Umweltschutz

Schluss mit Gift: Berlin soll pestizidfrei werden

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Wolfgang W. Merkel
Die ersten Frühlingsboten im Tiergarten - Lebensraum für Wildpflanzen, Vögel und Insekten.

Die ersten Frühlingsboten im Tiergarten - Lebensraum für Wildpflanzen, Vögel und Insekten.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Rot-Rot-Grün will Unkrautvernichter wie Glyphosat verbannen und damit etwas für die Artenvielfalt tun.

Der vergangene Sommer war heiß, dieser Winter ist auch außergewöhnlich mild. Da sprießen Kraut und Unkraut bestens. Mit unkrautvernichtenden Pestiziden soll dem Wuchs aber zukünftig nicht mehr begegnet werden. Das sieht ein Antrag vor, den die drei Regierungsfraktionen dem Abgeordnetenhaus zur Abstimmung vorgelegt haben. Berlin soll also pestizidfrei werden – zumindest, was die landeseigenen Flächen betrifft.

Die Fraktionen von SPD, Grünen und Linken wollen Pestizide wie etwa das umstrittene Glyphosat aus der städtischen Bewirtschaftung verbannen und damit etwas für die Artenvielfalt tun. Denn Pestizide treffen nicht nur, wie beabsichtigt, „Unkraut“, sondern alle Arten von Pflanzen und die von und in ihnen lebenden Tiere.

Insbesondere Glyphosat wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Bodenfruchtbarkeit abnimmt, Wildpflanzen zerstört werden und der Lebensraum von Insekten verschwindet. Das betrifft gerade Bienen und Vögel, die als Bestäuber der Landwirtschaft nützen. Nicht zuletzt kann, so argumentiert zumindest der Antrag der Fraktionen, Glyphosat in Gewässer geschwemmt werden, dann könnte es potenziell wieder im Trinkwasser auftauchen – Wissenschaftler warnen davor, dass die Substanz krebserregend sein könnte.

Flächen werden nur mechanisch bearbeitet

Zu den Flächen, die in Zukunft frei von Unkrautvernichtungsmitteln wären, gehören Kinderspielplätze, Schulhöfe, Krankenhäuser und Seniorenresidenzen, Parks, Sport-, Verkehrs- und Grünflächen sowie die landeseigenen Forsten. Rund zwölf Prozent der Stadtfläche sind öffentliche Grünflächen, die von dem Landesunternehmen Stadtgrün oder von beauftragten Fremdfirmen betreut werden. Natürlich sollen auch diese Fremdfirmen auf die Pestizidfreiheit verpflichtet werden.

Schon mehr als 200 Kommunen arbeiten so

„Ich kann diesen Plan nur befürworten“, sagt Professor Martin Kaupenjohann, Leiter des Fachgebiets Bodenkunde am Institut für Ökologie der Technischen Universität (TU) Berlin. Der Nutzen für die Artenvielfalt bei Pflanzen, Insekten und Vögeln sei sehr groß. Und: „Es gibt keine Notwendigkeit für Herbizide im Stadtraum. Das zeigen die Erfahrungen anderer Kommunen.“ In der Tat hinkt Berlin in diesem Punkt hinterher. Schon mehr als 200 deutsche Gemeinden verzichten auf ihren Flächen auf Unkrautvernichter, teils schon seit vielen Jahren. Städte sind heute – im Vergleich zu landwirtschaftlichen Nutzflächen – außergewöhnlich artenreich, sagt Martin Kaupenjohann. „Sie sind Hotspots der Biodiversität.“

Die BSR verzichtet seit 2016 auf Glyphosat

Soll man also alles ungestört sprießen lassen? Nein, sagen die rot-rot-grünen Fraktionen und verweisen darauf, dass die Berliner Stadtreinigung (BSR) Verkehrsflächen schon ohne Pestizide freihält. Bis 2015 hatte das Unternehmen Glyphosat verwendet. „Seit dem Jahr 2016 setzt die Straßenreinigung keine glyphosathaltigen Mittel mehr ein und arbeitet somit pestizidfrei. Wildkraut wird seitdem ausschließlich mechanisch beseitigt, zum Beispiel mit Freischneidern, Rasenmähern und Kehrmaschinen“, sagt BSR-Pressesprecher Sebastian Harnisch.

Der Personalaufwand wird etwas steigen

Ganz so fix wie mit Unkrautvernichtungsmitteln geht das allerdings nicht. „Durch die ausschließlich mechanische Wildkrautbeseitigung hat sich der Personalaufwand bei der Wildkrautbeseitigung erhöht“, so Harnisch. TU-Ökologe Kaupenjohann bestätigt das, wie er aus der Erfahrung anderer Kommunen weiß. „Der gärtnerische Aufwand ist schon erhöht. Zum Beispiel zeigt das ein aktueller Bericht der Stadt Eckernförde, die bereits seit 30 Jahren ohne Herbizide auskommt.“

Auch bunte Wiesen sind schön, nicht nur Rasen

Die Erfahrung anderswo zeigt auch, dass den Bürgern eine gewisse „Toleranz“ abverlangt wird, das räumt auch der aktuelle Antrag ein. Denn ganz so akkurat wie zu „Pestizidzeiten“ sehen die Flächen nicht mehr aus, ein Teil der Bürger empfindet diese als unordentlich oder schlecht gepflegt. „Die Menschen finden auch bunt blühende Wiesen schön, nicht nur monotone, glatte Rasen“, so Martin Kaupenjohann. Die Initiatoren der Herbizid-Freiheit hoffen auch auf die Unterstützung von Umweltverbänden wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Selbst ästhetisch-städtebaulich herausragende Flächen wie auf dem neu gestalteten Steinplatz in Charlottenburg – dort dominieren jetzt Stein und eine Rasenfläche – kann aus Sicht des Wissenschaftlers ohne Herbizide bewirtschaftet werden.

Senat will Beobachtungsflächen für Böden

Parallel zum Herbizid-Vorstoß der Fraktionen hat der Senat eine Vorlage für das Abgeordnetenhaus erstellt, wonach das Berliner Bodenschutzgesetz ergänzt werden soll. Kern der Maßnahmen sind Boden-Dauerbeobachtungsflächen. Auf ihnen soll der physikalische, chemische und biologische Zustand der Böden, etwa in Abhängigkeit von Klimaänderungen, analysiert werden. Eine bislang fehlende Planungskomponente würde so im Berliner Bodenschutz verankert. Der Senat argumentiert mit der Bedeutung der Böden als Wasserspeicher und als Basis von kühlenden Vegetationsflächen – Stichwort Mikro- und Stadtklima. „So ein Monitoring begrüßen wir sehr“, sagt Professor Kaupenjohann.

Berlin hat ökologisch interessante Böden

Im März gebe es dazu einen Workshop, an dem sich sein Fachgebiet auch beteilige. Monitoringflächen gebe es in land- und forstwirtschaftlich genutzten Regionen schon seit Langem. Städte wie Berlin hätten aber interessante Besonderheiten: Hier gebe es auch Industriebrachen, Rieselfelder und Trümmerberge mit ihren menschgemachten Böden. Solche Böden zu beobachten, sei ein relativ neues, aus ökologischer Sicht jedoch sehr wichtiges Feld.

Demnächst soll ein externes Büro eine Bodenschutzkonzeption entwerfen, sagt der Senat. Dafür und für das Einrichten sowie das Monitoring der Flächen will der Senat für 2019 und die beiden Folgejahre 250.000 Euro zur Verfügung stellen. Dadurch, so die Senatsvorlage, wird es keinen zusätzlichen Personalbedarf geben. Der Rat der Bezirksbürgermeister ist mit der Vorlage einverstanden. Er macht aber die Einschränkung, dass das Land die Bezirke unterstützen müsse, falls diese durch das geänderte Bodenschutzgesetz doch zusätzliche Mittel oder Personal benötigten.