Zitadelle

So wird die Zitadelle in Spandau jetzt umgestaltet

Baulich wie konzeptionell soll sich einiges auf der Zitadelle Spandau und im Umfeld tun. Von Naturschützern gibt es Kritik.

Die Zitadelle Spandau und ihr Umfeld verändern sich.

Die Zitadelle Spandau und ihr Umfeld verändern sich.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/BM

Berlin. Sie ist das Wahrzeichen Spandaus, beinhaltet eines der ältesten Bauwerke Berlins und zählt zu den bedeutendsten Festungen der Renaissance in Europa: die Zitadelle. Und die steht vor einem Wandel. Für das Umfeld ist eine Umgestaltung geplant, ebenso für den Eingangsbereich. Gebäude auf dem Gelände sollen - und müssen - saniert werden. In den Museen haben die Veränderungen bereits begonnen, das Konzept soll weiter modernisiert werden. Kurz: Die Festung aus dem 16. Jahrhundert soll in die Gegenwart geholt werden.

Ganz leicht ist das nicht. Denn die Zitadelle ist ein Ort mit Kontrasten und berührt so viele Fachgebiete, darunter Denkmalschutz, Artenschutz und Tourismus. Auf dem Gelände trifft Geschichte auf bildende Kunst und Musik. Der Glacis ist als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und beheimatet zahlreiche Tierarten, darunter Mäusebussarde, Eisvögel und Biber - mal abgesehen von den rund 10.000 Fledermäusen, die jährlich auf der Zitadelle überwintern. Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU) nennt die Festung „eine einmalige Wirkungsstätte“, der fürs Umweltamt zuständige Stadtrat Andreas Otti (AfD) spricht bei ihr von einem „Höhepunkt“ in Sachen Naturschutz.

Das erklärt auch, warum für die Umgestaltung des Zitadellenumfelds seit Jahren Planungen laufen. Schon vor fünf Jahren wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt, 2016 folgte das „Freiraum- und Entwicklungskonzept“. Nun aber soll das Ganze an Fahrt aufnehmen. Bis zum September, kündigt Frank Riebesell vom zuständigen Büro „hoch c“ an, will man die Bauplanung abschließen. Für das kommende, spätestens übernächste Jahr ist die Umsetzung des Entwurfs vorgesehen.

Umfeld der Zitadelle Spandau blieb lange unberührt

Finanziert wird die Umgestaltung über das Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“. Mehrere Millionen will das Bezirksamt allein in das Zitadellenumfeld investieren, das lange Zeit unberührt geblieben ist: Seit der Glacis vor 60 Jahren als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen wurde, hat es dort keine Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen mehr gegeben.

Das bisherige Konzept sieht als Schwerpunkte vor, die Zitadelle von Weitem sichtbarer zu machen, den Bastionsweg um die Burg auszubauen und neue Aussichtspunkte zu schaffen. Auf der Zitadelle gebe es seit längerem Bewegung, sagt Stadtrat Frank Bewig (CDU), für die Umgestaltung zuständig. „Wir wollen nun das Umfeld dazu gestalten.“

Ende 2017 wurde bereits ein erster Schritt in Richtung mehr Sichtbarkeit gemacht. Rund 30 Bäume und zahlreiche Gehölze, die bis dahin den Blick auf Spandaus bekannteste Sehenswürdigkeit versperrten, wurden gegen die Proteste von Naturschützern gefällt.

Ein gepflasterter Weg und Aussichtbalkone sind geplant

Die weiteren Pläne sehen derzeit vor, den Bastionsweg im südlichen und östlichen Teil als Asphaltweg auszubauen. Um diesen sind sogenannte Aktivitätsfelder geplant, beispielsweise mit einem Barfußweg. Außerdem soll es Ruheorte und entlang des Zitadellenwegs Aussichtsbalkone geben. Die Tennisplätze im Norden des Glacis sollen verschwinden, der Bereich mit Blick auf den Spandauer See soll renaturiert werden. Für den Natur- und Artenschutz, berichtet Riebesell außerdem, wolle man im Süden einen naturnahen Parkwald entwickeln, bei dem Rasenflächen zu Wiesen mit größerer Pflanzenvielfalt werden.

Dennoch werden, zumindest nach bisherigen Planungen, nicht alle Bäume erhalten bleiben. „Wir denken, es sollte weitere Fällungen geben“, sagt der Projektleiter. Auch Wälle sollen freigestellt und so sichtbarer werden.

Erwartungsgemäß treffen die Pläne auch auf Kritiker: 2017 gründete sich die Bürgerinitiative „BI Zitadelle Spandau“, die sich vor allem für den Erhalt der Bäume und Sträucher engagiert. „Die Zitadelle ist einmalig und deutschlandweit bedeutend“, sagt Gerhard Oesten, der Sprecher der Initiative. Der 72-Jährige, früher Leiter eines Forstamts, wohnt heute im Kolk, die Luftlinie zur Festung beträgt wenige Hundert Meter. Hier an der Zitadelle, gebe es eine ganz besondere Vogelwelt, sagt er. Aus ganz Europa kämen deshalb Tierfotografen dorthin.

Bürgerinitiative fürchtet um Verlust der Artenvielfalt

Die Artenvielfalt sehen Oesten und seine rund 20 Mitstreiter in Gefahr, wenn weitere Fällungen folgen. „Unsere große Sorge ist, dass durch die Eingriffe merklich an Natur verloren geht“, sagt er. Der Spandauer zeigt eine Stelle, an der bereits Bäume gefällt wurden, um die Sicht von der Brücke „Am Juliusturm“ zu verbessern. Werden die Abstände zwischen den Bäumen noch großer, befürchtet er, könnte das manche Vögel vertreiben, die Lebensräume mit dichteren Baum- und Geholzbeständen bevorzugen. „Wir müssen uns weiter einbringen“, sagt Oesten deshalb.

Inmitten der Bäume liegt, etwas verborgen, die Spandauer Freilichtbühne, die sich zuletzt mehr und mehr etabliert hat. Allein im vergangenen Jahr habe es einen Besucherzuwachs um 15 Prozent gegeben, berichtet Leiterin Britta Richter. „Wir hatten 80 Veranstaltungen und eine Auslastung von mehr als zwei Dritteln.“ Doch das denkmalgeschützte Theater - 2021 feiert es sein 100-jähriges Bestehen - hat ebenfalls Modernisierungen nötig. Eine Machbarkeitsstudie steht kurz vor dem Abschluss.

Der idyllische, naturnahe Charakter der Bühne soll aber trotz Neuerungen erhalten bleiben. Denn die Freilichtbühne sei ein besonderer Ort, sagt Richter. „Ich beobachte das auch bei den Besuchern. Wer einmal hier war, kommt meistens wieder.“ Angegangen werden soll besonders die Bühne, deren Dach zu klein ist. Daneben soll der Catering- und Eingangsbereich modernisiert und barrierefrei werden.

1,6 Millionen müssen in Gebäude auf der Zitadelle investiert werden

Der Eingangsbereich ist zugleich ein weiteres Stichwort für die Umgestaltung der Zitadelle: Aktuell ist der Zugang vor allem bei Großveranstaltungen überlastet und muss an den Besucherandrang - besonders bei den Open-Air-Konzerten - angepasst werden. Um Gäste besser zu empfangen und zu lenken wird zudem geprüft, ob ein neuer Vorplatz näher an der U-Bahn-Station entstehen kann. Derzeit trifft, wer aus Richtung U-Bahnhof kommt, zuerst auf Autohäuser und einen Parkplatz. Im Gespräch ist zudem ein neuer Ausgang vom U-Bahnhof Zitadelle.

Und auch innerhalb der Mauern stehen Veränderungen an. Teilweise sind diese unvermeidbar, das Alter der Burg macht sich bemerkbar. „Alle Gebäude werden von einem Ingenieurbüro derzeit auf statisch relevante Schäden untersucht“, erklärt Stadtrat Andreas Otti, auch für das Hochbauamt zuständig. „Derzeit müssen circa 1,6 Millionen Euro investiert werden.“

Das Offiziantenhaus, bis 2018 Verwaltungsgebäude und vom Spandauer Kulturamt genutzt, musste geräumt werden. Es gilt als einsturzgefährdet, an den Wänden zeichnen sich große Risse ab. An einem anderen Haus liegen Dichtungsschäden vor, ein drittes hat Brandschutzmängel. Die Planung der Arbeiten werde zurzeit in Abstimmung mit dem Denkmalschutz vorangetrieben, sagt Otti.

Museen sollen moderner werden

Derweil tut sich auch etwas, was das Innere der Gebäude betrifft. „Wir wollen einige Häuser umgestalten“, sagt Kulturamtschef Ralf Hartmann. Als Beispiel nennt er das Kommandantenhaus, in dem eine Ausstellung die Geschichte der Zitadelle erzählt. Doch die sei verschließen, entspreche nicht mehr dem Stand der Zeit. „Wir wollen die Leute mehr mit aktuellen Themen abholen“, erzählt Hartmann.

Und die Ideen gehen weiter: Ein neues Museumscafé, ein Erlebnisbereich oder „Augmented Reality“ auf dem Smartphone. Eine App könnte mithilfe von Videos Bereiche der Zitadelle sichtbar werden, die eigentlich kaum öffentlich zugänglich sind. Die Zitadelle als „Kulturinsel“, so stellt sich Museumsleiterin Urte Evert die Zukunft der Festung vor. Man wolle sich weiter öffnen, die Trennung zwischen historischen Museen und Kunstausstellungen aufheben und noch bekannter machen, was die Zitadelle alles bietet.

Ein Punkt, den auch Hartmann anspricht. Denn viele würden gar nicht wissen, was auf dem Gelände passiert. „Alle haben die Zitadelle im Blick, aber ich würde behaupten, 80 Prozent der Spandauer waren seit 20 Jahren nicht mehr hier“, sagt er. Das soll sich ändern, auch durch partizipative Ausstellungen, in die die Spandauer sich mit ihren Geschichten oder privaten Exponaten einbringen können. Damit die Zitadelle nicht nur Wahrzeichen ist, sondern noch mehr zu einem aktiv genutzten Kultur- und Erlebnisort wird.

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