Brennstoffzellenzug

Heidekrautbahn fährt mit Wasserstoffzug nach Berlin

Berlin und Brandenburg fördern im Regionalverkehr umweltfreundliche Alternativen zum Dieselzu.

Der Coradia iLint, der weltweit erste Wasserstoff-Triebzug für den Regionalverkehr des französischen Zugherstellers Alstom, steht auf dem Bahnhof Basdorf.

Der Coradia iLint, der weltweit erste Wasserstoff-Triebzug für den Regionalverkehr des französischen Zugherstellers Alstom, steht auf dem Bahnhof Basdorf.

Foto: dpa

Berlin. Großer Bahnhof Montag früh in Basdorf. Unter den vielen Wartenden am Bahnsteig der kleinen Barnimer Gemeinde im Berliner Nordosten waren nicht wenige, die sonst eher mit dem Dienstwagen unterwegs sind. Etwa Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider und ihr für das Umweltressort zuständige Kollege Jörg Vogelsänger (beide SPD). Gekommen waren sie, um bei einer echten Premiere dabei zu sein. Der französische Bahnhersteller Alstom stellte bei einer Sonderfahrt von Basdorf nach Gesundbrunnen den „Coradia iLint“ vor. Bezeichnet wird damit ein Triebwagenzug, der mit flüssigem Wasserstoff statt mit Dieselfährt. Nach Angaben des Herstellers ist der Zug komplett emissionsfrei und gibt lediglich Wasserdampf und Kondenswasser ab.

Die auch als „Heidekrautbahn“ bekannte Strecke der Regionalbahnlinie 27 (Groß Schönebeck–Karow) war für die Präsentationsfahrt mit Bedacht gewählt. Denn der Eigentümer und Betreiber der Strecke, die Niederbarnimer Eisenbahn AG (NEB), plant als erstes Unternehmen in Berlin und Brandenburg, einen Zug mit Brennstoffzellenantrieb im regulären Fahrplanbetrieb einzusetzen. Ende 2022 soll es auf der RB27 so weit sein. „Vielleicht wird es auch erst 2023, denn für den Einsatz sind noch einige Voraussetzungen dafür zu schaffen“, sagte NEB-Vorstand Detlef Bröcker am Montag der Morgenpost.

Doch die Vorzeichen für das ehrgeizige Projekt scheinen gut. Die Länder Berlin und Brandenburg und der von ihnen gebildete Verkehrsverbund haben signalisiert, dass sie bereit sind, notwendige Investitionen und zusätzliche Betriebskosten mitzutragen. Auch der Landkreis Barnim, durch den die Strecke der Heidekrautbahn größtenteils führt, will sich an dem Projekt beteiligen, so Landrat Daniel Kurth (SPD).

Noch sind die Züge in der Anschaffung relativ teuer

Die Brennstoffzellentechnik ist eine von mehreren Möglichkeiten, wie nicht elektrifizierte Strecken künftig umweltfreundlich befahren werden können. Laut der „Allianz pro Schiene“ steht mehr als ein Drittel des 2766 Kilometer langen Schienennetzes in Brandenburg noch nicht unter Strom. Bislang kommen dort Triebwagen mit Dieselmotor zum Einsatz, die inzwischen jedoch – wie im Autoverkehr – wegen des Ausstosses von giftigen Stickoxiden, Rußpartikeln und Feinstaub in Verruf geraten sind. Eine Möglichkeit, das zu ändern, ist eine Elektrifizierung der Strecken, also der Aufbau von Unterspannwerken und Strommasten. Das ist allerdings teuer und zeitaufwendig. Gerade für weniger stark genutzte Strecken ist hingegen der Einsatz von Loks oder Triebwagen sinnvoll, die nicht oder nicht ausschließlich mit Diesel fahren. Die Deutsche Bahn setzt bislang auf die Hybridtechnik, also der Kombination von Diesel- und Elektroantrieb. Stadler hat jüngst einen Elektrotriebwagen vorgestellt, der seine Energie aus Batterien bezieht. Alstom forciert die Entwicklung des Brennstoffzellenzuges. Bereits seit September 2018 fahren zwei „Coradia iLint“ zwischen Buxtehude, Bremerhaven und Cuxhaven. Wie man hört, bisher ohne nennenswerte Probleme.

Auch Brandenburg will die neue Technik nun fördern. Der Einsatz von Wasserstoffzügen auf der „Heidekrautbahn“ ist für Infrastrukturministerin Schneider „ein tolles Projekt“. Geplant ist, den Einsatz dieser Züge in den neuen, ab 2022 geltenden Verkehrsvertrag für die RB27 zu verankern und damit auch zu finanzieren.

Noch sind die Züge aber in der Anschaffung und im Betrieb deutlich teurer als herkömmliche Triebwagen mit Dieselantrieb. Zu den Einsatzvoraussetzungen gehört auch eine Antwort auf die Frage, woher der Wasserstoff kommt. Damit der Brennstoff auch „grün“ produziert wird, planen die NEB und der Landkreis eine Windkraftanlage, kombiniert mit Fotovoltaik (also Nutzung der Sonnenenergie). Benötigt wird die Energie für die Elektrolyse, bei der Wasserstoff gewonnen wird. Die brennbare Flüssigkeit muss dann in einem Tank sicher gespeichert werden und von dort per Leitung zur Wasserstofftankstelle gebracht werden. Eine solche Tankstelle könnte laut NEB in Basdorf stehen und auch für das Betanken von Bussen und Privat-Kfz mit Wasserstoffantrieb genutzt werden.

Die „Heidekrautbahn“ verbindet zahlreiche Speckgürtelgemeinden in den Landkreisen Barnim und Oberhavel mit Berlin und wird von den Hauptstädtern wiederum vor allem an Wochenenden für Fahrten ins seenreiche Umland und in die Schorfheide genutzt. Seit gut zwei Jahrzehnten wird über die Reaktivierung der durch den Mauerbau 1961 unterbrochenen Stammstrecke nach Wilhelmsruh debattiert, vor Kurzem schlossen die Länder Berlin und Brandenburg dazu eine Planungsvereinbarung. Die NEB will die Verbindung ins Märkische Viertel bis 2023 wieder aufbauen. Bis 2028 ist eine Verlängerung der Trasse bis zum Bahnknoten Gesundbrunnen geplant.