Charlottenburg

Wie Schauspielerin Ava Celik eine eigene Bäckerei aufmachte

| Lesedauer: 8 Minuten
Christine Eichelmann
Bäckerin Ava Celik in ihrer Bäckerei.

Bäckerin Ava Celik in ihrer Bäckerei.

Foto: Maurizio Gambarini

Von Zöliakie hatte Schauspielerin Ava Celik vor dem Ausbruch der Krankheit noch nie gehört. Doch in der Not sah sie die Chance.

Berlin. Als in Ava Celiks Leben alles durcheinandergeriet, war Sevda an ihrer Seite. Ihr Alter Ego, zumindest auf Zeit. Eine Kunstfigur, jünger als sie selbst, radikal in ihrem Anderssein, streng religiös – ganz anders als Celik.

Aber Sevda ist auch stark und selbstbewusst, unbeirrbar in ihrer Zielstrebigkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgt. Eigenschaften, die Celik zu jener Zeit mehr als alles andere brauchte.

Das Unwohlsein kam ganz plötzlich

Sevda – gespielt von Ava Celik – ist ein muslimisches Mädchen in dem ZDF-Fernsehfilm „Die Neue“. Sevda besteht gegen die Widerstände ihrer Schule und in ständiger Auseinandersetzung mit ihrer von Iris Berben gespielten Lehrerin auf ihrem Kopftuch und anderen religiösen Regeln. Es sollte einer der letzten Einsätze von Ava Celik an einem Filmset sein.

Denn noch während der Dreharbeiten 2014 wurde sie krank. So kraftlos fühlte sie sich, dass sie kaum noch aufstehen konnte. Sie litt unter Übelkeit und Bauchschmerzen. Acht Kilo verlor die ohnehin schlanke Deutsch-Türkin. Die Drehtage wurden zur Tortur.

Eigene Rezepte für die eigene Manufaktur

Ein Dreivierteljahr dauerte es, bis sie die ärztliche Diagnose bekam: Zöliakie. Glutenunverträglichkeit. „Von der Krankheit hatte ich bis dahin noch nie gehört“, sagt die heute 28-Jährige, während sie in ihrer frisch eröffneten Bäckerei „Aera“ in Charlottenburg die Temperatur am Ofen reguliert. Hinter der Glasscheibe haben mehrere Laibe Bauernbrot ihre typische dunkle Kruste entwickelt.

Sauerteigbrot ohne Gluten, nach einer von Celik selbst ausgetüftelten Rezeptur. Ein Rezept, das es niemals gegeben hätte ohne ihre Krankheit. Und ohne die Courage und Kompromisslosigkeit, die Celik auch in der Hauptrolle als junge Türkin Sevda zeigen musste.

Aus der Glamour-Welt in die Bodenständigkeit

Der Wechsel aus der aufregenden, Glamour verheißenden Welt des Schauspiels in die so viel gleichförmigere Bodenständigkeit einer stillen Backstube war für die gebürtige Charlottenburgerin, die bis heute in ihrem Heimatbezirk lebt, kein einfacher.

Und das nicht nur, weil die Absolventin eines Philosophie- und Filmwissenschaftsstudiums 2014 bereits acht Jahre vor der Kamera und auf der Bühne gestanden hatte. In der ersten Staffel der erfolgreichen TV-Serie „Die Stein“ 2008 hatte sie ebenfalls eine Schülerin gegeben, hatte bei „Mordkommission Istanbul“ mitgespielt und im „Tatort“ mit Til Schweiger zusammengearbeitet. Zwei Schauspielpreise erhielt sie in ihrer noch jungen Karriere.

Produkte im Handel schmecken ihr nicht

Nachdem der Genuss ihres geliebten Grundnahrungsmittels zum Gesundheits-, im Extremfall sogar zum Lebensrisiko geworden war, probierte Ava Celik alles aus, was die Marktnische der glutenfreien Backwaren hergab.

„Ich habe da erst gemerkt, wie wichtig Brot für mich tatsächlich ist“, sagt sie. „Nur schmeckte einfach nichts von dem, was ich im Handel bekam“.

Industrielle Produkte, mit viel Maismehl und oft mit Hefe statt mit Sauerteig hergestellt, waren ihr zu pappig. Auch das Angebot kleiner Bäckereien in Berlin empfand sie als fade.

Ratschläge und Nachfragen kamen aus Israel und Japan

Ein gutes Brot, so ihr Anspruch, müsse eine krosse Kruste haben und innen trotzdem luftig sein. Und das auch ohne Roggen, Gerste oder Weizen, dessen Mehl dem Sauerteig normalerweise die nötige Klebrigkeit und dem Brot die Struktur verleiht.

Lange experimentierte Ava Celik in der eigenen Küche. Sie mischte glutenfreie Mehlsorten, arbeitete sich durch die Fachliteratur aus den Bibliotheken.

„Wie viel Wasser muss ich zugeben, welche Rolle spielt der Faktor Zeit, wie kann ich die Weizenproteine ersetzen? Jedes Detail spielt eine Rolle“, so Celik. Ihre Misserfolge und Fortschritte postete sie auf Facebook. „Ich war erstaunt, wie viel Resonanz ich bekam“, erinnert sie sich. Aus Israel, Großbritannien, sogar aus Japan erhielt sie Ratschläge und Nachfragen.

Erste Versuche im Reagenzglas

Die ersten Ergebnisse waren trotzdem wenig verheißungsvoll. Mal floss der Teig zum unansehnlichen Flatschen auseinander, mal ging das Brot einfach überhaupt nicht auf. Außerdem war das Herumprobieren mit den seltenen Getreiden ziemlich teuer.

Einige Zeit lang habe sie die Versuche nur im Reagenzglas gemacht und lediglich geschaut, wie sich der Teig verhält, sagt Celik. Eineinhalb Jahre dauerte das Prozedere, manchmal änderte sie nur grammweise einzelne Zutaten. „Als ich das erste Brot richtig hinbekommen habe, habe ich vor Freude geweint.“

Bäckermeisterprüfung nur mit Ausnahmegenehmigung

Trotz der Schwierigkeiten entdeckte die junge Frau in dieser Tätigkeit eine ganz neue Erfüllung. „Als Schauspielerin stand ich am Ende einer langen Kette und musste die Sätze aussprechen, die ein anderer geschrieben hat“, sagt sie. „Wenn ich backe, kreiere ich dagegen selbst eine neue Welt.“

Doch als Ava Celik nach zwei Jahren des Experimentierens beschloss, eine Manufaktur für glutenfreie Backwaren aufzumachen, tauchten neue Probleme auf. Denn für ein eigenes Geschäft brauchte sie einen Meister.

„Eine Ausbildung konnte ich selbst ja nicht machen, da wäre ich sofort wieder krank geworden.“ Sich von einem angestellten Meister abhängig machen wollte sie allerdings auch nicht.

Finanzspritze vom regionalen Förderinstitut

Bis sie Handwerkskammer und Bäckerinnung überzeugt hatte, dass sie auch als Autodidaktin und ganz ohne Lehre die Meisterprüfung ablegen könne, war es ein weiteres hartes Stück Arbeit. Denn eine entsprechende Ausnahmeregelung gibt es zwar, war dort aber unbekannt.

Nur durch einen Kollegen in Speyer hatte Ava Celik davon erfahren. Mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit nahm sie schließlich auch diese Hürde.

Mitte Dezember 2018 eröffnete sie, mit finanzieller Unterstützung der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Berlin-Brandenburg, im Fasanenhof an der Fasanenstraße 74 ihre gläserne Bäckerei für garantiert handgemachtes glutenfreies Sauerteigbrot.

Sorten werden noch weiterentwickelt

Von der Ladentheke schauen Kunden direkt in die Backstube und auf den Ofen, aus dem die frischen Bauernlaibe kommen. Gebacken wird mit allem, was an Getreide ohne das kritische Protein zu bekommen ist: Hirse und Reis, Mais und Buchweizen, glutenfreier Hafer, Teff und Soja.

Dazu kommen diverse Saaten. Die Zutaten stammen aus Bioanbau, für Malz wird der Buchweizen in der Bäckerei selbst vermälzt.

Fünf Brotsorten sind vorerst im wechselnden Angebot. „Aber wir entwickeln die Rezepturen immer weiter und probieren jede Woche Neues aus“, sagt die Jungunternehmerin, die mal hinten in der Backstube, mal vorn am Verkaufstresen steht.

Backwaren für jedermann

In diesem März startet auch der Onlinehandel, dann soll nachmittags gebackenes Brot am nächsten Tag beim Kunden ankommen. Außerdem gibt es in Celiks Bäckerei eine kleine Auswahl süßer Leckereien, auch diese natürlich glutenfrei hergestellt.

„Obwohl das bei uns nirgendwo extra steht, schließlich machen wir Backwaren für jedermann“, sagt Celik. Gemäß dem Versprechen ihres Geschäfts: ein „glutenfreies Brot herzustellen, das man nicht von herkömmlichen unterscheiden kann“.

Die lange handwerkliche Tradition verpflichtet

Wehmut angesichts ihrer inzwischen ganz aufgegeben Filmkarriere verspürt Ava Celik nicht. Brotbacken, sagt sie, habe etwas ungemein Beruhigendes.

Außerdem spürt sie die lange Tradition, in der sie nun steht. Nicht als etwas Belastendes, eher als Verpflichtung. Schließlich wurden die ersten Brote nachweisliche schon Tausende Jahre vor Christi Geburt gebacken.

Noch nie aber, sagt Celik, seien die Voraussetzungen für gutes Brot so ideal gewesen wie heute, mit der großen Vielfalt an verfügbaren Rohstoffen und moderner Technik. Der Name ihrer Bäckerei steht für Celiks Blick nach vorne. Aera. Eine neue Ära. Ein neues Leben.