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Umsteigebedingungen

Keine neuen Parkplätze für Pendler geplant

Der Berliner Senat verzichtet auf den Ausbau von Park & Ride: Der Flächen- und Finanzierungsbedarf sei zu groß.

Der Berliner Senat verzichtet auf den Ausbau von Park & Ride.

Foto: Jan Woitas / ZB

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Berlin. Die rot-rot-grüne Regierungskoalition will die Umsteigebedingungen für Pendler auf den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr verbessern. Das zumindest sieht ein gemeinsamer Antrag von SPD, Linken und Grünen vor, der am Donnerstag im Abgeordnetenhaus beraten wurde.

Doch wenn Berliner und Brandenburger in den Außenbezirken und im Umland nun darauf hoffen, dass die schon heute völlig überfüllten Park-and-ride-Parkplätze an den S- und Regionalbahnhöfen endlich ausgebaut werden, sehen sie sich getäuscht: Park & Ride, heißt es zur Begründung in dem Antrag, könne „zur Verbesserung der Pendlersituation nur einen geringen Beitrag leisten, da der Flächen- und Finanzierungsbedarf in der Regel in keinem angemessenen Verhältnis zur Zahl der Nutzer steht“.

Zahl der Pendler verdoppelt

Dabei ist der Bedarf riesig: Seit 1998 hat sich die Zahl der Pendler nahezu verdoppelt. Waren es vor 20 Jahren noch knapp 160.000 Menschen, die aus der Region nach Berlin hineinfuhren, waren es zum Stichtag 30. Juni 2018 bereits mehr als 321.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Das geht aus der Pendleranalyse hervor, die die Bundesagentur für Arbeit jährlich veröffentlicht. Von Berlin in die Region Brandenburg pendelten im Gegenzug demnach knapp 186.000 Menschen zu ihrem Arbeitsort (1998: 96.000).

Wie aus der Antwort der Senatsverwaltung für Verkehr auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Danny Freymark hervorgeht, sind seit mindestens fünf Jahren keine neuen P-&-R-Plätze in Berlin mehr errichtet worden. Somit bleibt es dabei, dass innerhalb der Stadtgrenzen lediglich 44 Anlagen mit etwa 5140 Plätzen zur Verfügung stehen. In Brandenburg gibt es an 116 Bahnhöfen demnach 22.000 P-&-R-Plätze. Damit kommen auf jeden dieser Stellplätze mehr als zehn potenzielle Nutzer.

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Mittel in ÖPNV-Ausbau in Außenbezirken und Brandenburg investieren

„Unser Ansatz muss sein, die Menschen möglichst vor der Haustür abzuholen, damit sie gar nicht erst ins Auto steigen müssen, um den nächsten Bahnhof zu erreichen“, begründet Harald Moritz (Grüne) den Antrag, den die Abgeordneten auf ihrer Sitzung am Donnerstag zur weiteren Beratung in den Verkehrs- und in den Hauptausschuss überwiesen haben. Deshalb sei es sinnvoller, die Mittel in den ÖPNV-Ausbau in den Außenbezirken und Brandenburg zu investieren. Dies sei auch zwischen Berlin und Brandenburg, der Deutschen Bahn und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) verabredet.

Im Projekt „i2030“ wurden acht Teilprojekte im Bahnnetz der Region definiert, in denen Aus- und Neubaubedarf besteht. „Allein mit Parkplätzen bekommt man das Problem nicht in den Griff“, so Moritz. Für Danny Freymark ist das nicht überzeugend: „Ich bedauere die Haltung von Rot-Rot-Grün, denn man muss den Autofahrern ein gutes und komfortables Angebot unterbreiten, damit sie auf die Bahn umsteigen“, sagt er.

Die Zurückhaltung der Landesregierung in Sachen Park & Ride begründet diese neben dem Flächenmangel auch mit den hohen Kosten und dem geringen Entlastungseffekt für das Straßennetz: Eine P-&-R-Anlage mit 400 Plätzen entlastet nach Angaben der Verkehrsverwaltung eine Hauptstraße mit 30.000 Fahrzeugen in 24 Stunden nur um 800 Fahrten. Die Herrichtungskosten für 400 Parkplätze betrügen bei rund 10.000 Euro pro Platz insgesamt rund vier Millionen Euro. Hinzu kämen noch erhebliche Grunderwerbs-, Betriebs- und Unterhaltungskosten.

Kostenloses Nahverkehrsticket Thema für fernere Zukunft

Unterdessen hat Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Mittwoch auf einem Kiezforum in ihrem Schöneberger Stadtteilbüro klargestellt, dass das kostenlose Nahverkehrsticket, wie es der Koalitionspartner Linke fordert, in Berlin erst ein Thema für die fernere Zukunft ist.

„Wie soll denn die Luft sauberer werden, wenn wir nicht mehr Menschen dazu bewegen, den öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen?“, fragte ein Anwohner. „Das darf keine Frage der Finanzierung sei.“ Es sei naheliegend, eine Nahverkehrsabgabe zu erheben und jedermann die BVG kostenlos nutzen zu lassen.

„Das kostenlose Nahverkehrsticket ist ein Problem, das nicht die BVG lösen kann“, so Senatorin Kolat. Das Unternehmen mit seinen 14.600 Mitarbeitern sei ein Dienstleister für den Senat. Es sei politisch diskutiert worden, dass die Stadt den ÖPNV umsonst anbietet. „Das wäre eine tolle Nummer, sowohl für die Umwelt als auch unter sozialen Gesichtspunkten.“ Es sei eine völlig gerechtfertigte Debatte, so die Senatorin. „Ein Ticket zu finanzieren ist schon eine Herausforderung für die, die keine Ermäßigung bekommen, aber nicht viel verdienen.“ Das Niveau des ÖPNV in Berlin sei hoch, im internationalen Vergleich. „Das, was wir an Netz und an Takt haben, ist wirklich gut.“ Und das müsse auch finanziert werden.

Kostenloses Ticket als Zukunftsmodell

Die derzeitigen Herausforderungen in Berlin seien die wachsende Stadt und die veralteten Busse und Bahnen. „Momentan sind wir in der Situation, viel investieren zu müssen, damit wir keine Verschlechterung bekommen.“ In dieser Phase sei es fraglich, ob das Land Berlin die finanzielle Kraft für ein kostenloses ÖPNV-Ticket habe. „Das ist ein Thema, was man als Zukunftsmodell diskutieren sollte, aber nicht von heute auf morgen.“

Wesentlich schneller wird sich die Barrierefreiheit der U-Bahnhöfe in Tempelhof-Schöneberg verbessern. Der neue Aufzug am U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz ist schon seit Wochen fertig. Er ist auf der grünen Mittelinsel in Höhe Niedstraße zu erreichen. Der Fahrstuhl geht jedoch erst Betrieb, wenn auch die neue Ampel am Übergang zur Mittelinselinsel eingeschaltet ist. Dies werde bis Ende Februar geschehen, so Gerd Huwe , Vorstandstab Strategie & Public Affairs der BVG. 2019 bekommen auch die Stationen Rathaus Schöneberg und Viktoria-Luise-Platz einen Aufzug. 2010 folgen Alt-Tempelhof und Westphalweg. Durch Tempelhof-Schöneberg fahren je sieben U-Bahn- und S-Bahn-Linien, außerdem 38 Buslinien. „Man hat hier Ausweich-Möglichkeiten“, so Gerd Huwe. „Das ist nicht überall in der Stadt so.“

Ältere Menschen haben Probleme beim Aussteigen

„Wir sind gut versorgt“, war auch die Meinung der Teilnehmer des Kiezforums. Doch es gab Kritik an der BVG. „Die Busse fahren in den seltensten Fällen an den Bürgersteig heran“, beklagte eine Seniorin. Wo es möglich sei, so ihre Bitte, sollten die Fahrer den Bus dicht am Bordstein halten lassen. „Für mich und für andere Ältere ist es sehr schwierig auszusteigen, wenn zwischen Ausstieg und Bordstein eine größere Lücke ist.“ Dies sei etwa an der Station Lindenhof der Linie 106 in Schöneberg der Fall. Doch das Halten am Bordstein sei oft nicht möglich, weil andere Fahrzeuge im Bereich der Haltstelle stehen, so die Antwort von Gerd Huwe. Der Abschleppdienst der BVG könne diese Situation in Zukunft verbessern.

Auch zur Zukunft des Papierfahrscheins wurde BVG-Manager Huwe gefragt. In Spanien seien nur noch aufladbare Chipkarten für den Nahverkehr im Einsatz, so ein Teilnehmer des Kiezforums. Die Flut der Fahrkartenschnipsel auf den Gehwegen ließe sich durch solche Plastik-Karten vermeiden. „Stammkunden der BVG haben eine solche kleine Smartcard“, war Huwes Antwort. Die müsse der Fahrgast nicht einmal aus der Tasche ziehen, sie werde automatisch registriert. „Aber wir brauchen auch in Zukunft noch Papierfahrscheine, für Touristen etwa.“ Auch die Vierfach-Karte der BVG sei sehr gefragt. „Viele Hotels bieten unsere Fahrscheine an, die für 24 oder 36 Stunden gelten.“

Ein Friedenauer schwärmt von der alten Tramlinie

Dringender Wunsch des Friedenauers Tilo Albrecht: In Schöneberg sollte wieder eine Straßenbahn fahren. In den 50er-Jahren sei er oft mit der Tram von der Dominicusstraße bis zum Rathaus Steglitz gefahren, schwärmte der 75-Jährige. „Über den Innsbrucker Platz, das war eine tolle Strecke.“ Nach dem Mauerbau sei die Straßenbahn in Westberlin abgeschafft worden. „Die Straßenbahn wird in Zukunft immer wichtiger“, so Gerd Huwe von der BVG. Sie könne im Durchschnitt 400 Fahrgäste aufnehmen, ein Bus höchstens 120. Es sei langfristig geplant, dass eine Tramlinie vom Kulturforum m Potsdamer Platz bis zum Steglitzer Kreisel fährt. „Das wird wahrscheinlich aber erst nach 2030.“