Frauenrechtlerin

Seyran Ates: „Man muss seine Freiheit erkämpfen“

Nicht ihre Person ist die Provokation, sondern was sie zu sagen hat: Seyran Ates ist Frauenrechtlerin und Moschee-Gründerin in Berlin.

Seyran Ates, Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit.

Seyran Ates, Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit.

Foto: Foto: Reto Klar

Berlin. Wir sitzen in einem Raum unter dem Dach der evangelischen St. Johannis-Kirche in Moabit, als unter uns das „Allahu Akbar“ anhebt. Gesungen von einer Frau, klingt es in getragener Melodie durchs Treppenhaus des ehrwürdigen Schinkel-Baus zu uns hoch.

Ein schöner Kontrast zur hektischen Welt draußen, wo sich Berlin gerade ins Wochenende hupt und staut. Es ist Freitagmittag und wie jede Woche in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee Zeit fürs Gebet. Seyran Ates, 55 Jahre alt, Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin, lächelt. „Dass Sie hier eine Frau zum Gebet rufen hören, ist weltweit einmalig.“ Auch die Predigt wird eine Frau halten.

Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit: Ein Symbol für den Kampf um die Gleichberechtigung

Vor knapp zwei Jahren hat Ates gemeinsam mit anderen liberalen Muslimen ihre Moschee gegründet, in der Frauen und Männer, hetero- wie homosexuelle Menschen und Muslime jeglicher Glaubensrichtungen gleichberechtigt gemeinsam beten wollen. Die Moschee soll ein Signal an die liberalen Muslime sein, sich zu zeigen und zu öffnen. Und ein Symbol für den Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen, der, wie man an diesem Ort sieht, noch lange nicht gewonnen ist.

Wie immer sind auch diesmal Gäste von weither zum Freitagsgebet angereist. Am Fuß der Treppe stapeln sich ihre Koffer. Regelmäßig kommen Besucher Neuseeland, Kanada, Brasilien, China, zählt Ates auf, „auch aus Bangladesch kam schon jemand, der in Berlin eigentlich zu einer Konferenz war, ebenso eine Zahnärztin aus London.“ Wir sitzen im Gemeinderaum über der Moschee, der gleichzeitig als Großraumbüro, Konferenzraum und Teeküche für Ates’ Projekt dient. „Haben wir noch genug Zucker?“, hat sie fröhlich in den Raum gerufen, als sie ankam, und einen Karton Tee auf den Tisch gestellt. Beiläufig hat sie mit zwei LKA-Beamten die Frage geklärt, ob die Koffer durchsucht werden müssen - Alltagsfragen in ihrem Leben. Seit 2006 lebt sie unter Polizeischutz.

Seyran Ates, geboren im kurdischen Grenzgebiet der Türkei, aufgewachsen als Tochter von Gastarbeitern in Berlin, kämpft als Anwältin und Aktivistin seit den 80er-Jahren gegen Zwangsheirat, Ehrenmorde, das Kopftuch. Seit 2006 begleiten sie zwei LKA-Beamte überall hin, weil sie immer wieder bedroht und angegriffen wird. Der letzte Vorfall auf einem Bahnhof im Westen Deutschlands liegt erst wenige Wochen zurück. „Ein Mann schrie übers Gleis immer wieder: ‘Frau Ates, schäme Sie sich, Sie machen den Islam schlecht’, berichtet die Anwältin. „Wer weiß, was passiert wäre, wenn der LKA-Beamte ihn nicht aufgehalten hätte.“

Sie seufzt. Auch aus Sicherheitsgründen müsste ihr Projekt eigentlich umziehen, und auch, damit sie zum Beispiel einen Scanner für Gepäck installieren könnten, wie es ihn in Flughäfen oder Behörden gibt. Das Gemeindebüro wird zu eng, denn das Moschee-Projekt wächst. Acht Mitarbeiter hat es mittlerweile. Neben den Gottesdiensten, Veranstaltungen und Besuchergruppen koordinieren sie den Arabischunterricht und die vielen Medienanfragen zu Ates’ mutigem Projekt. „Wir wollen umziehen und zusätzlich ein Institut für liberalen Islam gründen“, kündigt Ates an. Das sei dringend notwendig, auch oder gerade weil die Humboldt-Universität gerade einen eigenen Lehrstuhl für islamische Theologie einrichte, sagt Ates: „Leider hat der rot-rot-grüne Senat verhindert, dass dort liberale Muslime wie wir in den Beirat aufgenommen werden.“ Dies sei auf Betreiben der großen Verbände geschehen - der Islamischen Föderation, des Zentralrats der Muslime und der Ditib, die Ates’ Moschee wiederum kritisch gegenüberstehen.

„Frauen und Mädchen in unglaublich vielen Bereichen benachteiligt“

Was bedeutet dagegen der Kampf für die Rechte der Frauen? Brauchen wir den Weltfrauentag heute überhaupt noch? „Ja“, sagt Ates bestimmt. Auch sie habe für den Feiertag in Berlin gestimmt. „Es wäre schön, wenn wir solche Feiertage nicht brauchen würden, aber Frauen und Mädchen sind nach wie vor in unglaublich vielen Bereichen benachteiligt. In vielen Ländern haben sie noch immer weniger Teilhabe an Bildung, sind einer Doppelt- und Dreifachbelastung ausgesetzt durch Beruf, Familie und Haushalt.“ Ungleich seien Frauen nicht nur in den muslimischen Religionsgemeinschaften. „Auch andere Kirchen wie etwa die Katholiken verwehren Frauen die gleichen Positionen wie Männern.“ Ates verweist auch auf die Wirtschaft auf ungleiche Bezahlung und schlechtere Aufstiegschancen für Frauen. „Mit dem Frauentag setzen wir ein eindeutiges Zeichen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter auch in Deutschland auch in Europa noch nicht ausreichend durchgesetzt ist. Wir müssen nach wie vor an die Front.“

Der Kampf um die Gleichberechtigung beginne in Berlin schon in den Kindergärten. „Mittlerweile gibt es sogar Kitakinder mit Kopftuch. Setzen Sie sich einmal am Leopoldplatz auf eine Bank, dann können Sie es nicht übersehen.“ Der Streit um das Kopftuch ist für Ates eine Grundsatzfrage, die weit über die muslimischen Teile der Bevölkerung hinausreicht. Auch wenn es behauptet werde - das Tuch ist für sie kein religiöses Symbol. „Denn der Islam kennt gar keine religiösen Symbole“, sagt sie. „Das Kopftuch steht vielmehr für eine patriarchale Moralvorstellung und die Sexualisierung der Frau, die sich verhüllen muss, um den Mann nicht von seiner Religiosität abzulenken. Was hat eine solche Kleiderordnung mit Kindern zu tun?“

Als Anwältin vertritt Ates in dieser Sache die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die das Berliner Neutralitätsgesetz vor Gericht durchsetzen will. Es untersagt religiösen Symbole in öffentlichen Einrichtungen. Dem steht Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) entgegen - „ausgerechnet“. Ates kann sich empören über die Haltung vieler Politiker aus dem linken und grünen Spektrum. „Sie sehen sich in der Tradition der Frauenbewegung und deswegen ganz weit vorne, wenn es um Frauenrechte geht. Aber beim Thema Muslime setzt der politische Verstand aus. Das Kreuz in Gerichtssälen oder Ämtern wird bekämpft, aber das Kopftuch darf sein„, sie lächelt. „Sie stellen sich damit gegen Frauenrechtlerinnen wie mich, die eigentlich in ihrem eigenen Lager und auf ihrer Seite stehen. Es ist eine pervertierte Situation.“

Seyran Ates spricht meist leise, oft lächelnd

Wer Seyran Ates nur aus ihren kämpferischen Büchern und Interviews kennt, wer von dem Hass weiß, der ihr oft entgegenschlägt, ihrer Beharrlichkeit in Diskussionen ist bei der ersten persönlichen Begegnung mit ihr überrascht. Sie spricht meist leise, oft lächelnd und fast fürsorglich aufmerksam, ob das Gegenüber ihr folgen kann. Nicht ihre Person ist die Provokation, sondern das, was sie zu sagen hat.

Ates ist geprägt von der Frauenbewegung der 80er-Jahre in Berlin, die sie aufnahm, als sie mit 17 aus ihrem muslimisch-konservativen Elternhaus floh. Schon mit sechs Jahren, sagt sie, „wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich als Mädchen anders behandelt wurde als meine Brüder.“ Damals zog sie mit ihrer Familie nach Berlin, „plötzlich durfte ich nicht mehr draußen spielen. Meine Brüder gingen ins Kino, ich musste im Haushalt helfen und unsere Gäste bedienen.“

An der Gesamtschule entdeckte sie später in der Bibliothek Feministinnen wie Alice Schwarzer. „Mit 15 wurde ich Klassensprecherin, organisierte Streiks und beschloss dann, Jura zu studieren. Weil ich merkte: Wenn du deine Rechte kennst, kannst du sie auch durchsetzen“. Welche Folgen es haben kann, das Recht zu verteidigen, bekam sie mit 21 Jahren zu spüren, als sie in einer Beratungsstelle in Kreuzberg türkische Frauen juristisch beriet. Ein Mann erschoss in der Beratung eine Klientin und verletzte Ates beinahe tödlich. 2006 schloss sie ihre Anwaltspraxis, weil sie immer wieder auf offener Straße bedroht wurde. „Hintergrund war, dass ich 2003 den eigenen Tatbestand Zwangsheirat gefordert habe.“ Inzwischen berät und vertritt sie wieder Frauen in familienrechtlichen Fällen. „Meine Klientinnen kommen meist aus dem eher muslimischen Kulturkreis, teilweise sind es junge Frauen, die von zu Hause weg wollen.“

Hilft es dabei, dass sie selbst diesen Weg gegangen ist? Sie schüttelt den Kopf. Als Integrationsfigur tauge sie eher nicht mehr, findet sie. „Was mich von diesen Frauen unterscheidet ist ja, dass ich meine eigene Freiheit heute verinnerlicht habe. Es reicht nicht, einfach die Tür zu öffnen und hinauszulaufen – man muss seine Freiheit erkämpfen und dann lernen, damit zu leben.„ In vielen muslimischen Familien gebe es ein starkes Wir-Gefühl, „was einerseits sehr gut ist, aber andererseits das Bewusstsein für die eigene Individualität unterdrückt.“ Sie nennt ein Beispiel: „Fragt man solche Frauen, was sie sich wünschen, sagen sie meist, das wichtigste sei, dass es ihrer Familie gut geht.“ An dieser Stelle habe auch sie keine Chance, zu den Frauen durchzudringen.

Männer von der Gleichberechtigung überzeugen

Statt nur die Frauen in den Fokus zu rücken, sagt Ates, sei es unabdingbar, die Männer von der Gleichberechtigung zu überzeugen. „Schauen Sie 100 Jahre zurück: Das Frauenwahlrecht konnte am Ende nur durchgesetzt werden, weil Männer sich mit den Frauen solidarisiert und gesagt haben: wir geben Macht ab.“ Gerade in der Quoten-Diskussion heiße es ja oft, Frauen wollten an die Macht und Männer unterdrücken, sagt sie. „Dabei geht es überhaupt nicht darum, Männern etwas wegzunehmen, sondern den Frauen ihre Rechte zuzugestehen.“

Deshalb sei es auch wichtig, dass eine Frauenquote tatsächlich gerecht sei, sagt die Anwältin Ates: „In der Wirtschaft halte ich eine Quote für richtig, etwa bei den Aufsichtsräten. Denn die Auswahl dort hat mit privater Wirtschaft zu tun, also mit Macht und Geld.“ Dies sei aus ihrer Sicht richtig und auch rechtskonform. Anders sieht sie die Frauenquote für Parlamente, wie sie gerade in Brandenburg beschlossen wurde und im Bundestag diskutiert wird.

„Als demokratischer Rechtsstaat werben wir ja damit, dass das Volk entscheidet – aber hier besteht die rechtliche Frage, ob dem Wähler durch eine solche Quote nicht etwas aufgezwungen wird, was er zu wählen hat.“ Dies müssten nun möglicherweise Gerichte klären - was sie grundsätzlich aber gut finde. „Die Diskussion ist ja dringend notwendig angesichts der Tatsache, dass heute weniger Frauen in den Parlamenten vertreten sind als noch vor 20 Jahren.“ Ihr Vorschlag: „Ich denke, es passt eher in unser demokratisches System, wenn die Parteien für sich eine Frauenquote einführen.„ Wenn sich Männer dadurch diskriminiert fühlen, sagt sie, „sollten sie sich vergegenwärtigen: Der Gedanke des 8. März ist die Gleichberechtigung - Männer und Frauen auf Augenhöhe.“

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