1500 neue BVG-Wagen

Neue U-Bahnen lassen doch länger auf sich warten

Senat und BVG wollen 1500 neue Wagen bestellen. Doch die Hersteller brauchen mehr Zeit für ihre Angebote.

Ein Zug der U-Bahnlinie U2 auf dem Weg nach Pankow.

Ein Zug der U-Bahnlinie U2 auf dem Weg nach Pankow.

Foto: imago stock

Berlin. Der seit Monaten erhoffte Großauftrag zur Bestellung dringend benötigter neuer U-Bahnwagen für Berlin lässt weiter auf sich warten. Eigentlich sollten die Bewerber um den Großauftrag am gestrigen Freitag ihre verbindlichen Angebote abgeben. Doch wie die Berliner Morgenpost aus BVG-Kreisen erfuhr, ist der Abgabetermin erneut verschoben worden.

Ursprünglich sollten die Angebote schon Ende des vorigen Jahres abgegeben werden. Doch wegen der vielen Rückfragen der Hersteller musste bereits dieser Termin verschoben werden. Mit der neuerlichen Fristverlängerung wird es jedoch immer unwahrscheinlicher, dass der Aufsichtsrat der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wie geplant Anfang April die Fahrzeugbestellung, die mit einem Finanzvolumen von vier Milliarden Euro als größte in der BVG-Geschichte gilt, beschließen kann. Davon hängt wiederum ab, ob die ersten neuen Züge wie von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) angekündigt, tatsächlich schon 2021 das U-Bahnangebot verbessern können.

Fahrgastverband sprach von „U-Bahn-Krise“

Vor allem in der zweiten Jahreshälfte 2018 hatten sich bei der Berliner U-Bahn Zugausfälle und Verspätungen gehäuft. Angesichts der Vielzahl von Einschränkungen sprach der Berliner Fahrgastverband Igeb bereits von einer „U-Bahn-Krise“.

Selbst der Berliner Senat, der sich vorzugsweise im Dienstwagen durch die Stadt bewegt, verschloss nicht mehr die Augen vor den Problemen. BVG-Aufsichtsratschefin Ramona Pop (Grüne) und Verkehrssenatorin Günther kündigten umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Lage an. Ganz oben auf der Liste steht dabei der Kauf neuer Fahrzeuge, die die störanfälligen Oldtimer-Züge ersetzen sollen. Die U-Bahnflotte ist nach BVG-Angaben im Durchschnitt rund 30 Jahre alt und besteht aus 17 verschiedenen Baureihen. Beides sorgt dafür, dass die U-Bahnen viel öfter als in anderen Großstädten in die Werkstatt müssen und so nicht für den Fahrgastbetrieb zur Verfügung stehen.

Akuter Fahrzeugmangel seit 2016 ein Thema

Bereits der rot-schwarze Vorgängersenat hatte unter Federführung von Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) das Problem erkannt und ein groß angelegtes Fahrzeugbeschaffungsprogramm angekündigt. Allein für die U-Bahn sollten mehr als 1000 neue Wagen beschafft werden, um einen akuten Fahrzeugmangel abzuwenden, hieß es schon 2016.

Doch das für Aufträge dieser Größenordnung EU-rechtlich vorgeschriebene Ausschreibungsverfahren ließ lange auf sich warten. Erst musste eine Fahrzeugbeschaffungsgesellschaft gegründet werden, dann kamen die Wahlen zum Abgeordnetenhaus dazwischen. Das Vergabeverfahren startete schließlich im Dezember 2016 und sollte eigentlich bis Ende 2018 abgeschlossen sein.

Auftrag wird 2018 noch einmal kräftig aufgestockt

Doch zwischenzeitlich spitzten sich die U-Bahn-Probleme weiter zu. Rot-Rot-Grün beschloss daraufhin, die Bestellung noch einmal kräftig aufzustocken. Statt 1050 sollen nun 1500 Wagen beschafft werden. Das veranschlagte Investitionsvolumen von 3,2 Milliarden Euro erhöhte sich um eine weitere Milliarde. Vorgesehen sind 440 Wagen für die sogenannten Kleinprofillinien (U1 bis U4), und weitere 1060 für die Linien U5 bis U9.

Weil die Tunnel dort mehr Platz bieten, können die Wagen auf diesen Linien breiter sein und so mehr Fahrgäste transportieren. Das dicke Auftragsplus hatte indes Folgen für den Zeitplan. „Es gab so viele Änderungen in der Ausschreibung, dass wir die Angebote komplett neu berechnen mussten“, sagte einer der beteiligten Firmenvertreter. Sowohl mit den eigenen Fertigungsstätten als auch mit den Zulieferern hätten neue Lieferzeiten und -mengen verhandelt werden müssen. Zudem forderte der Senat frühere Lieferzeiten und schneller größere Stückzahlen.

Neue Züge sollen schon 2021 fahren

Die ersten Züge sollen, damit die politischen Versprechen auch gehalten werden können, bereits 2021 geliefert werden, nur drei Jahre nach einer Auftragserteilung. „Das ist mehr als sportlich“, so ein Insider. Normalerweise benötigen die Fahrzeughersteller bei technischen Unikaten wie der Berliner U-Bahn mindestens 48 Monate ab Auftragserteilung, bis die ersten Züge verlässlich einsatzbereit sind.

Ein solcher Zeitrahmen steht etwa für die neue S-Bahn für Berlin zur Verfügung. Das Herstellerkonsortium von Stadler und Siemens Mobility hatte Ende 2015 den Auftrag für die Lieferung von 382 Wagen für den Ringbahnverkehr erhalten. Erst nach einer mehr als einjährigen Testphase soll im Januar 2021 der Fahrplaneinsatz der Vorserienzüge beginnen. So viel Zeit werden die Lieferanten der neuen U-Bahn nicht haben.

Noch drei Anbieter im Rennen

Im Rennen sind nach Informationen der Berliner Morgenpost noch drei Anbieter: der Hersteller des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV, Alstom, ein Konsortium von Bombardier und Siemens sowie die Stadler Pankow GmbH. Speziell Alstom wird nachgesagt, dass das in Teilen dem französischen Staat gehörende Unternehmen mit Macht in den deutschen Markt drängt.

Stadler und Bombardier können wiederum darauf verweisen, bereits zahlreiche Fahrzeuge an die BVG geliefert zu haben. Zudem erfolgt anders als bei Alstom ein Teil der Wertschöpfung in der Region. Stadler montiert und erprobt seine Bahnen in Pankow, Reinickendorf und im brandenburgischen Velten. Der kanadische Hersteller Bombardier hat bislang seinen größten Produktionsstandort in brandenburgischen Hennigsdorf.

Sorgen bei Bombardier in Hennigsdorf

Dort geht allerdings die Sorge um, dass sie von dem möglichen Großauftrag nicht viel haben werden. Nach dem im Vorjahr verkündeten Konzern-Konzept soll in Hennigsdorf künftig nur noch Konstruktion und Vorserienfertigung angesiedelt sein. Nach Informationen der Morgenpost will Bombardier bei einem möglichen Zuschlag lediglich rund 30 der insgesamt 1500 Wagen in Hennigsdorf montieren, der übergroße Rest des Auftrags soll im sächsischen Bautzen gefertigt werden.

Diese konzerninterne Entscheidung sorgt derzeit für heftige Diskussionen in der Bombardier-Belegschaft in Hennigsdorf, die zu einem Großteil aus Berlin kommt. Doch laut BVG lässt das EU-Recht keine Vorgaben zu, die Wertschöpfung ganz oder teilweise in der eigenen Region zu halten.

Kurzfristig soll Stadler mehr Züge liefern

Zumindest kurzfristig könnte sich die Situation bei der Berliner U-Bahn etwas stabilisieren. Wie angekündigt, will die BVG den aktuellen U-Bahn-Auftrag beim Hersteller Stadler aufstocken. Zusätzlich zu den 22 Zügen der Serie IK18 sollen im nächsten Jahr weitere 20 Vier-Wagen-Einheiten geliefert werden. Notwendig dafür ist allerdings die Zustimmung vom Stadler-Konkurrenten Siemens, der gegen die freihändig erfolgte Vergabe des Millionenauftrags geklagt hatte. Nachdem auch die Richter am Berliner Landgericht Zweifel an diesem Verfahren äußerten, einigten sich BVG und Siemens auf einen Kompromiss. Danach durfte die BVG bei Stadler zunächst nur 56 Wagen bestellen.

Über weitere 24 Wagen soll es Ende März eine Verständigung geben. Widerstand von Siemens wird mit Blick auf die unmittelbar bevorstehende Vergabe des Großauftrags aber nicht mehr erwartet.