Ausstand

Die Berliner bleiben beim BVG-Streik ganz gelassen

Acht Stunden standen am Freitag Bus, U-Bahn und Tram still. Doch das erwartete Chaos blieb aus, die Berliner nahmen es locker.

Berlin.  Der Himmel über Berlin war strahlend blau, als am Freitag das gelbe Herz der Stadt stillstand. 14.500 Beschäftigte der BVG waren zum Streik angetreten. Sie fordern mehr Gehalt und kürzere Arbeitszeiten. Befürchtet wurde ein Verkehrskollaps, der die Stadt zum Erliegen bringt. 520.000 Fahrgäste waren laut Schätzungen von dem Streik betroffen, der von Betriebsbeginn bis 12 Uhr mittags andauerte. Der Verkehr lief danach langsam wieder an, der große Stillstand blieb zur Überraschung vieler aber aus. Stattdessen rollten U-Bahn-lange Kolonnen von Radfahrern über die Busspuren, viele Berliner gingen zu Fuß zur nächstgelegenen S-Bahnstation oder bildeten Fahrgemeinschaften.

Berlin war auf den Streik gut vorbereitet

Dem frühlingshaften Wetter, vier Tagen Vorlauf und dem Improvisationstalent der Berliner war es wohl in der Summe zu verdanken, dass der Streik bei der BVG ohne größere Probleme bewältigt wurde. „Wenn ich einmal mit dem Rad fahren muss, damit die BVG-Mitarbeiter besser bezahlt werden, ist das schon okay“, sagte etwa Lena Reibstein der Berliner Morgenpost. Die 26-jährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, fuhr Freitagfrüh von Wedding aus eine halbe Stunde mit dem Fahrrad bis nach Charlottenburg. „Morgen fahre ich wieder U-Bahn“.

Eine andere Lösung hatte Jörg Liepelt gefunden. Der 59-Jährige stand um sieben Uhr gegenüber dem U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim in Zehlendorf. „Ich warte auf eine Kollegin, die mir heute eine Mitfahrgelegenheit zur Arbeit gibt.“ Für einen Tag Streik sei das ja noch zu meistern, sagte Liepelt und eilte zum Straßenrand, wo der kleine italienische Wagen seiner Kollegin bereits wartete.

Carolin Trabelsi war wegen des BVG-Streiks nicht zu spät, sondern sogar zu früh dran. Weil die 34-Jährige von ihrer Wohnung in Hellersdorf nicht pünklich zur Arbeit gekommen wäre, hatte sie nach der Spätschicht bei einem Bekannten übernachtet. „Von dort aus bin ich mit der S-Bahn bequem in die City West gekommen“, sagte sie. Bevor ihre Schicht im Hotel 25 an der Budapester Straße begann, hatte sie nun noch reichlich Zeit für ein Frühstück im Fast-Food-Restaurant. Neben sich den Rücksack mit der Kleidung vom Vorabend.

Natürlich gab es am Freitag aber auch Menschen, die unter dem Streik litten. Die Fluggäste, die am Freitag am Airport in Tegel landeten, mussten sich ein Taxi leisten oder mit ihren Koffern 40 Minuten zum S-Bahnhof Jungfernheide laufen. Oder sich in die langen Warteschlangen am Busstopp einreihen. Dort fuhren als Notlösung vier Pendelbusse der Flughafengesellschaft bis zu der drei Kilometer entfernten Station Jungfernheide.

Die S-Bahnen waren zwar voll, zu chaotischen Verhältnissen kam es aber auch dort kaum. Das lag auch daran, dass die S-Bahn 535 Züge im Einsatz hatte – zwölf mehr als üblich. Teilweise wurde es am Freitag dennoch eng, besonders auf dem östlichen Ring und der Stadtbahn-Strecke. Durchschnittlich lag die Auslastung bei 90 Prozent. Regionalzüge fuhren nach Plan. Auch die Fähren der BVG und einige Busse von Fremdfirmen am Stadtrand verkehrten wie üblich.

Am Vormittag hatten sich schließlich rund 3000 streikende BVG-Mitarbeiter vor der Zentrale des Verkehrsunternehmens an der Holzmarktstraße versammelt. „Wir sind die BVG“, hatten die Streikenden auf ihre Transparente geschrieben und: „Berlin, hör zu! Wir sind es wert.“ Auch an den Vorstandsetagen der Zentrale prangten Warnstreik-Tafeln.

Straßenbahnfahrer Michael Schulze gehörte zu den Streikenden. Ihm seien vor allem bessere Arbeitszeiten wichtig. „Ich habe kaum Freizeit, Freunde fragen schon gar nicht mehr, weil ich sowieso immer arbeiten muss. Das Geld spielt natürlich auch eine Rolle“, sagte Schulze. Für ihn seien das die Hauptgründe, auf die Straße zu gehen. Sein Kollege Florian Seelig stimmte ihm zu: „Die 39-Stunden-Woche ist nur der Jahresdurchschnitt. Normalerweise arbeiten wir aber mehr.“ 45 Stunden seien die Regel.

Junge Kollegen arbeiten mehr und verdienen weniger

Die beiden gehören zu den jüngeren BVG-Mitarbeitern, mit denen sich viele solidarisch zeigen. „Die jungen Kollegen arbeiten mehr, verdienen im Vergleich weniger und bekommen im ersten Jahr kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld“, sagte ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. Denn darum geht es bei dem ersten größere Warnstreik bei dem Landesunternehmen seit sieben Jahren: Verdi verlangt, dass für alle rund 14.000 Beschäftigten die 36,5-Stunden-Woche gilt. Heute muss knapp die Hälfte der Mitarbeiter 39 Stunden ran – das sind alles Kollegen, die nach 2005 eingestellt wurden. Gefordert wird auch Weihnachtsgeld für alle Mitarbeiter, ein Wegfall der unteren Lohngruppen und schnellere Gehaltssprünge, zudem für Gewerkschaftsmitglieder einmalig 500 Euro.

In der nächsten Runde der Tarifverhandlungen am 5. März müsse ein verhandlungsfähiges Angebot der Arbeitgeber auf den Tisch, sagte Verdi-Verhandlungsführer Jeremy Arndt bei der Kundgebung vor der BVG-Zentrale. Tarifkommissionsmitglied und BVG-Aufsichtsratsvize Lothar Stephan ergänzte: „Dann wiederholen wir diese Maßnahme.“ Er beschimpfte die Gegenseite als „Dilettanten“.

Die BVG ist das größte kommunale Verkehrsunternehmen Deutschlands. Mit 2,9 Millionen Kundenfahrten täglich ist sie das Rückgrat des Berliner Nahverkehrs. Zum Vergleich: Die S-Bahn zählt täglich 1,4 Millionen Fahrgäste.

Vorab hatte es Kritik gegeben, dass der Warnstreik schon nach der zweiten Verhandlungsrunde kam und so lange dauerte. „Wir streiken nicht gegen die Fahrgäste, sondern für die Fahrgäste“, betonte Verdi-Landeschefin Susanne Stumpenhusen. Nur mit höheren Löhnen könne die BVG das Personal finden, um das Angebot in der wachsenden Stadt zu erhalten. Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus unterstützte die Forderungen zumindest teilweise. „Gute Arbeit verlangt guten Lohn, deshalb ist es wichtig, die Entgelttabellen nach oben anzupassen“, sagte der verkehrspolitische Sprecher Tino Schopf. Er forderte auch, die rund 2000 Beschäftigten von Berlin Transport in die BVG zu integrieren. Zum Hauptstreitpunkt Arbeitszeit bezog er keine Stellung.

BVG-Chefin Sigrid Nikutta lehnte eine Arbeitszeitverkürzung ab. Denn dann würden 500 zusätzliche Fahrer benötigt. „Das wäre jetzt für den Moment nicht die richtige Lösung, wenn wir ohnehin in diesem Jahr schon 1100 einstellen wollen“, sagte sie.

Nächste Runde

Die Gewerkschaft Verdi hat mit einem weiteren Warnstreik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) gedroht. In der nächsten Runde der Tarifverhandlungen müsse ein verhandlungsfähiges Angebot der Arbeitgeber auf den Tisch, sagte Verdi-Verhandlungsführer Jeremy Arndt am Freitag bei einer Warnstreik-Kundgebung vor der BVG-Zentrale. „Sonst müssen wir die nächsten Schritte machen.“

Arndt kritisierte, im Bundesvergleich liege der Tarif für die 14.500 Beschäftigten der BVG und ihrer Tochter Berlin Transport an vorletzter Stelle.

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