Museen

Schlüters Kolossalfiguren auf dem Weg in Humboldt Forum

Die sechs bis zu 1,5 Tonnen schweren Skulpturen wurden für den nur wenige hundert Meter Weg umfassend gesichert und verpackt.

Arbeiter bereiten im Bode-Museum den Abtransport der Kolossalfiguren Andreas Schlüters vor.

Arbeiter bereiten im Bode-Museum den Abtransport der Kolossalfiguren Andreas Schlüters vor.

Berlin. Auch Götter müssen bisweilen umziehen. Apoll, Merkur und sechs weitere sind am Montag und Dienstag aus ihrer Zwischenbleibe im Bode-Museum wieder in ihre Heimat zurückgekehrt: das neue Humboldt Forum. Als sie sie 1950 verließen, stand an derselben Stelle noch das alte Berliner Schloss. Der Schöpfer dieses Pantheons aus Sandstein ist kein Geringerer als der bekannteste Barock-Bildhauer, Andreas Schlüter, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch gleich ihre ganze Heimstatt errichtete: Den Schlüter-Flügel und den Schlüter-Hof im Schloss, den sie schmückten. Auch Herkules zählt zu den drei Meter hohen Skulpturen, und die Aktion macht seinem Namen alle Ehre.

Die Statuen werden stehend transportiert

Rund anderthalb Tonnen wiegt jede einzelne – für modernes Gerät zwar kein Problem, doch angesichts des heutigen Zustandes der Götter ist da alle Geschicklichkeit und Erfahrung von Paul Hofmann gefragt. „Die Spuren der bisherigen Umsetzungen sind schon deutlich zu sehen“, sagt der Chefrestaurator des Bode-Museums, der den Umzug leitet. Die Statuen sind aus sächsischem Sandstein, und der ist denkbar porös, sodass man sie am liebsten in Watte verpackt liegend transportiert sehen würde. Doch Hofmann setzte die Schlinge handfester an: „Nur einfach aufgehängt, wie am Galgen.“ Es ging nicht anders, und auf dem Tieflader gab es für die Dreimeterkolosse dann, trotz rumpeligen Kopfsteinpflasters rund ums Bode-Museum, sowieso nur einen Stehplatz. „Legen wir sie hin, zerbrechen sie.“ Die Versicherungssumme sei „sehr hoch“. Mehr wollte man nicht sagen.

Die jetzt umziehenden Statuen werden im Humboldt Forum nicht an ursprünglicher Stelle, unter freiem Himmel, zu sehen sein, dafür sind die über 300 Jahre alten Kunstwerke zu witterungsanfällig. Man wird sie im Skulpturensaal betrachten dürfen, vom Erdgeschoss aus wie einst in acht Meter Höhe, weil Schlüter sie auf „starke Untersicht“ hin angelegt habe, wie Al­fred Hagemann sagt, Leiter der „Geschichte des Ortes“ im Humboldt Forum. Von einer Galerie im ersten Stock aus kann man ihnen auch auf Augenhöhe begegnen, und draußen, im neuen Schlüterhof, stehen an alter Stelle ihre Kopien, eins zu eins, aber widerstandsfähig. Diese selbst werden auf Ungewohntes blicken, auf die moderne Hoffassade aus Beton: Franco Stella statt Andreas Schlüter.

Vor Schlüter und seiner Werkstatt hatte Parteichef Walter Ulbricht damals, 1950, offenbar doch den nötigen Respekt. Besser: Er ließ den Respekt der Berufenen zu. Als Ulbricht im Sommer jenes Jahres nach langem Hin und Her und brodelnder Gerüchteküche überfallartig die Sprengung des ihm so verhassten Hohenzollernschlosses verkündete, schlugen alle Kunsthistoriker und Baugeschichtler der jungen DDR die Hände überm Kopf zusammen. Auch in der SED gab es heftige Kritik.

Der mächtige Bau war im Krieg durch Bomben schwer beschädigt worden, doch ein Wiederaufbau wäre ohne Weiteres möglich gewesen. Der SED-Chef befriedete die Kritiker, indem er zusagte, manches historisch wertvolle Bauteil dürfe aufgehoben werden, doch die Haufen mit den angeblich zu rettenden filigranen Statuen, Gesimsen, Emporen und Stuckelementen wurde dann ebenso abgeräumt wie alles andere. Abgesehen von jenem Schlossportal, von dessen Balkon aus Karl Liebknecht am 9. November 1918 angeblich die sozialistische Republik ausgerufen habe. Was deshalb später als „Liebknecht-Portal“ in die Fassade des Staatsratsgebäudes integriert wurde – basierend auf einer Lüge, denn Liebknecht stand in dem Moment gar nicht dort. Die Schlüter-Skulpturen aber sind tatsächlich von Schlüter, und deshalb ist es ein großer Gewinn, dass sie, als zweiter überlebender Rest des Schlosses, von ahnungsvollen Kunstkennern damals gleich in sichere Entfernung unter Dach und Fach verbracht wurden: Ins Bode-Museum, wo sie zuletzt in der Kuppelhalle zu besichtigen waren.

Die acht Skulpturen aus dem Museum – weitere, in Spandau gelagerte, sollen dieser Tage ins Humboldt Forum folgen – sind Zeugnisse aus jener aufstrebenden Zeit der Hohenzollern, als sie von Kurfürsten von Brandenburg zu Königen aufstiegen. Kurfürst Friedrich III., der sich 1701 als König „in“ Preußen krönen ließ, holte An­dreas Schlüter als Hofbildhauer und -architekt nach Berlin – und schickte ihn erst mal auf Studienreise. Auch nach Italien, wo er die Werke Michelangelos studierte und sich dessen Stil sichtlich aneignete, auch wenn der Herkules von Preußen dann etwas kräftiger ausfiel als der David von Florenz.

Die Symbole eines Machtanspruchs

Brandenburg und das spätere Preußen waren zur Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert noch damit befasst, die politisch mörderische wie wirtschaftlich lethargische Zeit des 30-jährigen Krieges abzuschütteln. An barocke Prosperität wie in München oder Wien war noch lange nicht zu denken. Poröser Sandstein aus der Umgebung statt geschmeidiger Marmor aus Italien war das zur Verfügung stehende Material. Doch als die Skulpturen 1706 in den Schlüterhof kamen, in acht Meter Höhe oder gleich ganz auf der Balustrade des Daches, da spiegelte dies auf kultureller Ebene den politischen Ehrgeiz der Hohenzollern wider, im Reich die erste Geige zu spielen. Was dann, eineinhalb Jahrhunderte später, auch erreicht war.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.