Tui

Das Kreuzfahrt-Bordprogramm entsteht in Berlin

Die Kreuzfahrtindustrie ist stark gewachsen. Thomas Schmidt-Ott entwickelt das Entertainment-Programm für die Tui-Flotte in Berlin.

Für das neue Tui-Bordprogramm wird in Berlin geprobt

Für das neue Tui-Bordprogramm wird in Berlin geprobt

Foto: Chris Moylan/optikalusion

„Wer dem Publikum hinterherrennt, sieht nur dessen Hintern“, hat ihm der große Intendant August Everding einmal gesagt. Er irrt, findet Thomas Schmidt-Ott. „Du musst als Produzent im selben Tempo wie dein Publikum unterwegs sein. Nur dann gewinnst du es!“, sagt er. Manchmal muss er schneller sein, „um es in andere Welten zu führen“. Sein Publikum ist ein spezielles, nämlich eins, das auf den sieben Schiffen der Tui Cruises um die Welt fährt oder mindestens um die Kanaren.

Die Kreuzfahrtindustrie boomt, egal ob Aida, MSC, Carribean Cruises oder Tui Cruises. Inzwischen reisen dreimal so viel Menschen mit dem Schiff wie vor zehn Jahren. Das Image hat sich verändert, das Publikum auch. Nicht nur ältere Passagiere fühlen sich angezogen, sondern auch Familien und jüngere Leute. Ihre Ansprüche seien gestiegen, erzählt Schmidt-Ott, der zusammen mit dem Künstlerischen Leiter Wolfram Korr (47) das Kulturprogramm für den Touristikkonzern gestaltet. Gute Unterhaltungsshows gehören für die Gäste einfach dazu.

Ein Selbstläufer ist das freilich nicht: „Wenn die Zuschauer nicht zufrieden sind, kommen sie nicht wieder“, meint der 53-Jährige. „Wir leben mit der krassesten Form der Theaterkritik: nämlich der Abstimmung mit den Füssen“, meint er. Mit einem fast fünfstündigen „Staatssicherheitstheater“, wie es derzeit von Leander Haußmann an der Volksbühne zu sehen ist, würde es der Berliner in den Theatern der „Mein Schiff“-Flotte gar nicht erst versuchen. „Das ist Selbstverwirklichung eines Regisseurs, bedient ein Nischenpublikum“, sagt er, und weiß, dass er sich damit keine Freunde macht im subventionierten Kulturbetrieb. Er setzt noch einen drauf: „Wir wollen Masse. Und das mit Anspruch.“

Geprobt wird in einem mehrgeschossigen Gebäudekomplex aus den 1920er-Jahren in Alt-Treptow. Von außen unscheinbar, hätte man nie vermutet, dass sich hinter den Fassaden eine derart große Kreativindustrie verbirgt. Die in der Stadt nicht sichtbar wird, weil die jungen Künstler nach den zweimonatigen Proben auf die Schiffe entschwinden.

Drei helle Probebühnen gibt es in der Bouchéstraße, in einer schwebt gerade ein russisches Artistenduo mit wilden Verdrehungen von der Decke. Alles soll perfekt sein, der Rücken biegt sich geschmeidig. „Thank you!“, ruft Korr dem Künstlerpaar zu. Hier wird sowieso meist Englisch gesprochen, man duzt sich aber auch auf Deutsch. Locker, international und professionell – dieses Image möchte man transportieren. Schmidt-Ott zeigt uns den riesigen Ankleidefundus, Hunderte von funkelnden Kostümen sind dort sorgsam eingereiht und beschriftet. 50.000 sind – gestaffelt – im Umlauf auf den Schiffen. Ballettschlappen, Mozartschuhe, Tutus, Boas, venezianische Kleider, ein Traum für jeden Bühnenfan. Der Bestand der Komischen Oper dürfte kaum größer sein.

9500 Plätze pro Abend werden auf den Bühnen bespielt

Abend für Abend sind Schmidt-Ott und sein Team aus 100 Mitarbeitern verantwortlich dafür, dass alle Bühnen der sieben Schiffe mit insgesamt 9500 Plätzen bespielt werden. 10.000 Gäste wollen glücklich sein. „Wir erreichen im Jahr auf unseren Bühnen über drei Millionen Gäste, damit mehr als alle Berliner Theater, Opern und Musicalbühnen zusammen“, meint der promovierte Kulturmanager.

Ohnehin hat er es an diesem Nachmittag mit ziemlich hochgesteckten Vergleichen. „Wir sind irgendwo zwischen Philharmonie, Stage und Friedrichstadtpalast – nur eben dreimal so groß, wenn es um die Anzahl der Plätze geht.“ Jetzt lacht er, meint es aber durchaus ernst. Und für ihn gilt das, was ein Frank Castorf oder Claus Peymann polternd verneinen würde: „Nur ein volles Theater ist ein gutes Theater!“ Und ein gutes Theater ist für ihn nur eines, in dem „die Leute begeistert sind und wo der Funke überspringt“. Dabei gehören für ihn künstlerisches und wirtschaftliches Denken unbedingt zusammen.

Auf den einzelnen Stockwerken an der Bouchéstraße herrscht munteres Treiben, eine junge Frau in schwarzen Trainingshosen und dicken Stulpen dehnt sich gewaltig, legt ein Spagat vor uns hin. Ein Brasilianer hockt auf dem Boden der Halle, vor sich ein Papier, offenbar studiert er eine Choreografie ein. Draußen vor der Tür raucht ein Spanisch sprechendes Grüppchen und lacht. In Treptow gibt es Jobs. Rund 1500 Schauspieler, Sänger, Akrobaten und Musicaldarsteller werden hier jährlich gecastet. Die Bühnen der Weltenmeere sind das Ziel, dafür nimmt man in Kauf, dass das Anfangsgehalt besser sein könnte. Aber das weiß jeder in der Branche.

Auf dem Schiff sein Talent zu zeigen, ist für die jungen Künstler wie ein Lackmustest für die Karriere. Das Kreuzfahrtpublikum ist vermutlich freundlicher als das häufig murrende Berliner Bühnenpublikum. Schmidt-Ott und Korr casten überall auf der Welt, aus Brasilien und Argentinien kommen die meisten Tänzer, die Sänger aus Deutschland und Kapstadt, die Artisten aus der Ukraine. Die Verträge laufen nie länger als sechs Monate. Die Gefahr heißt Schiffskoller. „Wenn die Reling zum Horizont des Lebens zusammenschnurrt, ist es Zeit für Heimaturlaub“, so Schmidt-Ott.

Auf dem Spielplan der Bord-Ensembles stehen 30 Formate – von der opulenten Broadway-Show über Varieté bis zum Klassikkonzert oder Stehgeiger. Derzeit sind Korr und Schmidt-Ott mit neuen Programmen beschäftigt. Die Roncalli-Revue dreht sich um das Leben von Bernhard Paul, der es vom Clown Zippo zum internationalen Zirkusdirektor und Regisseur brachte. Sein Name ist eine Marke – so viel zum Niveau des Entertainment. Vartan Bassil von den „Flying Steps“ choreografierte eine Rock-Show in der Ballett, Break- und Streetdance verschmelzen werden. Und dann gibt es eine ganz besondere „Zauberflöte“ – als Crossover, ein rappender Kommentator erzählt die Mozart-Handlung. Die Königin der Nacht wird da schon mal emotional und schmettert „I Can’t Get No Satisfaction“. Und Tamino sieht in seiner dramatischen Arie Lady Gaga vor sich. Von den Gästen, vermutet Schmidt-Ott, seien zehn Prozent mit der Handlung des Originals vertraut.

Der Programmdirektor selbst kommt aus dem Klassikbetrieb

Damit die Bedürfnisse dieser zehn bis fünfzehn Prozent hochkulturaffiner Gäste bedient werden, gibt es auf den Schiffen exklusive Orte wie das „Klanghaus“, „Studio“ oder die „Schaubühne“, dort sind Kammermusik, Lesungen oder eben Aufführungen von Klassikern im Angebot. Die Akustik im „Klanghaus“ soll sensationell sein. Beethoven wie in einer Philharmonie? Für diese Ansprüche steht Schmidt-Ott. Er selbst kommt als Cellist aus der Klassik, managte später das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und die Orchester des Bayerischen Rundfunks. Und wenn es passt, steht der 53-Jährige mit dem Cello selbst auf der Bühne.

Wie ist das kompatibel mit dem Massentourismus auf einem Schiff? „Auf dem Schiff können wir kreativer sein“, entgegnet der Musiker, der Klassikbetrieb sei gefangen in festen Strukturen von Verwaltung und Tarifverträgen, „da hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert“. Das kann der agile Berliner von seinem Leben auf dem Schiff nicht sagen.