Kriminalität

Kriminalität: Nein, es wird nicht alles immer schlimmer

Der Blick auf die Kriminalitätsstatistik rückt einiges zurecht, meint Ulrich Kraetzer.

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Es sind die Geschichten über den brutalen Mord im Clan-Milieu oder das tödliche Beziehungsdrama, den spektakulären Einbruch in ein Juwelier-Geschäft oder die ungenierten Aktivitäten der Dealer-Szene: Die Berichterstattung über die kriminellen Machenschaften der Unterwelt können bei den Berlinern das Bild einer Stadt zeichnen, die im Morast der Kriminalität versinkt, einer Stadt, in der man sich abends kaum auf die Straße trauen kann, einer Stadt, die vor dem Verbrechen kapituliert. Dieses Bild ist mindestens in dieser überspitzten Form ein Zerrbild. Doch viele scheinen sich nach einem solchen Zerrbild zu sehnen. „Es wird ja alles immer schlimmer.“ Diesen Satz hört man häufig, wenn es um die Frage geht, ob Berlin noch sicher ist.

Die Berichterstattung über schlagzeilenträchtige Einzelfälle zu unterlassen, kann in einer Demokratie keine Option sein. Journalisten und Leser sollten aber häufiger innehalten und zumindest versuchen, mit nüchternem Blick das Große und Ganze im Auge zu behalten. Werfen wir also einen Blick auf die Berlins Kriminalstatistik für 2018, die am Donnerstag von Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik vorgestellt wurde. Bei der Lektüre zeigt sich, dass die These, dass alles immer schlimmer wird, nicht haltbar ist. Statistiken sind nicht leicht zu lesen und interpretationsfähig. Für die Kriminalstatistik gilt das allemal. Festhalten lässt sich aber dennoch, dass die Zahl der von der Polizei registrierten Straftaten in den vergangenen Jahren in vielen Deliktfeldern gesunken ist.

Zumindest bei Wohnungseinbrüchen ist der Fall klar

Liegt das nur daran, dass die personell ausgeblutete Polizei nicht mehr richtig hinschaut und die Berliner es leid sind, Straftaten anzuzeigen, die dann doch nicht aufgeklärt werden? Zumindest bei den Einbrüchen in Wohnungen kann das ausgeschlossen werden. Denn wer Opfer eines Einbruchs geworden ist, zeigt das an, um den Schaden von seinem Versicherer ersetzt zu bekommen. Zumindest bei Wohnraumeinbrüchen hat Geisel also recht, wenn er sagt, dass Berlin sicherer geworden ist. Berliner, die dennoch Opfer eines Einbruchs geworden sind, hilft das wenig. Politisch betrachtet sollte man sich über diese Statistik dennoch freuen.

Denn es zeigt, dass die Sicherheitsbehörden Kriminellen nicht hilflos ausgeliefert sind. Dies ist sie also, die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die man aus der Statistik ableiten kann: Dort, wo Polizei und Justiz aktiv ist, können sie die Kriminalität zurückdrängen.

Beim Thema Wohnraumeinbruch lässt sich das ablesen. Durch kostenlose Präventionsangebote wurden die Berliner in die Lage versetzt, ihre Wohnräume besser zu schützen. Wo Einbrecher früher leichtes Spiel hatten, werden sie nun mitunter durch Qualitätsschlösser abgeschreckt, so dass sie ihre Einbruchsversuche abbrechen müssen. Durch gezielte Ermittlungen ist es der Polizei zudem gelungen, Banden das Handwerk zu legen und ihre Hintermänner vor Gericht zu bringen. Aus der Zelle heraus können sie keine weiteren Einbrüche begehen. Potenzielle Nachfolgetäter werden durch die Strafen zudem abgeschreckt.

Das Personal muss in die richtigen Bereiche

Viel bringt viel: Dass diese Erkenntnis im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung zutrifft, zeigt sich übrigens auch im umgekehrten Fall. Beispiel gefällig? Ermittler des Landeskriminalamtes klagen schon lange, dass Kollegen, die im Bereich der Wirtschaftskriminalität ermittelten, zugunsten anderer Deliktfelder abgezogen wurden. Laut Kriminalstatistik ist der Schaden, der in diesem Bereich entstand, von 306 Millionen Euro im Jahr 2017 auf 999 Millionen Euro im vergangenen Jahr gestiegen. Zufall? Kann sein. Klar ist dagegen: Geisel und Slowik haben die Aufgabe, das zusätzliche Personal, das sie dank der sprudelnden Steuereinnahmen in den kommenden Jahren einstellen können, in den richtigen Bereichen einzusetzen. Im Interesse der Berliner, die in ihrer Stadt so sicher wie möglich leben wollen, ist ihnen dabei ein glückliches Händchen zu wünschen.