DAK-Studie

Berliner Kinder leiden öfter an Depression und Angst

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Friederike Deichsler
Schüler einer Berliner Grundschule sitzen an einem Tisch.

Schüler einer Berliner Grundschule sitzen an einem Tisch.

Foto: dpa

Ängstlichkeit und Schlafstörungen können auf Depression hindeuten. Eine Untersuchung gibt Aufschluss über die Verbreitung in Berlin.

Berlin. Kinder in Berlin leiden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt deutlich häufiger an Viruserkrankungen, aber auch öfter unter psychischen Problemen wie Depression oder Schulangst. Das ergab eine Untersuchung der Krankenkasse DAK in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld.

Für den am Dienstag in Berlin vorgestellten Kinder- und Jugendreport werteten Forscher die Versicherungsdaten von mehr als 26.000 Berliner Mädchen und Jungen bis 17 Jahren aus dem Jahr 2016 aus. 90 Prozent von ihnen waren mindestens einmal bei einem Arzt oder im Krankenhaus. Häufigste Ursache waren Atemwegserkrankungen, gefolgt von Infektionskrankheiten. Auf dem dritten Platz liegen psychische Erkrankungen.

Im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt wurden Kinder in Berlin auffällig häufig wegen Viruserkrankungen behandelt. Dieser Wert liegt 61 Prozent höher als in anderen Bundesländern. Bei grippalen Infekten war er um 26 Prozent erhöht. Auch verglichen mit anderen Großstädten kamen diese Erkrankungen in Berlin öfter vor, um 24 beziehungsweise elf Prozent. Mehr als jedes vierte Kind in Berlin leidet außerdem an einem potenziell chronischen Krankheitsbild. Am häufigsten sind Mädchen und Jungen dabei von Neurodermitis betroffen (9,6 Prozent), sieben Prozent haben Asthma.

Häufig mehrere psychische Erkrankungen

Auffällig sind auch die Befunde zu psychischen Erkrankungen. Hier ist fast jedes zehnte Kind potenziell chronisch krank. Diese Zahl ist vergleichbar mit dem Bundesdurchschnitt, einzelne Krankheitsbilder treten in Berlin aber deutlich häufiger auf. So wurde bei rund 44 von 1000 Kindern und Jugendlichen Schulangst oder eine Schulphobie diagnostiziert. Das sind 24 Prozent mehr als im bundesweiten Durchschnitt.

Bei Depressionen liegt der Wert in Berlin sogar um 28 Prozent höher. Davon sind am häufigsten Mädchen im Alter von 16 Jahren betroffen, 8,7 Prozent von ihnen leiden an einer Depression. Etwa ein Drittel werde medikamentös behandelt, sagte Julian Witte von der Universität Bielefeld.

Die Zahlen ließen außerdem den Schluss zu, dass Kinder in Berlin häufiger unter mehreren psychischen Erkrankungen leiden. Der Direktor der Klinik für Pädiatrie der Charité, Philip Bufler, betonte angesichts dessen die Bedeutung der psychosoziale Versorgung. Es würden etwa mehr ambulante Therapeuten benötigt, um auch eine Begleitbetreuung bei schweren Erkrankungen zu gewährleisten.

Überrascht war der Mediziner von dem ermittelten Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Kinder und dem Bildungsabschluss der Eltern. Haben die Eltern keinen Bildungs­abschluss, leiden Kinder fast dreimal so häufig an Zahnkaries wie in Familien mit hohem Bildungsabschluss. Bei krankhaftem Übergewicht sind es zweieinhalbmal so viele. Entwicklungs- und Verhaltensstörungen treten um fast 50 Prozent häufiger auf, Allergien und Asthma um rund 30 Prozent.

Insgesamt kamen vier Prozent der in der Studie berücksichtigten Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsstand. Julian Witte erklärte, es gebe zahlreiche Belege, dass die soziale Lage ein wichtiger Gesundheitsfaktor sei. Der DAK-Report habe nun gezeigt, welche entscheidende Rolle Bildungs­armut spiele. „Das wirft natürlich die Frage auf, welche Maßnahmen zur Chancengleichheit über die Politik geschaffen werden können“, sagte Mediziner Bufler. Die Datenauswertung bezeichnete er als „relevant und wichtig für Verständnis und Ursachenfindung“. Vor allem schwere chronische Erkrankungen würden oft zu langen Schulfehlzeiten führen, was sich wiederum auch auf den Ausbildungsgrad auswirken könne.

Volker Röttsches, Leiter der DAK-Landesvertretung, sprach davon, dass der Kinder- und Jugendreport die Richtung vorgeben könne und nun an ärztliche Verbände und politische Entscheidungsträger weitergegeben werde. Die Krankenkasse selbst hat bereits Konsequenzen gezogen. „Die Prävention muss ausgebaut werden“, so Röttsches. Das Programm fit4future in Zusammenarbeit mit der Cleven-Stiftung soll noch in diesem Jahr von Grund- und Förderschulen auf weiterführende Schulen ausgeweitet werden, ab 2020 auch auf Kitas. Volker Röttsches erklärte: „Gesundheit gehört stärker auf den Lehrplan. Kinder und Jugendliche müssen sich mehr mit Ernährung und gesunder Lebensweise beschäftigen.“

Bundesweit ließ die Kasse Daten von knapp 590.000 Kindern auswerten.