Tödlicher Unfall

Polizist betrunken? Ermittler fragen mehr als 100 Kollegen

Die Polizei steht im Fall der bei einem Unfall getöteten Fabien vor einer der größten behördeninternen Untersuchungen.

Bei dem Unfall an der Grunerstraße kam Fabien M. ums Leben.

Bei dem Unfall an der Grunerstraße kam Fabien M. ums Leben.

Foto: imago stock / imago/Olaf Selchow

Berlin. Der Fall Fabien M., die 2018 bei einem Unfall mit einem Polizeiauto ums Leben kam, zieht eine der größten behördeninternen Ermittlungen der vergangenen Jahrzehnte nach sich.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen mehr als 100 Polizeibeamte befragt werden. In der jüngsten Vergangenheit gab es damit, abgesehen vom Fall Amri, keinen anderen Fall, der eine ähnlich große Untersuchung bei der Berliner Polizei nach sich zog. Die Ermittlungen leitet die für Beamtendelikte zuständige Abteilung des Landeskriminalamtes.

Befragt werden sollen nicht nur alle Polizeibeamten, die mit dem Fahrer des Funkstreifenwagens am Unfalltag Kontakt hatten, sondern auch jene, die den Beamten kannten und regelmäßig mit ihm Dienst hatten.

Der Polizist arbeitet in der Direktion 3, ist aber zurzeit nicht im Dienst. Ein Disziplinarverfahren ruht, weil die Behörde die Ermittlungen abwarten möchte. Die Polizeipräsidentin selbst zog das Verfahren auf ihren Tisch.

Der Fall Fabien: Alle Informationen in der Übersicht

· Die 21 Jahre alte Fabien M. aus Reinickendorf kam am 29. Januar 2018 bei einem Verkehrsunfall ums Leben

· Der Unfall ereignete sich an der Grunerstraße in Mitte nahe des Alexanderplatzes

· Die 21-Jährige erlag noch an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen

· Die junge Frau wollte auf dem Mittelstreifen einparken, als ein Funkstreifenwagen in die Fahrerseite ihres Autos raste

· Laut einem Gutachten war das Polizeiauto mit 134 km/h auf der Grunerstraße unterwegs, bei der Kollision mit dem Kleinwagen waren es noch 90 km/h

· Der Polizist soll betrunken gewesen sein.

· Dem Fahrer des Streifenwagens war nach dem Unfall im Krankenhaus Blut abgenommen worden. Eine Kontrolle am Unfallort geschah nicht.

Fall Fabien: Haben Polizisten ihren Kollegen gedeckt?

Mit der Befragung soll herausgefunden werden, ob der Fahrer, bei dem nach dem Unfall im Krankenhaus ein Blut­alkoholwert von rund einem Promille gemessen wurde, am Tag des Unfalls erkennbar betrunken war. Herausfinden wollen die Ermittler auch, ob der Beamte regelmäßig trank oder gar von Kollegen geschützt wurde.

Die Frage ist also auch: Wer ist Zeuge und wer vielleicht Tatverdächtiger, weil er einen Kollegen deckte? Im Raum steht nämlich auch der Vorwurf der Strafvereitelung. Unmittelbar nach dem Unfall war bei dem Beamten kein Alkoholtest durchgeführt worden, weil dafür laut Polizei keine Notwendigkeit bestanden habe. Erst bei einer Blutentnahme im Krankenhaus etwas später fiel der erhöhte Wert auf.

Gerichtsverwertung bleibt umstritten

Unklar ist aber, ob die Erkenntnis über eine mögliche Alkoholisierung vor Gericht verwendet werden kann. Nach Informationen der Morgenpost geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass das der Fall ist. Kritiker meinen, dass die Gerichtsverwertung schwierig werden könnte. Denn für einen gerichtsfesten Test hätten nach dem Unfall zwei Alkoholtests durchgeführt werden müssen. So hätte etwa der Zeitpunkt des Alkoholkonsums genau bestimmt werden können. Auch hätte man ausschließen können, dass die Werte, etwa durch verunreinigte medizinische Geräte, verfälscht wurden – Punkte, die jetzt im Zweifel für den Angeklagten sprechen würden.

Mittlerweile konnte der Unfallhergang durch die Auswertung der Fahrtenschreiber rekonstruiert werden. Die Reinickendorferin hatte entgegen ersten Behauptungen nicht telefoniert. Den Ermittlern half auch, dass der Kleinwagen von Fabien M. einen Datenschreiber hatte. Das bieten manche Versicherungen für einen günstigeren Tarif an. Recherchen der Berliner Morgenpost hatten nach dem Unfall ergeben, dass das Polizeiauto laut Gutachten mit 134 Kilometern pro Stunde kurz vor dem Unfall deutlich zu schnell unterwegs gewesen war. Bei der Kollision waren es noch mehr als 90 Kilometer pro Stunde.

Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung

Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen fahrlässiger Tötung. Das Verfahren war fast abgeschlossen, als anonyme Hinweise auf eine Alkoholisierung des Polizisten aus dem Charité-Umfeld auftauchten. Nachdem die Morgenpost darüber berichtet hatte, soll das Verfahren nun neu aufgerollt werden. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Trunkenheit im Straßenverkehr.

Auch wenn die Ermittlungen noch laufen, hat der Vorgang schon interne Konsequenzen. In einer internen E-Mail, die der Morgenpost vorliegt, schrieb Polizeipräsidentin Barbara Slowik, dass bei der Aufnahme von Verkehrsunfällen die eintreffenden Polizisten in der Regel die Fahrtüchtigkeit der Fahrer überprüfen sollen. Zudem werden künftig Unfälle, an denen Polizisten beteiligt sind, immer von Verkehrsunfallkommandos (VUK) anderer Direktionen bearbeitet – nicht von der Direktion, aus der der betroffene Polizist kommt. Slowik schrieb weiter: „Die Überprüfung der Fahrtüchtigkeit durch das VUK ist mit gesondertem Vermerk zu dokumentieren; dabei ist auf die einzelnen Prüfkriterien einzugehen.“