Sportpolitik

Geisel: Berlin soll sich für Olympische Spiele 2036 bewerben

Das Thema Olympia kommt wieder auf die Agenda. Sportsenator Andreas Geisel hat sich für eine Bewerbung für 2036 ausgesprochen.

Sportsenator Andreas Geisel (SPD) will die Olympischen Spiele nach Berlin holen

Sportsenator Andreas Geisel (SPD) will die Olympischen Spiele nach Berlin holen

Foto: BM/pa

Berlins Innen- und Sportsenator Andreas Geisel (SPD) hat mit seinem Vorschlag für eine Olympiabewerbung Berlins für 2036 eine heftige Debatte ausgelöst. Auch Stimmen, die grundsätzlich für Olympia sind, halten eine Neuauflage ausgerechnet 100 Jahre nach den von den Nationalsozialisten inszenierten Spielen von 1936 für unpassend. Der Senator bekam aber auch viel Unterstützung.

Geisel sprach sich bei einem Frühstück der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) für eine „nationale Bewerbung“ um die Sommerspiele 2036 aus. Hintergrund dieses Appells sind die schlechten Erfahrungen, die Deutschland zuletzt mit Olympia-Bewerbungen gemacht hat. Damit meint er, dass der deutsche Sport, aber auch die Bundesregierung und die anderen Regionen eine Berliner Bewerbung unterstützen müssten. Daran mangelte es in der Vergangenheit.

Zuletzt brachten die Hamburger in einer Volksabstimmung im November 2015 die Pläne ihrer Stadtoberen und des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu Fall, mit der Hansestadt ins Rennen zu gehen. Zuvor war Leipzig für die Spiele 2012 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schon vor der Schlussrunde aussortiert worden. Berlin war mit einer Bewerbung für das Jahr 2000 gescheitert.

Wegen dieser Erfahrungen setzt Geisel jetzt darauf, dass sich in Deutschland die Erkenntnis durchsetzen möge, nur mit Berlin eine Chance zu haben. Der Reigen der erfolgreichen Bewerber-Städte legt nahe, dass nur Metropolen wirklich infrage kommen. Nach Peking, London und Rio de Janeiro sind als nächstes Tokio, Paris und Los Angeles an der Reihe. Der Landessportbund (LSB) begrüßt den Vorstoß: Dies sei eine „große Chance für den Sport in Deutschland und Berlin“, sagte LSB-Präsident Thomas Härtel. Dabei müssten auch die Bürger beteiligt werden. „Wir sind davon überzeugt, dass es die Hauptstadt sein sollte, um international ein klares Zeichen zu setzen.“

Geisel verknüpft das Projekt einer Olympia-Bewerbung mit den Bedürfnissen der Hauptstadt. Berlin brauche ein „perspektivisches Event, auf das wir hinarbeiten“, so der Senator, der bis 2016 das Ressort Stadtentwicklung leitete. „Wir werden die Herausforderungen als wachsende Stadt nicht mit dem Berliner Landeshaushalt bewältigen“, warnte er. Der Ausbau der Infrastruktur, zum Beispiel bei Straßenbahn- und U-Bahnlinien, könne „nicht im heutigen Tempo weitergehen“.

Wohlwollende Reaktionen aus der Berliner Wirtschaft

Eine Olympia-Bewerbung könne dafür sorgen, dass vielleicht mehr geschehe, als in einer Legislaturperiode Planungsrecht für fünf Straßenbahnlinien zu schaffen. Geisel verwies auf die Verhältnisse in anderen europäischen Metropolen. So erweitere Moskau sein U-Bahn-Netz jedes Jahr um drei Stationen. Das sei auch möglich, weil dort Ressourcen aus dem ganzen Land und nicht nur der Stadt Moskau eingesetzt würden. Einen ähnlichen Effekt erhofft sich der Sozialdemokrat auch im Rahmen einer Olympia-Bewerbung.

Die Reaktionen im Publikum bei der IHK waren wohlwollend. Geisel bekam für seine Worte viel Applaus. IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder signalisierte Zustimmung der Berliner Wirtschaft. Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Frank-Christian Hansel, sagte Unterstützung zu. Kaweh Niroomand, Manager des Volleyball-Bundesligisten Berlin Recycling Volleys, erklärte, für die Sportler in Deutschland seien Olympische Spiele im eigenen Land eine „wichtige Perspektive“. Wenn man Erfolg haben wolle, brauche man einige Vorlaufzeit, so Niroomand, der als Vizepräsident des DOSB auf Bundesebene der ranghöchste Vertreter des Berliner Sports ist. Im DOSB habe sich nach seiner Beobachtung die Meinung durchgesetzt, dass Berlin „eine wichtige Rolle spielen“ müsse bei einer „nationalen Bewerbung“. Ein „Gegeneinander-Agieren“ schade allen. Derzeit ist aus Nordrhein-Westfalen bekannt, dass dort für das Ruhrgebiet über eine Bewerbung nachgedacht wird.

Linkspartei: „Ein schlechter Scherz“

In der rot-rot-grünen Koalition gibt es jedoch erhebliche Vorbehalte nicht nur gegen ein Olympia-Projekt an sich, sondern auch wegen der Bezüge zu 1936. Udo Wolf, Vorsitzender der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, positionierte sich via Kurznachrichtendienst Twitter sehr eindeutig, „Ein schlechter Scherz, oder? Als ob der letzte Versuch nicht schon peinlich genug gescheitert wäre“, schrieb der Linkspolitiker. Auch die Finanz- und Sportexpertin der Grünen, Anja Schillhaneck, zeigte sich skeptisch wegen des symbolträchtigen Bezuges zu den Spielen von 1936. „Olympische Spiele ´36 als ,nationale Sache’ in Berlin – da war doch was“, schrieb sie auf Twitter. DOSB-Vize Niroomand zeigte Verständnis für die Bedenken. Man könne an diesem Datum aber auch zeigen, dass Deutschland ein ganz anderes Land sei als zu Zeiten der Nazis, und nachhaltige, freundliche und offene Spiele veranstalten. Ähnlich äußerte sich auch Geisels Sprecher: 100 Jahre nach Olympia in Berlin während der Nazidiktatur könne Deutschland zeigen, wie es sich zu einem weltoffenen, demokratischen Land entwickelt habe.