der Politik nicht in erster Linie zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Führungsstilen und dem Umgang mit Macht. Vieles findet nicht auf der Bühne, sondern im Verborgenen statt. Deshalb sind Transparenz und demokratische Kontrollen so wichtig. Mir selbst blieb damals nicht viel Zeit zum Einarbeiten, denn die Zahl der Flüchtlinge stieg täglich. Es war einerseits eine Krise von Politik und Verwaltung, aber andererseits eine Sternstunde der Zivilgesellschaft. Anerkennung brachte uns die Zertifizierung von Lichtenberg als erstem familienfreundlichen Bezirk. Wir schufen eine Bezirkliche Freiwilligenagentur und haben berlinweit das erste Bürgeramt von Menschen mit Behinderung evaluieren lassen.“

„Wichtigstes Thema war für mich Frauenpolitik“

Monika Wissel (75, SPD) wurde 1988 zur Stadträtin für Wirtschaft und Finanzen in Charlottenburg gewählt und ein Jahr später erste Bürgermeisterin des Bezirks. Das Amt hatte sie bis zur Fusion mit Wilmersdorf 2001 inne. „Als ich 1988 Stadträtin für Wirtschaft und Finanzen wurde, gab es außer mir noch elf weitere Bezirksamtsmitglieder. Alles Männer. Wenn man als Frau den Mund aufgemacht hat, wurde man meist ein bisschen leicht belächelt. Ich wurde zwar als Frau immer als erste und auch recht freundlich begrüßt, aber nicht so richtig Ernst genommen.

Meine Kollegin Theda von Wedel, Stadträtin in Zehlendorf, erzählte mir das gleiche. Das Amt der Bezirksbürgermeisterin hatte dann schon eine andere Wucht. Heute hat sich sehr viel verändert. Für mich hatte damals als Bezirksbürgermeisterin die Frauenpolitik Vorrang – und Frauenförderung. Ich sah nicht nur an mir selber, dass da noch einiges zu tun war. 1989 führten wir einen Frauen-Aktionstag ein mit Informationen von Fortbildung bis zu sozialer Unterstützung für Frauen. Vieles ist heute in dieser Form nicht mehr nötig. Dafür gibt es neue Probleme: Altersarmut oder auch familienfreundliche Arbeitszeitmodelle.“

„Keine falsche Bescheidenheit“

Cerstin Richter-Kotowski (CDU) Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf: „Als ich für das Amt der Bezirksbürgermeisterin kandidiert habe, war mir gar nicht so bewusst, dass ich in Steglitz-Zehlendorf die erste Frau in diesem Amt sein werde. Ich war Stadträtin und wollte mich weiterentwickeln, die Kandidatur war die logische Konsequenz.

Erst im Nachhinein ist mit klar geworden, dass ich die erste Frau an der Spitz von Steglitz-Zehlendorf bin. Ich glaube, dass sich Frauen in diesen Positionen mehr bewähren und behaupten müssen als Männer. Aber mein Leitspruch ist schon immer: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Voraussetzung ist immer, etwas wirklich zu wollen.

Viele Frauen denken darüber nach, ob sie geeignet sind. Das würde ein Mann nie tun. Ein Mann ist immer der richtige am richtigen Ort. Eine Frau neigt dazu, das infrage zu stellen. Man darf auch nie darauf warten, gefragt zu werden, ob man eine bestimmte Herausforderung annehmen möchte, sondern muss deutlich sagen, was man will. Dabei gilt: Aktiv werden und keine falsche Bescheidenheit. In einer männlich dominierten Welt, ist es wichtig, die Spielregeln zu kennen. Das Gute daran ist: Männer beherrschen nur ihre eigenen Spielregeln, aber nicht die Spielregeln einer Frau. Frauen hingegen können beides. Vor allem aber können sie sich in die Rolle anderer hineinversetzen. Ich bin jemand, der das Gespräch und Kompromisse sucht. Das beherrschen wir Frauen viel besser als Männer. Natürlich muss man in einer Führungsposition auch Entscheidungen treffen können. Dazu gehört, auch einmal einen Fehler zu machen. Wichtig ist die Bereitschaft, sich Fehler einzugestehen, neue Wege zu suchen und zu gehen. Mit viel Kraft, Mut und Selbstvertrauen.“

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