Wohnungsfrage

„Berlin braucht ein Bündnis für Wohnungsbau“

Der Zürcher Stadtforscher Christian Schmid fordert ein Bündnis für den Wohnungsbau und nennt drei Maßnahmen gegen die Wohnungsnot.

Das Enteignen könnte die Stadt eine zweistellige Milliardensumme kosten.

Das Enteignen könnte die Stadt eine zweistellige Milliardensumme kosten.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  Berlin diskutiert, große Wohnungsunternehmen zu enteignen. Das könnte die Stadt eine zweistellige Milliardensumme kosten, die größer ist als der gesamte Landeshaushalt. Regierung und Opposition streiten, um den besten Weg, die Wohnkrise zu bewältigen.

Der Zürcher Stadtforscher Christian Schmid hat auf der ganzen Welt Metropolen untersucht, von Tokio bis Lagos. Im Februar präsentierte er Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) auf einem Immobilienkongress Lösungen, Berlin nachhaltig zu entwickeln.

Mit der Berliner Morgenpost hat er darüber gesprochen, wie die Stadt das enorme Wachstum bewältigen kann und erklärt, wie der politische Streit um die Wohnungsfrage der Entwicklung der Stadt schadet. Schmid fordert ein Bündnis für den Wohnungsbau.

Berliner Morgenpost: Herr Schmid, aus der Sicht eines Mannes, der sich wissenschaftlich mit Metropolen befasst: Ist Berlin eher eine Traum- oder Albtraumstadt?

Als ich 1981 das erste Mal nach Berlin kam, war das für mich eine unglaubliche Welt. Eine Stadt, in der fast alles denkbar war, eine Stadt, die viele Freiräume bot. Ich fand das wahnsinnig anregend damals. Dieses Gefühl, das hat sich bis heute zumindest ein wenig erhalten.

Nur ein wenig?

Na ja, der Nachfragedruck wächst natürlich enorm, die Bodenpreise sind massiv gestiegen, und damit auch die Mieten. Damit haben sie das Problem, dass die Offenheit der Stadt, die bis in die Nullerjahre noch sehr, sehr spürbar war, immer stärker eingegrenzt wird. Die günstigen Wohnungen und Gewerberäume und auch die Brachflächen, die so vieles ermöglicht haben, die Fantasie anregten und zu Experimenten einluden, die haben ja ganz stark abgenommen. Berlin wird immer stärker eine Stadt für Privilegierte. Das ist noch kein Albtraum, Sie fragten ja danach, aber auch nicht mehr diese Verheißung, die es einmal war.

Aber wird eine Stadt, die jedes Jahr um 40.000 bis 60.000 Menschen wächst, nicht irgendwann zwangsläufig zum Albtraum?

In dem Punkt ist Berlin nicht anders als Zürich – auch wenn bei uns natürlich alles etwas kleiner ist. Wir haben auch bei uns enormes Bevölkerungswachstum und zwar schon seit Jahren. Sie können den Konflikt nicht wirklich auflösen, dass die Freiräume weniger werden, wenn die Stadt voller wird.

Da entstehen Konflikte.

Ja, und es ist die Aufgabe einer Stadtregierung, diese Konflikte zu moderieren. Sie müssen erstmal sehr sorgfältig mit dem vorhandenen Baubestand umgehen. Aber es ist auch klar, dass es ohne Nachverdichtungen nicht geht. Und bei so einem enormen Wachstum müssen sie auch am Stadtrand weiter bauen. Die Grünen und verschiedenste Initiativen, das kenne ich aus der Schweiz, die wollen dann die Wiesen schützen und die Wälder und alles Mögliche, aber da muss man dann auch sagen: Sie können kein Omelett machen, ohne die Eier zu zerbrechen. Sie werden in Boom-Städten wie Berlin nicht ohne eine Erweiterung der Stadt auskommen – das ist unmöglich.

Wie also vorgehen – braucht es den ganz großen Wurf beim Wohnungsbau?

Es gab immer wieder Versuche zu großen Würfen. Da gab es in den 20er Jahren das sogenannte Rote Zürich, vergleichbar mit dem Neuen Frankfurt und dem Roten Wien, da haben Genossenschaften große Gartenstädte gebaut. Da hat man versucht, eine Art Arbeiterparadies zu schaffen. Heute ist die Entwicklung aber viel unberechenbarer und komplexer, es gibt weit ausgreifende Stadtregionen. Heute muss man an der bestehenden Stadt weiterbauen. Man braucht nicht den einen großen Wurf, sondern vielmehr eine Strategie der kontinuierlichen Entwicklung mit einem langen Atem. Dann haben sie das Problem, dass sie Bürgerinitiativen haben, sie sagen: Nicht bei uns – baut doch woanders, alles soll bleiben wie es ist. Diese Widerstände gibt es überall auf der Welt. Das kennen wir auch in der Schweiz sehr gut. Wir haben ja das Instrument der Volksabstimmungen. Da müssen sie bei allen Großprojekten immer das Volk überzeugen, sonst verlieren sie die Abstimmung. Man muss Wohnungen bauen, man muss verdichten. Viele Menschen wollen die Situation erhalten, so wie sie ist, da wird mit den wildesten Argumenten gekämpft. Aber Städte sind dynamisch, die Entwicklung geht immer weiter. Sie haben als Verantwortliche keine andere Wahl: Sie müssen gemeinsam nach Lösungen suchen.

Und wenn es keine Lösung gibt, die alle zufrieden stellt?

Das ist die Million-Frage, wenn ich das wüsste, würde ich das sofort zum Business-Modell machen. Wichtig ist: Man muss die Menschen ernst nehmen und nicht einfach sagen, das sind alles Egoisten. Es kann sein, dass da ein Theater ist, so ein kleines Kiez-Theater vielleicht, das aber als Treffpunkt unglaublich wichtig ist. Man muss dann immer abwägen, ist das ein Partikularinteresse oder ist das etwas, was der Gemeinschaft dient. Ich muss aus meinen Erfahrungen in Metropolen in aller Welt sagen: viele Projekte scheitern auch einfach deshalb, weil sie schlecht geplant sind und rücksichtslos umgesetzt werden.

In Berlin sind radikale Lösungen im Gespräch: Eine Mehrheit der Berliner hat sich in Umfragen für Enteignungen von großen Wohnungsunternehmen ausgesprochen, selbst konservative Wähler sind dafür. Woran liegt das?

Das zeigt doch, wie groß die Sorgen der Menschen sind, wenn der eigene Wohnraum in Gefahr ist. Erschwingliche Wohnungen sind für viele so wichtig, dass auch vergleichsweise radikale Maßnahmen nicht mehr tabu sind. Allerdings ist die Forderung, Wohnraum der Spekulation zu entziehen, nicht neu. Wir sind in Zürich in einer ganz ähnlichen Situation, und sogar schon einen Schritt weiter. Wir hatten ein Volksbegehren, dass der gemeinnützige Wohnungsbestand von jetzt 25 auf 33 Prozent erhöht werden soll. In Berlin liegt der Bestand der landeseigenen Unternehmen bei etwa 15 Prozent. Dieses Volksbegehren wurde sehr klar angenommen. Die Stadt ist also jetzt verpflichtet, diesen Anteil noch weiter zu erhöhen, indem sie bei Neubauprojekten mehr Land zum Beispiel an Genossenschaften abgibt, und mit einer eigenen gemeinnützigen Stiftung auch selbst Häuser auf dem Markt kauft. Aus unserer Sicht hier in Zürich ist das also sehr gut nachvollziehbar, dass man sagt, der Staat oder gemeinnützige Bauträger wie Genossenschaften sollen einen wesentlich größeren Anteil am Wohnungsbau haben.

Ist das in dieser Boom-Situation, die Berlin gerade erlebt, nicht ökonomischer Wahnsinn, Wohnungen zurückzukaufen, die man erst vor einigen Jahren in schwierigen Zeiten verscherbelt hat?

Das war eine Katastrophe, was der Berliner Senat - und viele weitere politische Akteure in Deutschland – damals gemacht haben. Das war ein unglaublich kurzfristiges Denken. Staatliches und kommunales Land zu Tiefstpreisen zu verkaufen - so etwas dürfen sie niemals machen, damit vergeben sie sich alle Gestaltungsräume. Jetzt können sie aber davon ausgehen, dass der Boom in Berlin weitergeht. In Zürich heißt es seit Jahren, wann kommt denn die nächste Krise? Dann kommt eine kleine Krise, dann gibt es eine schwache Delle im Wachstum. Aber die Bodenpreise steigen trotzdem seit Jahren. Wenn Städte wie Berlin oder Zürich in einer echten Krise sind, dann ist wahrscheinlich die ganze Welt in der Krise. Deshalb ist es selbst jetzt eine gute Strategie, Wohnraum zu sichern – zu den heutigen Preisen. Die Bodenpreise werden weiter steigen, und in der langfristigen Perspektive werden Wohnungen, die sie heute kaufen und der Spekulation entziehen, relativ zum Markt günstiger.

Alle haben vielleicht das gleiche Ziel, aber die Wege dahin, könnten unterschiedlicher kaum sein: die Opposition in Berlin will bauen, bauen, bauen, die Regierungskoalition investiert lieber alle ihre Energie in den Bestandsschutz.

Sie brauchen beides, ganz klar. Und mit politischen Machtspielchen kommt Berlin beim Thema Stadtentwicklung sowieso nicht weiter. Sie brauchen da eigentlich ein parteiübergreifendes Bündnis für den Wohnungsbau. Ich weiß, das klingt überhaupt nicht sexy. Aber nur so kann man vernünftig diskutieren, wie sie in Berlin zusammenleben wollen. Bei uns in der Schweiz ist das politische System nicht so polarisiert, da müssen sie fast automatisch Kompromisse aushandeln – aber ich weiß auch, dass solche großen Koalitionen in Deutschland momentan nicht so gerngesehen sind.

So ein Bündnis klingt ja gut, aber reichlich unkonkret. Was wären denn die Ziele, die das verfolgen müsste?

Ich würde das auf drei Hauptziele herunterbrechen: Erstens müssen Genossenschaften stärker einbezogen werden. Man sollte diese Idee in Berlin stärken. Die Genossenschaften werden momentan so ein bisschen hängen gelassen. In der Kooperation mit denen kann man unglaublich viel erreichen, auch weil sie viel selbst machen können und Kompromisse schließen müssen. Und eine gute Stadt ist eine, die aus Kompromissen entsteht. Das fängt damit an, dass Dreizimmerwohnungen nicht 120 Quadratmeter haben müssen, 80 reichen doch – vor allem, wenn es dann dazu noch verschiedene gemeinsam genutzte Räume gibt, wie das neue Genossenschaften oft anbieten. Damit komme ich zum zweiten Punkt: Urbanes Wohnen heißt dichtes Wohnen. Die Politik muss den Menschen vermitteln, dass dieses dichtere, urbane Wohnen auch ganz viele Qualitäten haben kann. Da lassen sich vielfältige Begegnungsräume schaffen, die das soziale Miteinander und die Durchmischung in der Stadt stärken.

Und drittens?

Die Berlinerinnen und Berliner müssen stärker einbezogen werden. Viele sagen ja, das würde seit Jahren gemacht, aber es gibt so viele Planungen, die die Leute nicht wirklich einbeziehen – das ist oft Pseudo-Beteiligung. Wichtig ist: Sie müssen als Politiker mit guten Vorschlägen kommen und mit guter Qualität. Sie müssen sagen: Wir bieten auch den Leuten etwas an, die jetzt schon da sind. Das ist mühselig, ich weiß, das bringt aber langfristigen Erfolg.

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