Insolvenz

Germania am Boden: Berlin will Airline nicht helfen

Der Berliner Senat verweigert die Unterstützung für die insolvente Fluggesellschaft. 60.000 Reisende sind betroffen.

Am Boden: Eine Maschine der Germania auf dem Flughafen Schönefeld.

Am Boden: Eine Maschine der Germania auf dem Flughafen Schönefeld.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Berlin.  Zehntausende Reisende werden umgebucht oder bleiben auf ihren Flugtickets sitzen: Nach Air Berlin hat mit Germania die zweite Berliner Fluggesellschaft innerhalb von eineinhalb Jahren Insolvenz anmelden müssen, der Betrieb wurde bereits am Dienstagmorgen eingestellt.

Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters Rüdiger Wienberg sind 60.000 Urlauber betroffen, die innerhalb der nächsten zwei Wochen von der Airline befördert werden sollten. „Wir sind derzeit mit anderen Marktteilnehmern im Gespräch, um den Passagieren, die an ihren Flugzielen festsitzen, kurzfristig und unbürokratisch bei der Rückreise zu helfen“, sagte Wienberg. Mehrere Airlines hatten zuvor ihre Bereitschaft erklärt, gestrandete Germania-Passagiere aus den Urlaubsregionen nach Hause fliegen zu wollen.

Germania-Chef bittet Fluggäste um Entschuldigung

Nach den Worten von Germania-Geschäftsführer Karsten Balke waren zuvor Bemühungen gescheitert, eine Finanzierung zu organisieren. „Wir bedauern sehr, dass uns als Konsequenz daraus keine andere Möglichkeit als die der Insolvenzantragstellung blieb“, erklärte Balke. Er bedauerte die Auswirkungen des Schrittes für die Mitarbeiter, die ihr Bestes für einen zuverlässigen Flugbetrieb gegeben hätten. Die betroffenen Fluggäste bat Balke um Entschuldigung. Der Geschäftsbetrieb der Schweizer Germania Flug AG und der Bulgarian Eagle geht indes weiter.

Von der Insolvenz seien 1678 Mitarbeiter betroffen, sagte Rechtsanwalt Wienberg. Ihre Löhne seien für drei Monate über das Insolvenzgeld abgesichert. Wienberg erklärte, sich zunächst einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Dazu gehöre auch eine Prüfung der Fortführungsaussichten. Die Chancen dafür stehen aber schlecht. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, gibt es in den betroffenen Gesellschaften kaum verwertbare Vermögensgegenstände. Germania hatte zuletzt zudem keine eigenen Flugzeuge mehr, die Maschinen wurden von anderen Anbietern geleast. Zusätzlich verschärft der eingestellte Flugbetrieb die Lage.

Ramono Pop: „Aktuell sehen wir das Unternehmen in der Verantwortung"

Der Berliner Senat kündigte am Dienstag an, dem Unternehmen und den Beschäftigten zunächst nicht helfen zu wollen. Es sei bedauerlich, dass Germania in die Insolvenz gehe, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Aktuell sehen wir das Unternehmen in der Verantwortung, für die Beschäftigten Lösungen und Perspektiven zu ermöglichen“, so Pop weiter.

Auch Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) erklärte, es sei zu früh, über mögliche Hilfen für die Beschäftigten nach dem Vorbild der Air Berlin zu sprechen. „Ich gehe davon aus, dass der Insolvenzverwalter versucht, einen Investor im Sinne einer Fortführung der Gesellschaft zu finden“, sagte Kollatz. Perspektivisch könne das Land bei Gesprächen mit Investoren behilflich sein. Der Senat geht von etwa 400 betroffenen Germania-Mitarbeitern in der Hauptstadt aus. Nach der Air-Berlin-Pleite hatten Hunderte Beschäftigte des Bodenpersonals aus Berlin und Brandenburg mithilfe einer auch vom Land Berlin mitfinanzierten Transfergesellschaft neue Jobs gefunden.

Die Opposition kritisierte das Verhalten der Koalition. Bereits nach Bekanntwerden der Schwierigkeiten hätten der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Pop Soforthilfe leisten müssen, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU, Christian Gräff. Es sei jetzt die Aufgabe der Politik, die Beschäftigten zu unterstützen, sagte auch der FDP-Abgeordnete Florian Swyter.

88 Flüge pro Woche von und nach Berlin

Für die Flughäfen sind die Folgen der Pleite unterschiedlich. In Berlin reißt die Insolvenz nur eine kleine Lücke. Nach Angaben eines Flughafensprechers beförderte Germania im vergangenen Jahr rund 600.000 Passagiere von und nach Tegel und Schönefeld. Das sei ein Anteil an den Gesamt-Reisenden von unter zwei Prozent. Im Winterflugplan gab es zuletzt 88 wöchentliche Germania-Flüge von und nach Berlin. Stärker betroffen sind Regional-Airports wie Rostock-Laage, Erfurt und Friedrichshafen.

Germania hatte nach der Air-Berlin-Pleite versucht, neue Marktanteile zu erobern, sich dabei aber übernommen. Die Airline nannte als Grund für das Aus auch gestiegene Kerosinpreise sowie Probleme bei der Aufnahme neuer Flugzeuge in die Flotte.

Welche Chancen es gibt, die Airline zu sanieren und was die Insolvenz für die Passagiere bedeutet.

Wie sollten sich Germania-Fluggäste jetzt verhalten?

Passagiere, die über einen Veranstalter oder ein Reisebüro eine Pauschalreise gebucht haben, müssen sich wenig Sorgen machen: Der Reiseveranstalter muss jetzt für eine Ersatzbeförderung sorgen, so die Verbraucherzentrale Berlin. Davon dürfte der Großteil der Germania-Flugreisenden betroffen sein. „Germania war ein Leistungsträger für die Reiseveranstalter, weniger für Individualreisende“, sagte Reiserechtsberaterin Eva Klaar. Die Veranstalter haben bereits am Dienstag alle Hebel in Bewegung gesetzt und versucht, gestrandete Passagiere auf andere Airlines umzubuchen. Im Einzelfall kann sich der individuelle Reiseablauf deswegen verändern.

Schlechte Karten haben hingegen Passagiere, die Flugtickets direkt bei Germania gekauft haben, so die Verbraucherschützer. Urlauber müssen sich jetzt selbst um einen Ersatzflug bemühen und auch die Kosten dafür tragen, erklärte Eva Klaar. Rechnungen sollten in jedem Fall gut aufgehoben werden, so die Reiserechtexpertin. Dann könnten die Forderungen im Insolvenzverfahren angemeldet werden. Große Hoffnungen, Geld zurückzubekommen, macht die Verbraucherzentrale den Passagieren aber nicht. Generell kommen Kunden einer Fluglinie unter den Gläubigern im Insolvenzverfahren eher spät zum Zug. „Es ist also fraglich, ob und wie viel sie zurückbekommen und wie lange das dauert“, sagte Verbraucherschützerin Klaar. Kunden von Air Berlin und Niki, die im August 2017 Insolvenz anmelden mussten, warten bis heute auf die Rückerstattung ihrer Flugkosten.

Warum sind Flugreisende nicht besser vor Insolvenzen geschützt?

Etwaige Forderungen gibt es immer wieder. Bisher sind Anregungen von Verbraucherschützern aber verpufft. Der Vizepräsident des Deutschen Reise Verbands (DRV) versuchte am Dienstag erneut einen Vorstoß und erklärte: „Wir brauchen endlich eine wettbewerbsneu­trale Insolvenzabsicherung für Fluggesellschaften. Nur so erhalten Reisende mehr Sicherheit.“

Wie haben andere Airlines auf die Germania-Pleite reagiert?

Zahlreiche Airlines kündigten an, gestrandete Germania-Passagiere zu Sonderkonditionen nach Hause zu befördern. Nach Angaben des Bundesverbands der Luftverkehrswirtschaft sollten sich Urlauber im Ausland dafür direkt an die Fluggesellschaften wenden. Der Lufthansa-Konzern erklärte, durch die Germania-Insolvenz sei eine Sonder­situation für die Luftfahrtindustrie in Deutschland und die betroffenen Passagiere eingetreten. Die Billig-Tochter Eurowings werde deshalb Germania-Kunden 50 Prozent Rabatt auf den Flugpreis anbieten. Germania-Kunden sollten dafür die Buchungsbestätigung ihres ausgefallenen Fluges von einem ausländischen Abflughafen zu einem Zielflughafen in Deutschland per E-Mail einreichen. Das Angebot gilt bis Ende Februar.

Auch die irische Billigflug-Gesellschaft Ryanair bietet spezielle Tarife für Germania-Kunden an. Sonderpreise ab 9,99 Euro pro Flug gebe es ab Tegel und Schönefeld in Berlin sowie ab Hamburg auf 18 Strecken. Ryanair will so vor allem Kunden auffangen, deren Flüge von und in die Urlaubsregionen im Mittelmeer und auf den Kanarischen Inseln storniert wurden. Ähnliche Angebote machte auch die Ryanair-Tochter Laudamotion. „Wir wollen die Auswirkungen der Germania-Insolvenz mildern. Daher bieten wir allen aktuell betroffenen Passagieren vergünstigte Flüge von Münster, Düsseldorf und Berlin-Tegel auf die Kanaren und nach Palma de Mallorca an“, sagte Laudamotion-Chef Andreas Gruber. Auch Sunexpress hilft Germania-Kunden. Aktuell biete die Gesellschaft den Gästen, die derzeit an anatolischen Zielorten auf einen Rückflug warten, eine Umbuchungsmöglichkeit ihrer Tickets für 98,99 Euro an, hieß es.

Was kommt nach der Pleite auf die Germania-Mitarbeiter zu?

Germania hatte nach der Air-Berlin-Pleite versucht, Marktanteile hinzuzugewinnen. Nicht nur die Zahl der Flugzeuge, die für Germania unterwegs waren, auch die Anzahl der Beschäftigten war dafür gewachsen. Zuletzt waren für Germania rund 1700 Mitarbeiter tätig, 400 davon am Standort Berlin. Branchenexperten gehen davon aus, dass Germania nach der Einstellung des Flugbetriebs kaum Chancen hat, als eigenständige Airline zu überleben. Vielen Mitarbeitern bleibt nur der Wechsel des Arbeitsplatzes. Für das fliegende Personal sind die Chancen dafür nach wie vor gut. Konkurrenten wie Easyjet oder Eurowings suchen Personal. Auch für Verwaltungsmitarbeiter bietet der Berliner Arbeitsmarkt gute Auffangmöglichkeiten.

Eine Transfergesellschaft für Germania-Beschäftigte, wie es sie nach der Pleite auch für einen Teil der Air-Berlin-Belegschaft gab, schloss der Berliner Senat am Dienstag aus. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erklärte: „Es ist bedauerlich, dass Germania nun in die Insolvenz geht. Auch der Senat hat heute dazu beraten. Aktuell sehen wir das Unternehmen in der Verantwortung, für die rund 1200 Beschäftigten Lösungen und Perspektiven zu ermöglichen.“

Wie geht es jetzt weiter?

Der Rechtsanwalt Rüdiger Wienberg hat bei Germania als zuständiger Insolvenzverwalter nun das Sagen. Er wird zunächst den Zustand der einzelnen Gesellschaften unter die Lupe nehmen. Nur die Germania Fluggesellschaft mbH und ihr Schwesterunternehmen für technische Dienstleistungen, die Germania Technik Brandenburg GmbH, sowie die Germania Flugdienste GmbH haben Insolvenz angemeldet. Nicht betroffen sind nach Angaben des Unternehmens die Schweizer Germania Flug AG und die Bulgarian Eagle. Wienberg wird versuchen, Teile der insolventen Gesellschaften zu veräußern. Das dürfte allerdings schwierig werden. Die betroffenen Firmen besäßen kaum verwertbare Vermögenswerte, hieß es in Insolvenzverwalterkreisen. Eigene Flugzeuge hatte Germania nicht mehr. Zuletzt hatte die Airline die Maschinen von unterschiedlichen Anbietern geleast.

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