Hausotter-Grundschule

Schulleiterin: Tote Schülerin ist kein Mobbing-Opfer

Die 11 Jahre alte Schülerin ist am Donnerstag beigesetzt worden. Die Schulleiterin sagt, sie sei kein Mobbing-Opfer gewesen.

Stofftiere, Blumen und Kerzen haben Menschen vor dem Eingang zur Hausotter Grundschule in Reinickendorf abgelegt.

Stofftiere, Blumen und Kerzen haben Menschen vor dem Eingang zur Hausotter Grundschule in Reinickendorf abgelegt.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  Die CDU-Fraktion wirft der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) Untätigkeit im Kampf gegen Mobbing an Schulen vor. Im Schulaussauschuss des Berliner Abgeordnetenhauses sagte die bildungspolitische Sprecherin der Christdemokraten Hildegard Bentele am Donnerstag: „Warum bedarf es erst eines Todesfalls und des Drucks dieser Anhörung, um neue Maßnahmen anzustoßen?“

Konkret sei ein gemeinsamer Antrag der SPD und CDU aus der vergangenen Legislaturperiode mit dem Titel „Berliner Programm gegen Gewalt an Schulen“ nicht umgesetzt worden. Als oberste Priorität wurden damals die Prävention, Aufklärung sowie Anti-Mobbing-Trainings beschlossen worden. Außerdem sollte eine Meldepflicht für Mobbingfälle eingeführt werden. Diese ist bis heute nicht umgesetzt.

Anlass für die öffentliche Anhörung im Ausschuss war der Fall eines angeblichen Suizids einer Schülerin der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf Anfang des Jahres. Dabei ist die Todesursache der 11-Jährigen Schülerin bislang unklar. Ob es einen Zusammenhang zu Mobbing gibt, ist laut Staatsanwaltschaft noch immer nicht abschließend ermittelt. Ende Januar war bekannt geworden, dass sich die Schülerin so schwer verletzt hatte, dass sie wenig später im Krankenhaus an den Folgen gestorben war.

„Die Schülerin war kein Mobbing-Opfer“

Im Schulausschuss sagte die Schulleiterin der Grundschule Daniela Walter: „Die Schülerin, die verstorben ist, war kein Mobbing-Opfer.“ Sie stehe seit dem Tod des Kindes in ständigem Austausch mit den Eltern, die Familie habe bis heute nichts zur Todesursache gesagt. Am Donnerstag sei das Kind beigesetzt worden. Walter sagte: „Was mich unglaublich wütend macht“, so die Schulleiterin, „ ist, dass Menschen von außen über diese Schule richten.“

Die Kritik ging wohl vor allem an Carsten Stahl, der im Ausschuss als einer von sechs Sachverständigen zum Thema Mobbing gehört wurde. Der hatte den Senat und die Schulleitung lautstark kritisiert, nachdem er im Februar von einem Mitglied der Elternvertretung erfahren habe, das verstorbene Mädchen sei gemobbt worden. Mit den Eltern des verstorbenen Kindes hat er nie gesprochen.

Auch viele Medien gingen danach der Frage nach, ob Mobbing an der Schule zu einem Suizidversuch geführt haben könnte. Elternvertreter berichteten von einem Mobbing-Problem an der Schule. Die Morgenpost beteiligte sich auf den Wunsch der Eltern nicht an dieser Verdachtsberichterstattung.

Mobbing-Trainer Stahl: Vorfälle werden tabuisiert

Auch im Bildungssauschuss teilte Stahl aus. Er sei froh, dass man dem Thema Mobbing endlich eine Stimme gebe. Aber das größte Problem sei die Tabuisierung der Vorfälle. „Lehrer schützen den Ruf der Schule, um nicht eine gewisse Schwäche zu zeigen“, sagte der selbst ernannte Anti-Mobbing-Trainer. Die Schulämter schauten weg, die Schulleiter, die Politik. Solange sich das nicht ändere, würden sich die weiter Schüler das Leben nehmen, Kinder seelisch und körperlich verletzt.

Die Vorträge der Fachleute aus Wissenschaft und Beratungsstellen fielen deutlich zurückhaltender aus. „In Berlin passiert sehr viel an Schulen im Vergleich zu anderen Bundesländern“, erklärte Herbert Scheithauer, der im Fachbereich Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin zu den Themen Schulgewalt und Mobbing forscht. Allerdings, so Scheithauer, würden oft Maßnahmen und Projekte in Schulen eingesetzt, bei denen nicht klar ist, welche Wirkung sie zeigen.

Im schlimmsten Fall könnten die falschen Maßnahmen sogar eine negative Wirkung entfalten, etwa wenn man Unterschiede bei Tätergruppen nicht betrachte. So würden manche ein geringes soziales Vermögen aufweisen, andere aber setzten Mobbing strategisch ein. Wenn letzten durch Trainings etwa die sozialen Kompetenzen gestärkt würden, könnten sie am Ende noch geschickter andere Schüler schikanieren.

Experte: Mobbing von der Elite- bis zur Brennpunktschule

Deutlich fiel die Antwort des Entwicklungspsychologen auf eine Frage eines fraktionslosen Abgeordneten aus, ob Mobbing vermehrt gewissen sozialen oder ethnischen Gruppen zugeordnet werden könne. Mobbing trete allen Schultypen und in allen sozialen Schichten auf, sagte Scheithauer – also von der Elite- bis zu Brennpunktschulen.

„Übrigens kann auch dort Mobbing auftreten, wo viel dagegen getan wurde. Sobald neue Schüler in die Klasse kommen oder sich das Lehrerkollegium ändert, kann sich die Situation grundlegend ändern.“ Man müsse den Kampf gegen Gewalt und Mobbing also als langfristige Arbeit an den Schulen betrachten. „Man kann nicht einfach eine Maßnahme installieren und alles ist gut“, sagte Scheithauer.

Bildungssenatorin Scheeres stellte im Bildungsausschuss eine Reihe von Maßnahmen vor, die sie bereits wenige Tage zuvor angekündigt hatte. Unter anderem will sie ein Mitglied der Landesschülervertretung als eine Art Anti-Mobbing-Beauftragten in die Bildungsverwaltung holen. Der direkte Draht von Schülern zu Schülern solle die Hemmschwellen senken.

Anti-Mobbing-Stelle in der Senatsverwaltung

Als zusätzliche Koordinierungs- und Kontaktmöglichkeit in der Bildungsverwaltung will die Senatorin eine neue Anti-Mobbing-Stelle schaffen. Zudem plant sie verpflichtende Fortbildungen für Schulleitungen, eine Überarbeitung des Meldeverfahrens für Gewalt-und Mobbingvorfälle und einen Ausbau der Anti-Mobbing-Kurse für Eltern und pädagogisches Personal.

Scheeres sprach angesichts der Vielfalt und Komplexität des Themas Mobbing von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“. Der Kampf gegen Ausgrenzung und Schikane sei nicht mit einem Konzept erledigt, Mobbing in Schulen sei eine Facette eines großen Problems, das sich durch alle Lebensbereich ziehe. Das Klima an den Schulen sei lediglich ein Abbild der gesellschaftlichen Stimmung. „Es geht darum, ein gutes Schulklima an den Schulen zu erreichen“, so Scheeres.

Die Opposition wollte sich mit den beschwichtigenden Worten der Senatorin nicht zufrieden geben. Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP, sagte, das Problem Mobbing sei nicht wie ein Schlechtwetterphänomen erst vorgestern entstanden. Es war unter anderem seine Partei, die die Expertenanhörung einberufen hatte.

„Wir tappen seit eineinhalb Jahren im Dunkeln“

Hildegard Bentele von der CDU sah die Ankündigungen der Bildungssenatorin als Eingeständnis dafür, dass bislang zu wenig getan wurde. „Wie wissen, dass wir eine ansteigende Zahl von Mobbingfällen haben, einen Anstieg der Suizidfälle an Schulen. Aber wir tappen seit eineinhalb Jahren im Dunkeln.“ Damit spielte sie auf eine parlamentarische Anfrage ihres Fraktionskollegen Mario Czaja an, aus der hervorgehe, dass eine 2016 beschlossene Meldepflicht bei Mobbingfällen bis heute nicht umgesetzt wurde. „Ein schweres Versäumnis“, so Bentele.

Die aktuellsten Zahlen zu Gewalt an Schulen stammen aus dem ersten Schulhalbjahr 2016/17. Demnach gab es 13 Suizidversuche – deutlich mehr als in den Vorjahren. Gezählt wurden auch 430 schwere körperliche Gewalttaten. Neuere Zahlen gibt es nicht, Statistiken zu Mobbing werden aufgrund der fehlenden Meldepflicht nicht erhoben.

Der Grund dafür laut Scheeres: Man habe das Gewaltmeldeverfahren seit 2016 evaluiert. Ergebnis: „Das Meldeverfahren ist in keinster Weise repräsentativ.“ So komme es vor, das Schulen Vorfälle als sexuelle Belästigung, bei denen eine Schülerin von einem Schüler geschubst wurde. Man wolle nun mit Fachleuten ein Verfahren für eine aussagekräftige Statistik erarbeiten.

Schülerin: „Mobbing ist an Schulen ein tagtägliches Problem“

Einen subjektiven Eindruck aus den Schulen brachte im Bildungsausschuss die Vorsitzende des Landesschülerausschusses, Eileen Hager vor. Sie sagte: „Mobbing ist an den Schulen ein tagtägliches Phänomen.“ Die Hemmschwelle sei unter anderem aufgrund der sozialen Medien gesunken. Betroffene hätten Angst sich zu öffnen oder wüssten nicht, wo sie Hilfe bekommen. „Es gibt Fälle, bei denen Lehrer aktiv dabei zusehen, Schülerinnen gemobbt wären“, so Hager. Die Schülerin sprach sich für verpflichtende Präventionsprogramme in den Schulen aus.