Serie Stadt der Liebe

Berliner Liebes-Coach: Jeder kann flirten lernen!

Jede Liebe beginnt mit einem Flirt. Und Flirt-Coach Julia Mattes ist überzeugt, dass auch Schüchterne lernen können, wie es geht.

Flirt-Coach Julia Mattes bringt ihren Klienten die richtige Flirttechnik bei.

Flirt-Coach Julia Mattes bringt ihren Klienten die richtige Flirttechnik bei.

Foto: Reto Klar

Berlin. Aus Flirten mache ich mir nichts. Flirten kann ich nicht. Sagen die einen. Stimmt nicht, sagt wiederum Julia Mattes, jeder könne das lernen. Und sollte es auch, denn eine große Liebe beginnt mit einem Flirt. Klar, dass sie so etwas sagt. Schließlich ist sie Flirt-Coach. In ihrem Büro am Kudamm bringt sie den Menschen das Flirten bei. Vor allem Männer wollen von ihr wissen, wie das geht, sie machen 80 Prozent ihrer Klienten aus. Aber nicht nur für ihn, auch für sie hat Julia Mattes viele Tipps. Übrigens auch für die, die längst in festen Händen sind.

Berliner Morgenpost: Wie geht ein Flirt eigentlich los?

Julia Mattes: Wenn man sich gegenübersteht, ist der erste Schritt, Blickkontakt aufzubauen. Dabei entsteht Vertrauen. Aber wenn ich jemanden in der U-Bahn toll finde, der ins Handy vertieft ist, sieht er mich doch nicht. Dann kann ich die Aufmerksamkeit nur bekommen, wenn ich ihn anspreche, zum Beispiel mit einem Kompliment.

Dafür muss ich aber mutig sein.

Ja, man braucht neben Offenheit und Interesse auch eine Portion Mut. Aber die gute Nachricht: Man kann das trainieren.

Wie denn?

In ganz kleinen Schritten. Ich muss mir ja nicht gleich vornehmen: Das wird die Frau oder der Mann meines Lebens. Das macht enorm Druck. Nein, ich will erst einmal nur ein Lächeln zurückbekommen oder ein Hallo. Und am besten probiert man das bei jemanden, in den man nicht unsterblich verliebt ist.

Beschreiben Sie doch mal eine klassische Übungssituation, die auch ein schüchterner Mensch bewältigen kann.

Er geht zum Beispiel in den Supermarkt und macht der Kassiererin ein Kompliment: „Sie strahlen aber heute.“ Oder er nennt sie beim Namen, die meisten haben ja ein Namensschildchen, da steht zum Beispiel Frau Müller drauf. Und jetzt raten Sie mal, wie oft Frau Müller tatsächlich mit Frau Müller angesprochen wird. Nullkommanull Mal am Tag. Wenn er jetzt der erste ist, der sagt: „Vielen Dank, Frau Müller“, freut sie sich, dass sie gesehen wurde. Darum geht es ja beim Flirten: dem anderen zu zeigen: Du bist mir gerade positiv aufgefallen.

Als Kassiererin bin ich wahrscheinlich ziemlich verdattert, wenn mich jemand mit Namen anspricht. Wie reagiere ich auf eine so ungewohnte Ansprache?

Wer ein Kompliment bekommt, kann sich einfach bedanken und das Kompliment genießen. Das fällt vor allem Frauen schwer. Sie gehen schnell in die Rechtfertigung. Wenn man einer Frau zum Beispiel sagt, dass sie toll in ihrem Kleid aussieht, erwidert sie gern mal: „Ach, das Kleid war ganz günstig“ oder so etwas in der Art.

Aber der Kassiererin sollte man vielleicht nicht gleich ein Kompliment zu ihrem Outfit machen?

Das wäre in der Tat zu viel. Beim Kompliment ist es immer wichtig, dass es der Wahrheit entspricht und von Herzen kommt. Wenn die Kassiererin einen Kittel anhat, kann ich gar nicht sehen, was sie darunter trägt. Das passt also nicht und kommt nicht gut an. Daher auch bloß keine Flirtsprüche auswendig lernen.

Was sind die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Flirt?

Dazu muss man erklären, was Flirten überhaupt ist. Dabei geht es erst einmal ganz asexuell darum, eine positive Kommunikation aufzubauen, in der sich beide wohlfühlen. Bei der am Ende mehr passieren kann, aber nicht muss. Mehr passieren in Bezug auf Freundschaft oder eine Partnerschaft oder auch ein positives Gehalts- oder Verkaufsgespräch. All das beginnt mit einem Flirt. Eine positive Kommunikation ist aber nur möglich, wenn die innere Einstellung stimmt. Offenheit, Neugier und nicht zu hohe Erwartungen gehören dazu. Wenn ich keine Erwartungen habe, bin ich auch lockerer. Und die Flirttechnik sollte man kennen.

Wie funktioniert die?

Es gibt sechs Schritte des Flirtens. Erst der Blickkontakt, dann ein Lächeln. Ein Gespräch kommt mit W-Fragen in Gang: Wer bist du? Was machst du hier? Woher kommst du? Aktiv zuhören, Gemeinsamkeiten feststellen und natürlich das Kompliment sind die nächsten Schritte.

Beherrschen Frauen und Männer diese Flirttechnik gleichermaßen?

Vielen Männern fällt es nicht so leicht zuzuhören. Der Mann hat noch beim ersten Date oft das Gefühl, dass er die Frau erst noch überzeugen muss, dass er ein toller Typ ist und redet nur von sich. Aber die Frau tickt anders, sie würde ja gar nicht zum ersten Date gehen, wenn sie ihn nicht schon gut finden würde.

Und woran sollten Frauen arbeiten?

Sie sollten klarere Blickkontakte an Männer senden, die ihnen gefallen. Bei einem Mann muss man eben länger hinschauen, bis er etwas merkt. Und Frauen könnten ruhig auch mehr Komplimente machen.

Was sollte man beim Flirt vermeiden?

Gleich zu Anfang über negative Dinge zu reden. Ein Beispiel: Eine Frau wartet auf dem Bahnsteig, die Bahn hat Verspätung. Sie fällt ihm auf. Er sagt zu ihr: „Oh Mann, schon wieder zu spät, ist das ärgerlich, war doch gerade erst Streik.“ Dann habe ich zwar eine Gemeinsamkeit – beide ärgern sich über die Verspätung – und auch die Aufmerksamkeit der Frau, aber es fehlt die positive Energie. Ein Flirt ist immer locker und leicht, darum sollten es auch die Gesprächsthemen sein.

Verträgt sich Flirten mit Berliner Schnauze?

Ich finde schon. Ehrlich gesagt: Als ich vor acht Jahren von Frankfurt nach Berlin zog, war ich auch erst ein bisschen irritiert, die Schnauze war neu für mich. Aber auch ein Kompliment, das vielleicht etwas derb rübergebracht wird, kann herzlich gemeint sein. Und das ist dann trotzdem schön.

Wie steht es überhaupt um die deutsche Flirtkultur?

Die Deutschen werden besser. Allerdings ist da noch Luft nach oben. Die besten Flirter sind für mich immer noch die Italiener. Aber hierzulande ecken sie oft an, denn viele deutsche Frauen können – außer im Urlaub – mit dem südländischen Temperament nicht so viel anfangen. Darum coache ich auch Männer aus dem Süden, die die Signale von Deutschen nicht deuten können und frustriert sind. Die erleben hier eine Art Flirt-Kulturschock. Den Italienern bringe ich dann bei, wo sie vielleicht weniger Gas geben sollten. Bei den deutschen Männern ist es umgekehrt: Denen sage ich, wie sie mehr Gas geben können.

Wozu führte bei Ihnen der erste Flirt?

Der allererste Flirt? Das war in der zweiten Klasse. Da kam ein neuer Junge in die Klasse, den fand ich süß. Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen, bin auf ihn zu und habe ihm ein Küsschen auf die Wange gegeben. Und dann hat er mir direkt eine geknallt, aber so richtig.

Oh je.

Ja, da war es bei mir erst einmal aus. Bis zur Pubertät habe ich mich nicht mehr getraut auf Jungs zuzugehen. Beim zweiten Anlauf war ich 17 und heimlich verliebt, ganz doll verliebt. Ein Jahr lang. In einen Jungen, den ich einmal in der Woche in der Schule gesehen habe. Dann kam der letzte Schultag und ich dachte: Jetzt oder nie. Also bin ich auf ihn zu, habe mich vor ihm aufgebaut, ihn angestrahlt und gesagt: „Äh, du hast ein tolles Piercing.“ Mehr fiel mir nicht ein, aber es kam von Herzen.

Und was wurde daraus?

Wir waren sieben Jahre ein Paar. Und wenn ich nicht den Anfang gemacht hätte, wäre nichts draus geworden. So habe ich gelernt: Frauen, macht den Anfang, wartet nicht. Was soll denn passieren? Mehr als nein sagen, kann er doch nicht.

Ist es eigentlich mit dem Flirten vorbei, wenn man in festen Händen ist?

Nein, dann fängt es erst an. Man will doch seine Beziehung lebendig halten. Wenn der Alltag und Kinder ins Spiel kommen, ist man schnell so abgelenkt von sich als Paar. Darum ist es wichtig, immer wieder zusammenzufinden und dem Partner zu zeigen, dass man ihn wahrnimmt. Mit einem Lächeln, einem Kompliment.

Das sieht man aber nicht so oft in langjährigen Beziehungen.

Ja, das könnte besser laufen. Viele Paare merken auch erst, dass etwas fehlt, dass sie sich aus den Augen verloren haben, wenn eine Krise da ist. Schade, denn Flirten ist doch die schönste Sache der Welt.