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Berliner Ensemble

Bezirk Mitte fällt Bertolt Brechts Lieblingsbaum

Hat der Bezirk einen Baum gefällt, der auf Brechts Wunsch vor dem Berliner Ensemble gepflanzt wurde? Ein Anwohner ist davon überzeugt.

Bertolt Brecht Statue vor dem Berliner Ensemble (Archivbild)

Foto: Bildagentur-online/Schoening / picture alliance / Bildagentur-online/Schoening

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Nachdenklich sitzt Bertolt Brecht am Schiffbauerdamm und blickt auf die Spree. In dieser Pose zumindest zeigt ihn die Statue, die vor dem Berliner Ensemble an den berühmten Dramatiker und Lyriker erinnert. Seit 1963 ist der Platz auf dem sie steht nach ihm benannt, die Bronze-Plastik selbst hat hier seit 1988 ihren Platz. Offenbar hat aber auch Brecht noch zu Lebzeiten seine Spuren auf dem Platz hinterlassen.

Brecht, der im Berliner Ensemble bis zu seinem Tod 1956 als Regisseur und Dramatiker wirkte, soll sich die Pflanzung eines Vogelbeerbaums vor dem Theater gewünscht haben. So zumindest erzählt es der Anwohner Achim Fauter. Vor Kurzem wurde der vermeintliche Brecht-Baum gefällt. Was war passiert?

Brecht soll Baum-Wunsch in den 50ern geäußert haben

Achim Fauter erzählt die Geschichte so: Die Vogelbeere oder Eberesche war der Lieblingsbaum von Brecht. „Bertolt Brecht hat veranlasst, dass der Baum gepflanzt wird“, ist Fauter überzeugt. Mit den Baumnamen können heute nur wenige etwas anfangen. Im Sommer trägt der Baum ein prägnantes Kleid aus dutzenden orange-roten Beeren. Sie bilden deutliche Farbtupfer in der Baumkrone. Auch zwischen den grünen Lindenkronen am Bertolt-Brecht-Platz bildete die Vogelbeere bislang eine bunte Ausnahme.

Fauter kennt sich aus mit Stadtbäumen. Er war Mitarbeiter im Gartenamt in Treptow. Woher er weiß, dass das Pflanzen des Baumes Brechts Idee war? Ein mittlerweile verstorbener Kollege aus dem Gartenamt im Bezirk Mitte hatte ihm das erzählt. Der, so erzählt Fauter, sei in den Fünfzigern an der Gestaltung des Platzes beteiligt gewesen. Fauter hat sein Wissen also aus erster Hand, ist er überzeugt.

Brecht-Vogelbeere wurde wegen Pilzbefall gefällt

Trotzdem ist der Baum Geschichte seit ein paar Monaten. Im November 2018 wurde die Vogelbeere im Auftrag des Straßen- und Grünflächenamtes Mitte gefällt. Der Grund: Pilzbefall. „Der Baum war als Folge von Pilzbefall zu 90 Prozent abgestorben“, teilte das Amt mit. Dadurch sei die Verkehrssicherheit am Platz nicht mehr gegeben gewesen. Geschwächt hätte den Baum die viele Bauarbeiten und um den Platz in den vergangenen Jahre sowie das zunehmend wärmere Klima.

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Eine neue Vogelbeere als Ersatz ist an dem Platz nicht geplant. „Die Nachpflanzung eines Baums derselben Sorte ist aufgrund der schwierigen Standortbedingungen nicht vorgesehen“, heißt es vom Grünflächenamt. Sie seien als Stadtbäume nicht mehr geeignet.

Im Bezirksamt kennt man die Historie des Baums nicht

Eine Begründung, die Fauter nicht gelten lässt. Der Achtzigjährige selbst hat sich zu DDR-Zeiten von Mitte der Siebzigerjahre bis 1988 ehrenamtlich um die Pflege des Platzes gekümmert. Nach einem Krankenhausaufenthalt musste er Ende vergangenen Jahres jedoch feststellen, dass der Baum plötzlich verschwunden war. „Ich war gelinde gesagt entsetzt.“ Im Sommer sei die Vogelbeere noch „völlig gesund und frisch“ gewesen, sagt der ehemalige Treptower Baumbeauftragte.

Aber was ist nun dran an der Geschichte, dass Brecht, sich den Baum gewünscht hatte? Nein, von der möglichen Historie des Baumes sei dem Amt nichts bekannt, sagte die zuständige Stadträtin Sabine Weißler (Grüne).

Nachfrage am Berliner Ensemble. Wenn irgendwo mehr zur Geschichte von Brecht und seinem Lieblingsbaum zu erfahren ist, dann doch wohl hier. In Brechts Theater winkt man eher ab. Ein paar Mitarbeiter kennen die Anekdote, die meist mit einem Lächeln erzählt wird. „Dass Brecht ihn gepflanzt haben soll, scheint nur ein Gerücht zu sein, es ist zumindest nicht belegt“, sagt BE-Sprecherin Hannah Linnenberger. Es scheint als hätte Brecht, der große Dramatiker, das Zeug, auch im Jahr 2019 noch Geschichten zu schreiben.

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