Erwachsenenbildung

Wie Sprachkurse für Putzkräfte die Integration fördern

| Lesedauer: 8 Minuten
Martin Nejezchleba
Reinigungskraft Katja Michaelova aus Bulgarien reinigt das Büro von Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie.

Reinigungskraft Katja Michaelova aus Bulgarien reinigt das Büro von Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie.

Foto: Anikka Bauer

Sprache ist Schlüssel zur Integration. Aber selbst im Büro der Bildungssenatorin putzen Menschen, die kaum Deutsch können. Das soll sich ändern.

Wenn Unauffälligkeit ein Maßstab für gelungene Integration wäre, dann ist die Frau im blau-weißen Kittel auf einem guten Weg. Katja Michaelova geht zur Arbeit, zahlt ihre Steuern. Und wenn sie ihren Wagen mit den blauen Müllsäcken, dem Mopp, den Plastikflaschen durch den langen beigen Gang drückt, dann nimmt sie kaum jemand wahr.

Katja Michaelova kommt aus Bulgarien. Sie ist eine von 20 Reinigungskräften, die täglich Büros, Gänge und Toiletten in der Senatsverwaltung für Bildung , Familie und Jugend putzen. An diesem Freitag nickt sie gegen 16.15 Uhr einer Sekretärin zu, schiebt ihren Wagen in ein großes Büro mit einem knallbunten Gemälde an der Wand. Es ist das Büro der Senatorin. Sandra Scheeres lächelt von Familienfotos neben dem geschwungenen Schreibtisch, sie ist gerade außer Haus, Termin mit einem Minister.

Fragt man Michaelova, was eine Bildungssenatorin wohl so macht, dann muss man mehrfach nachfragen, jemanden übersetzen lassen, bevor sie mit den Schultern zuckt.

Es gibt viele Maßstäbe für gelungene Integration. Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben ist eine. Und da steht es um Michaelova nicht so gut.

Nach acht Jahren in Berlin sagt sie: „Ich habe keine Kontakte zu Deutschen.“ Sie kann einem erklären, dass sie 53 Jahre alt ist, einst in einer Molkerei in einer Stadt namens Dobritsch gearbeitet hat, dass nach dem Kommunismus alles kaputt, keine Arbeit, immer Probleme. Solche Gespräche mit ihr kommen schnell ins Stocken und bald zum Erliegen.

„Erwachsenenbildung ist immer auch Wegbereiter“

„Sprache ist elementar für ein selbstbestimmtes Leben und soziale Teilhabe.. Das sagt die Bildungssenatorin. Wie wichtig ihr das mit der Sprache und der Integration ist, will sie jetzt in ihrer eigenen Verwaltung zeigen.

Gemeinsam mit der Reinigungsfirma finanziert die Bildungssenatsverwaltung einen Deutschkurs für zwölf ihrer Putzfrauen und Putzmänner. Jeden Freitag setzen sie sich vor der Schicht an einen großen Konferenztisch, üben Vokabeln, lernen, wie man sich vorstellt, nach dem Weg fragt. Das Ziel nach einem Jahr und 200 Unterrichtsstunden heißt A1. Sprachniveau Anfänger. Wer das erreicht, der sollte sich mit einfachen, vertrauten Sätzen verständigen können.

Katja Michaelova hat das Geschenk der Senatorin dankbar angenommen. „Die Erwachsenenbildung ist immer auch Wegbereiter“, sagt die Bildungssenatorin. Aber bei der Integration gibt es auch Umwege und Hindernisse.

Heute geht es im Kurs um Preise und Mengenangaben

Sascha Martorana schlägt das Kursheft auf Seite 39 auf. Kapitel D. Preis- und Mengenangaben. Martorana arbeitet für die VHS Mitte, leitet den Kurs für die Reinigungskräfte. Er hat Werbezettel von Supermarktketten und Kochrezepte kopiert. Bulgarische Bohnen mit Fleisch. Ein Reisgericht aus Ghana namens Jollof.

Sieben Minuten nach Unterrichtsbeginn blickt der Lehrer von seinen Papieren auf. Nur zwei Stühle sind besetzt. Ein Mann aus Bosnien und Michaelova. „Wo waren Sie die letzten zwei Mal?“ „Termine“, entschuldigt sich Michaelova. Irgendwann sind doch sieben Teilnehmer da, der Unterricht beginnt.

Aufwärmen, Vorstellungsrunde für den Reporter. Deutschlehrer Martorana hält einen Zettel mit den W-Fragen in die Höhe: Wie? Wo? Was? Eine Sekretärin, ein Automechaniker und eine Verkäuferin aus Ghana stellen sich vor. Der Bosnier war Krankenwagenfahrer in Belgrad, eine türkische Bulgarin machte eine Ausbildung zur Köchin. Jordanka Kristova sitzt verschnupft neben Michaelova, spricht Bulgarisch, Polnisch, Russisch und Türkisch und kein Wort Deutsch.

Viele Muttersprachen, viele Ausgangslagen, ein Unterricht

Was Martorana in Raum 105 vorfindet, ist typisch für Anfängerkurse mit Einwandern. Hohe Binnendifferenzierung, sagen die Pädagogen dazu. Manche sind hoch motiviert, andere wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht. Die einen lernen die dritte Fremdsprache, andere waren nie auf einer Grundschule. Viele Muttersprachen, viele Ausgangslagen. Aber nur ein Unterricht.

Ziel für den heutigen Tag: Einkaufen – ohne den Akkusativ zu kennen. Ein Hüpfball, der bei jedem Aufprall in einer anderen Neonfarbe aufleuchtet, wandert zwischen den Teilnehmern, landet bei Michaelova. „Was kostet 500 Gramm Kaffee?“ „Kosten“, korrigiert der Kursleiter. Eine Packung vier Euro 99 Cent.

Der Ball landet bei Jordanka Kristova. Die vergräbt ihren Kopf in den Händen, kneift die Augen zusammen. Dann liest ihre Sitznachbarin Michaelova die Frage vor. Der Lehrer stellt sich bei den nächsten zwei Runden hinter die beiden. Irgendwann fragt er Jordanka, ob sie lateinische Buchstaben lesen kann. Auch diese Frage muss Michaelova beantworten: „Sie hat ihre Brille vergessen.“ Der Kursleiter legt die Stirn in Falten.

„So viel, so kompliziert“

Neben dem Kursbuch liegt noch ein zweites Buch vor Michaelova. Darin hat sie Sätze wie diesen geschrieben: „Ich wollte meinem Sohn einen teueren Computer zum Geburtstag schenken, aber da er zu teuer ist, habe ich ihm ein billiges Plastikspielzeug gekauft.“ Seitenweise Wörter auf Deutsch und Bulgarisch. Seit Jahren notiert sie sich die. Und spricht sie doch nie aus. „So viel, so kompliziert“, sagt sie über die deutsche Sprache. Bei einer Zigarettenpause zeigt sie den Bildschirm ihres Handys. Ein abfotografiertes Porträtbild einer Frau mit pechschwarzen, glatten Haaren. Michaelovas Schwester. Sie ist vor wenigen Wochen gestorben.

Michaelova will seit acht Jahren Deutsch lernen. Sie weiß: Ohne die Sprache wird sie nie richtig ankommen, keine bessere Arbeit finden. Aber irgendwie kommt immer etwas dazwischen.

So wie Michaelova ist es einer ganzen Generation von Einwanderern ergangen. Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, deren Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Leben aber kaum über die jährliche Überweisung ans Finanzamt hinausgeht.

Wer dazu gehören will, muss Deutsch sprechen

Die größte Hürde für die Integration ist die Sprache. Einer internationalen Studie des amerikanischen Pew Research Centers zufolge gehört Deutschland zu den Ländern, in denen die Herkunft als Kriterium für die nationale Identität eine besonders geringe Rolle spielt. Wer in Deutschland dazu gehören will, das haben knapp 80 Prozent der Befragten angegeben, der muss vor allem eins: Deutsch sprechen.

Der Deutschkurs für diese Woche neigt sich dem Ende zu. Zum Abschluss ein Rollenspiel. Der Bosnier und die türkische Bulgarin schreiben einen Einkaufszettel. Er will ein Kilo Schweinefleisch. Sie ist Muslimin und schüttelt den Kopf. „Da haben wir ein Problem“, sagt der Kursleiter. Alle lachen. Katja Michaelova hat eine Topfpflanze, ein Kilo frische Putenbrust und einen Liter Cola auf dem Zettel. Beim Rollenspiel bringt sie kein Wort heraus.

Um 16 Uhr setzt sich die Putzkolonne in Bewegung, eine der Frauen tanzt die wenigen Meter zur Senatsverwaltung zu einem Lied, das nur sie zu hören scheint.

Der Schichtleiter spricht Englisch, Serbisch und Türkisch

Im Pausenraum teilt der Schichtleiter die Putzkräfte ein. Er wechselt zwischen Englisch, Serbisch und Türkisch. Jane aus Ghana probiert sich am Deutschen. „Du bist eine Lasagne“, sagt sie zu einer Kollegin aus der Türkei. Großes Gelächter. Man gebe sich gegenseitig so Namen hier, erklärt jemand. Müsse man nicht verstehen.

Nach und nach verschwinden alle hinter einer Sichtblende, kommen in ihren blau-weißen Uniformen wieder hervor. Filterkaffee duftet, babylonisches Sprachgewirr in den Gängen der Senatsbildungsverwaltung, wenig später wischt Katja Michaelova durch das Büro der Senatorin.

Kursleiter Martorana sagt, wenn zwei Drittel der Teilnehmer bis zum Schluss im Kurs bleiben, dann sei das eine gute Rate. Eine Woche später sitzen zwölf statt 13 Teilnehmer am Konferenztisch in Raum 105. Auch Katja Michaelova ist gekommen.