Frauentag 2019

Familienministerin Franziska Giffey: „Frauen können alles“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht über Freesien zum Frauentag und warum Quoten nicht alles sind.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in ihrem Ministerium.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in ihrem Ministerium.

Foto: Foto: Reto Klar

Berliner Morgenpost: Frau Giffey, Sie kennen den Frauentag ja noch aus Ihrer Kindheit und Jugendzeit. Als internationaler Frauentag wurde er in der DDR begangen, wenn auch nicht als Feiertag. Was war das für ein Tag für Sie?

Franziska Giffey: Ich denke an den Duft von Primeln und Freesien. Die wurden gern verschenkt.

Und rote Nelken?

Nelken zum Frauentag, das war ein bisschen früh im Jahr und die waren nicht so leicht zu kriegen. Im normalen Blumengeschäft gab es Primeln, und wenn man gut war, auch Freesien. (lacht)

Wie haben Sie den Tag mit Ihrer Mutter gefeiert?

Es gab Blumen für die Frauen, wir Kinder haben auch Karten für die Muttis gebastelt. Und ich kann mich erinnern: Wir haben zum Frauentag auch manchmal den Lehrerinnen Blumen geschenkt. Und natürlich hieß es: Am Frauentag machst du was Schönes für die Mutti, hilfst im Haushalt. (lacht)

Berlin macht als erstes Bundesland den Frauentag zum Feiertag. Wie finden Sie das?

Ich finde das toll. Das ist doch großartig.

Warum?

Der Ausgangspunkt war ja, dass Berlin einen zusätzlichen Feiertag bekommen soll. Es gab mehrere Vorschläge – einige haben mit dem Reformationstag geliebäugelt, weil dieser ja auch in Brandenburg ein Feiertag ist. Ich glaube, die Berliner Wirtschaft findet das ganz gut, dass wir nicht diesen Tag gewählt haben, denn am 31. Oktober kommen die Brandenburger ja immer zum Einkaufen nach Berlin. Abgesehen von den praktischen Erwägungen: Es ist ein ganz starkes Zeichen der Hauptstadt, den Frauentag zum Feiertag zu erklären. Damit verbindet sich der Gedanke, dass wir auch heute noch für mehr Gleichberechtigung streiten müssen.

Müssen wir das? Warum ist die Gleichberechtigung immer noch nicht hergestellt?

Es geht darum, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen haben sollen, dass es gerecht zugeht. Es muss eine gleichwertige Bezahlung geben. Wir müssen die sozialen Berufe aufwerten und noch mehr gegen häusliche Gewalt, die vor allem Frauen betrifft, tun. Wir müssen die Bedingungen verbessern, damit Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Ich finde es gut, dass wir uns einen Tag ausgesucht haben, an dem wir bewusst über all diese Themen sprechen. Wie ist es denn mit der Zahl der Frauen in den Chefetagen? Wie ist es mit der gleichen Bezahlung? Wie ist die Situation in den Parlamenten? Es gibt noch so viel zu tun.

Wenn Sie Schulnoten – von eins bis sechs – vergeben müssten, wie steht es um die Gleichberechtigung in Deutschland?

Wir sind nicht schlecht. Wir sind auf jeden Fall schon ganz gut vorangekommen. Ich sage: zwischen 2- und 3+. Es kommt natürlich immer auf den Vergleich an: Es gibt noch Länder, in denen Frauen nach wie vor völlig entrechtet sind. Länder, in denen Frauen nicht über ihre Bildungskarriere entscheiden können, sich ihren Mann nicht selbst aussuchen dürfen und kein freies, selbstbestimmtes Leben führen dürfen. Wenn wir also den weltweiten Vergleich ziehen, geht es uns in Deutschland sehr gut. Aber wir müssen aufpassen, denn Erreichtes ist nicht immer garantiert und muss verteidigt werden. Auch für Gleichberechtigung muss immer wieder neu gestritten werden.

Das gilt auch für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Es gibt immer noch den sogenannten Gender Pay Gap. Was tun?

Die Lücke ist groß: Frauen verdienen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. Außerdem gibt es eine strukturelle Benachteiligung, denn es gibt typische Frauenberufe, die als solche schlechter bezahlt werden. Mehr als fünf Millionen Menschen arbeiten in sozialen Berufen – davon sind 80 Prozent Frauen. Und auch dort ist es leider so: In den Chefetagen sitzen die Männer, am Krankenbett oder der Pflege arbeiten die Frauen. Die Benachteiligung wirkt also auf zwei Wegen – über die Berufe und über die Chefetagen.

Wie wollen Sie die Situation in den sozialen Berufen verbessern?

Wir sorgen dafür, dass Auszubildende in den Pflegeberufen ab Januar 2020 kein Schulgeld mehr zahlen müssen und endlich eine Ausbildungsvergütung bekommen. Ich bin froh, dass wir das beschlossen haben und es ab nächstem Jahr endlich so weit sein wird. Ziel muss es sein, das auch für alle anderen sozialen Berufe zu erreichen, die ja digitalisierungsfest sind. Da haben wir einen großen Mangel an Fachkräften. Für mich – und auch für uns als Sozialdemokraten – ist das ein Riesenthema.

Also auch für die Erzieherinnen?

Da ist der Mangel ja offensichtlich. Wir könnten in Berlin sofort Kitaplätze im vierstelligen Bereich schaffen, wenn wir mehr Erzieherinnen und Erzieher hätten. Es muss dringend etwas an der Ausbildung und der Bezahlung geändert werden. Deshalb starten wir in diesem Jahr auch unsere Fachkräfteoffensive für Erzieherinnen und Erzieher – mit einer anständigen Ausbildungsvergütung.

Das heißt?

Wir setzen auf die drei P’s fürs Personal: praxisintegrierte vergütete Ausbildung, Praxisanleitung und Perspektiven durch einen Bonus für Menschen, die sich im Beruf weiter qualifizieren. Für 5000 zusätzliche Ausbildungsplätze gibt es vom Bund Zuschüsse, damit eine ansprechende Vergütung herauskommt: 1100 Euro im ersten Jahr, 1200 Euro im zweiten und 1300 Euro im dritten Jahr. Ich bin mir sicher, dass dann mehr Leute kommen und das machen wollen. In Baden-Württemberg gibt es das schon. Ich habe selbst eine Erzieherfachschule in Stuttgart besucht. Auf 75 Plätze kamen dort mehr als 400 Bewerbungen. Das zeigt, es gibt genügend Menschen, die den Erzieherberuf ergreifen wollen – wenn sie anständig bezahlt werden. Übrigens auch Männer.

Vor einigen Jahren wurde das Elterngeld eingeführt. Das wird gut angenommen, aber die Zeit, die die Väter zu Hause bleiben, nutzen viele Familien dann für eine große Urlaubsreise – und nicht als Zeit, in der die Frau wieder in den Beruf zurückkehren. Muss da nachgebessert werden?

Wir haben gute Erfahrungen mit dem Elterngeld. Männer nehmen im Schnitt zwischen vier und fünf Monaten Elternzeit. Ja, es gibt die berühmten zwei Monate, also die Väter, die dann mit der Familie verreisen. Aber die Entwicklung ist insgesamt die richtige: Vor zehn Jahren sind drei Prozent der berufstätigen Männer mit ihren Kleinkindern zu Hause geblieben, heute sind es über 30 Prozent. Das ist ein großer gesellschaftlicher Wandel. Viele Paare wollen heute, dass beide die Familienarbeit übernehmen und Beruf und Familie miteinander vereinbaren können.

Wollen Sie denn was am Elterngeld ändern?

Wir diskutieren gerade, wie man noch stärker Partnerschaftlichkeit und Vereinbarkeit mit dem Beruf im Elterngeld verankern kann. Mein Ziel ist, dass mit dem Elterngeld beide, also Mann und Frau, ihren Beruf ausüben und sich um die Familie kümmern können. Zum Beispiel soll es noch attraktiver werden, dass beide Eltern Arbeitszeit reduzieren. Außerdem möchten wir Eltern von Frühchen stärker im Elterngeld unterstützen. Die Praxis zeigt auch, dass wir an manchen Stellen das Verfahren zur Beantragung von Elterngeld einfacher machen müssen.

In den Vorständen in Deutschland sind nur sechs Prozent Frauen. Erschreckend wenig...

Und jetzt raten Sie einmal, wie viele Ostdeutsche...

Ein Prozent?

Das denken viele. Nein, zwei Prozent. Aber das ist schon heftig.

Brauchen wir die Quoten? Auch in den Parlamenten.

Wir brauchen Regelungen, die den gleichen Anteil von Frauen und Männern ermöglichen. Auf den Wahllisten könnten doch die Plätze paritätisch besetzt sein. Und es muss ja keine Sanktionen geben, sondern vielleicht einen Bonus – wie es derzeit auch der Deutsche Juristinnenbund diskutiert. Der Bonus als positiver Anreiz für eine Partei, dass die Wahlliste ausgewogen ist. Die Quote allein wird das Problem nicht lösen. Wir müssen das ganzheitlich sehen: Es geht um Klischees und Rollenbilder, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, es geht auch um Vorbilder. Wir brauchen Ermutigung für junge Frauen, Talentförderung und, und, und. Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern. Die Quote kann nur ein Teil der Antwort sein.

Brauchen wir ein Parté-Gesetz, wie Brandenburg es jetzt beschlossen hat?

Ich finde das, was Brandenburg gemacht hat, großartig und bemerkenswert. Die Aufmerksamkeit für das Thema ist enorm gestiegen und es bewegt sich endlich was. Die Aufregung um dieses Gesetz zeigt aber auch, wie viel wir da noch zu tun haben. Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Das muss sich auch in den Parlamenten widerspiegeln.

Wir haben gerade über Vorbilder geredet. Sie sind auch eines – und gelten als Hoffnungsträgerin der SPD. Wie fühlt man sich als Hoffnungsträgerin?

(lacht). Mich freut es, wenn ich junge Frauen ermutigen kann, zu sagen: Ich kann das. Unser Leitmotiv im Ministerium ist: Frauen können alles. Mädchen können auch alles. Wenn sie etwas wollen, dann sollen sie das auch machen können. Ich bin auch in diesem Bewusstsein groß geworden: Du kannst alles machen, du musst nur etwas dafür tun. Nur weil du ein Mädchen bist, heißt das doch nicht, dass du das nicht kannst.

Das haben Ihnen Ihre Eltern vermittelt?

Ja. Da gab es keinen Unterschied zwischen meinem Bruder und mir. Aber ich lerne, dass es in anderen Familien ganz anders ist. In Neukölln habe ich erleben müssen, dass den Mädchen schon der Berufs- und Familienweg vorgegeben wurde. Zu Mädchen in Migrantenfamilien hieß es: Du heiratest deinen Cousin, bei anderen hieß es: Du musst dich zwischen Beruf und Familie entscheiden. Wir müssen den Mädchen zeigen: Du kannst es aus eigener Kraft schaffen.

Zurück zur Hoffnungsträgerin. Sie stehen derzeit unter Druck, weil Ihnen vorgeworfen wird, in Ihrer Doktorarbeit andere Texte abgeschrieben zu haben. Treten Sie zurück, wenn Ihnen der Doktortitel aberkannt wird?

Wir sind nicht an diesem Punkt. Ich habe diese Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Ich habe die Arbeit sofort nach den Vorwürfen zur Überprüfung gegeben. Das wird die Freie Universität, an der ich promoviert habe, machen – und nicht eine anonyme Internetplattform. Und jetzt warten wir ab, bis das Ergebnis vorliegt.

Was machen Sie denn am Frauentag?

Ich habe zwei frauenpolitische Termine – um 11 Uhr einen frauenpolitischen Brunch der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, abends um 19 Uhr eine Veranstaltung des SPD-Parteivorstands zum Frauentag. Worauf ich mich aber ganz besonders freue, ist das Treffen mit Müllwerkerinnen aus ganz Deutschland – am 7. März. Da packe ich auch selbst mit an. Das wird gut.

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