Neues Konzept

So wird das Angebot bei Bus und Bahn ausgebaut

Berlin investiert massiv in den öffentlichen Nahverkehr. Neue Linien, E-Busse und engere Takte für die Verkehrswende.

Rot-Rot-Grün setzt vor allem auf neue Straßenbahnlinien.

Rot-Rot-Grün setzt vor allem auf neue Straßenbahnlinien.

Foto: Amin Akhtar

Berlin wird sein Nahverkehrssystem in den kommenden Jahren massiv ausbauen. Geld soll es geben für neue Straßenbahnstrecken, womöglich auch für neue U-Bahnlinien, dazu soll es mehr Bahnen auf den Strecken und ein Zehn-Minuten-Takt für Elektro-Busse auch in den Außenbezirken geben.

28 Milliarden Euro bis 2035

Der Nahverkehrsplan der Senatsverkehrsverwaltung von Regine Günther (parteilos, für Grüne), den der Senat am Dienstag absegnen soll, sieht Ausgaben von 28,1 Milliarden Euro für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in den nächsten 16 Jahren vor. Der eigentliche Plan gilt zwar offiziell nur bis 2023. Aber weil gleichzeitig die Direktvergabe der meisten Verkehrsleistungen an die landeseigene BVG beschlossen werden soll und dieser Verkehrsvertrag von 2020 bis 2035 läuft, umfasst die nun zu treffende Weichenstellung einen sehr viel längeren Zeitraum.

„Das ist die Grundlage für die Verkehrswende in Berlin“, sagte Günther. Nachdem die rot-rot-grüne Koalition mit dem Mobilitätsgesetz die rechtliche Grundlage geschaffen habe, gehe es nun um die „finanzielle und operative Gestaltung“, so die Senatorin. Sie kündigte eine „Trendwende im ÖPNV“ an: Er werde komfortabler, sauberer, zuverlässiger. Der Flächenverbrauch werde reduziert, Verkehr auf den Umweltverbund verlagert. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die Aufsichtsratsvorsitzende der BVG, sprach von einer „weitreichenden Zukunftsperspektive“. Die Zeiten, in denen gespart und Investitionen unterlassen wurden, seien vorbei.

1,76 Milliarden werden pro Jahr ausgegeben

Bisher ließ sich der Senat den Nahverkehr in der Stadt pro Jahr im Durchschnitt rund 1,1 Milliarden Euro kosten. Diese Summe soll in den kommenden Jahren auf 1,76 Milliarden steigen, in besonders investitionsintensiven Jahren sogar auf mehr als zwei Milliarden Euro.

Es werden massiv zusätzliche Fahrzeuge beschafft. So wächst die Flotte der Straßenbahn von derzeit 342 Trams auf 472 im Jahr 2035, ein Plus von 38 Prozent. Die U-Bahn wird am Ende des Planungszeitraums über 1656 Wagen oder 30 Prozent mehr als die heutigen 1272 Wagen verfügen. Bei der S-Bahn steigt die Zahl der Viertelzüge von 650 um 21 Prozent auf 790.

Das Netz für Straßenbahnen soll von 194 Kilometer auf 267 oder 24 Prozent wachsen. Auch für U-Bahn und S-Bahn ist ein Zuwachs geplant, wie stark dieser jedoch ausfällt, ist noch offen. Die Fahrgastzahlen sollen jedes Jahr durchschnittlich um 1,82 Prozent steigen, die Tarife nach den derzeitigen Plänen um 1,45 Prozent, was deutlich unter der Inflationsrate läge.

Ob es aber dazu komme, werde derzeit noch in der Arbeitsgruppe zur Tarifstruktur erarbeitet, sagte die Verkehrssenatorin. Das Geld soll aus künftigen Haushalten genommen werden, aus Fördermitteln der EU und des Bundes sowie aus dem angesparten Investitionstopf Siwana (Sondervermögen wachsende Stadt und Nachhaltigkeit).

Im Einzelnen sind folgende neue Strecken vorgesehen:

Straßenbahn

Die Tram soll nach dem Willen von Rot-Rot-Grün die Hauptlast des zusätzlichen Angebotes bewältigen. 16 Projekte von vordringlicher Bedeutung haben die Planer identifiziert, drei davon sollen noch in dieser Wahlperiode bis 2021 in Betrieb gehen. Die Planfeststellungsverfahren laufen. Es sind dies die Verlängerung der M10 vom Hauptbahnhof bis zur Turmstraße, die Anbindung des Bahnhofes Ostkreuz an die Linien 21 und 22 und die Verlängerung der Linie M17 in Adlershof. Jedes dieser Projekte kostet 30 Millionen Euro.

Für die nächste Wahlperiode sind sieben neue Strecken vorgesehen

Die M27 zwischen Turmstraße und Jungfernheide (50 Millionen Kosten), die Linie 62/63 in Mahlsdorf (20 Mio.), die Verbindung von der Jungfernheide zum neuen Gewerbegebiet Urban Tech Republic auf dem Tegeler Flughafengelände und weiter zum neuen Kurt-Schumacher-Quartier (90 Mio.): Diese drei Strecken sollen bis 2025 fertig sein.

Ein Jahr später kommen laut Nahverkehrsplan die Anbindung des geplanten Wohngebietes Blankenburger Südens mit der M2 (60 Mio.) hinzu sowie die Linie 12 zwischen Weißensee, Heinersdorf und Pankow. Bis 2027 ist die Linie M 48 vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz geplant (65 Mio.) und die Bahn zwischen der Warschauer Straße und dem Neuköllner Hermannplatz (55 Mio.).

Die Planer denken aber noch weiter voraus und planen für die Jahre bis 2029/2030 die Erschließung Spandaus mit der Straßenbahn. Gedacht wird an eine Linie vom Rathaus Spandau bis zur Heerstraße Nord für 70 Millionen Euro und an die Anbindung der Paulsternstraße und des Gartenfeldes ans Rathaus Spandau (120 Mio.).

Ebenfalls zu den Mittelfrist-Vorhaben zählen die Verlängerung der M48 vom Potsdamer Platz zum Rathaus Steglitz (135 Mio.), die die chronisch überlastete und unpünktliche Buslinie 48 ersetzen soll. Zudem soll die Tram auch als Linie 248 vom Spittelmarkt über das Hallesche Tor zum Mehringdamm rollen.

Bis 2035 soll es vom Potsdamer Platz mit der M41 nach Schöneweide gehen (175 Mio.) und vom Rathaus Spandau zum Falkenhagener Feld (65 Mio.). Über Spandau müssten die Planer in den nächsten Jahren verschärft nachdenken, sagte Günther. Noch offen sei, ob das System dort ans bestehende Netz angebunden oder ob es eine Insellösung geben werde. In jedem Fall würden aber weitere Betriebshöfe benötigt.

U-Bahn

Das gesamte Netz soll bis 2025 barrierefrei ausgebaut sein. Die neuen Wagen sollen 2,3 Milliarden Euro kosten. Für Instandsetzung der Tunnel und Bahnhöfe sind im Ostteil der Stadt 190 Millionen und im Westen 1,55 Milliarden Euro vorgesehen. Über mögliche Verlängerungen von Linien streitet die Koalition.

Für viele Linien wird aber die Machbarkeit in Studien ermittelt: Von Rudow zum Bahnhof Schönefeld (geschätzte Kosten: 900 Millionen Euro), von Wittenau zum Märkischen Viertel (240 Mio.), vom Kurt-Schumacher-Platz zur Urban Tech Republic auf dem früheren Flughafen (405 Mio.) sowie die U-Bahnvariante für die auch für die Straßenbahn erwogene Verbindung vom Rathaus Spandau zur Heerstraße Nord.

S-Bahn

Vordringlich ist hier die S 21, die für 900 Millionen Euro in drei Bauabschnitten bis nach 2035 vom Hauptbahnhof zum Nordring, dann vom Potsdamer Platz zum Hauptbahnhof und schließlich von der Yorckstraße zum Potsdamer Platz führen soll. Zwischen 2020 und 2025 soll auch die Siemensbahn zwischen dem neuen Wohngebiet Gartenfeld und dem S-Bahnhof Jungfernheide wieder flott gemacht werden und auch den geplanten Siemens-Campus anschließen.

Busse

Der gesamte ÖPNV in der Stadt soll bis 2030 ohne fossile Brennstoffe auskommen. Dazu wird die Flotte der Diesel-Busse komplett auf Elektroantrieb umgestellt. Geladen werden sollen die Batterien zunächst in den Depots, später auch an den Endhaltestellen und entlang der Strecken. Hier sind auch Oberleitungen vorgesehen.

Allein die E-Busse kosten 810 Millionen Euro. Hinzu kommen 570 Millionen für die Lade-Infrastruktur und 225 Millionen für neue und modernisierte Betriebshöfe. Die Busbeschleunigung schlägt mit 80 Millionen Euro zu Buche, alle mehr als 6500 Haltestellen barrierefrei zu machen dürfte noch einmal 300 Millionen Euro kosten.

Im Konzept sind auch Rufbusse vorgesehen

Im Verkehrsplan sind auch innovative Konzepte wie Rufbusse vorgesehen. Solche Systeme, die derzeit von der BVG zum Ärger einiger Koalitionsabgeordneter in der Innenstadt getestet werden, sollen künftig in Lichtenberg und in Neukölln im Echtbetrieb weiter erprobt werden.

Bis 2035 sollen auch die 350.000 Berliner, die als zu mehr als 50 Prozent behindert gelten, den öffentlichen Nahverkehr komplett barrierefrei nutzen können. Konkrete Verbesserungen würden die Fahrgäste aber erst merken, wenn die bestellten neuen Fahrzeuge in größeren Mengen bereitstehen, sagte die Verkehrssenatorin.

Das werde bei den Bussen ab 2020 der Fall sein, bei der S-Bahn aber erst nach 2028. Gleichwohl sei der eingeschlagene Weg unumkehrbar. „Es werden Verträge geschlossen und Bestellungen ausgelöst“, sagte Ramona Pop. Das wolle aber auch niemand, glaubt Regine Günther: „Das Verständnis ist allgemein, dass wir das brauchen.“