Gastbeitrag

"Erzieherinnen und Erzieher verdienen eine faire Bezahlung"

Wer Gehälter der Erzieher erhöht, investiert in unsere Zukunft, meinen Melanie Kühnemann-Grunow und Raed Saleh in ihrem Gastbeitrag.

Lehrkräfte, Erzieher und Pädagogen bei der Demonstration zum Warnstreik. Sie fordern sechs Prozent mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen.

Lehrkräfte, Erzieher und Pädagogen bei der Demonstration zum Warnstreik. Sie fordern sechs Prozent mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen.

Foto: imago stock / imago/snapshot

Berlin. Vor wenigen Tagen erlebten wir den Zorn der Berliner Erzieherinnen und Erzieher hautnah. Mit Trillerpfeifen und vielen roten Fahnen waren an die 2000 Demonstranten, auf Initiative der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zur großen Kundgebung vor dem Bahnhof Friedrichstraße gekommen.

Auf den Transparenten der Demonstranten war zu lesen: „Wir verdienen nicht, was wir verdienen“ oder „Bildung kostet!“. Auf einem Plakat waren Strichmännchen skizziert. Darunter stand: „Für das Geld gibt es nur Erzieher*innen zum Ausschneiden.“ Wir solidarisierten uns mit den Demonstrierenden. Denn sie haben recht.

Der Beruf gehört – leider – zu den schlecht bezahlten

In einer Stadt, die immer teurer wird und in der sich viele schwertun, ihr Leben finanziell gestemmt zu bekommen, darf eine so wichtige Berufsgruppe wie die der Erzieherinnen und Erzieher nicht Existenzängste haben.

Und um nichts anderes geht es aktuell. Denn dieser für unsere Gesellschaft so fundamental wichtige Beruf gehört – leider – zu den schlecht bezahlten im Bereich der Bildung und Erziehung. In Berlin macht sich dies für die Betroffenen besonders schmerzhaft bemerkbar. Durch den Boom der vergangenen Jahre, der unserer Stadt ein bemerkenswertes Wirtschaftswachstum, Zehntausende neue Jobs, Millionen neugieriger Touristen aus der ganzen Welt und solide Finanzen gebracht hat, haben sich leider auch die Schattenseiten des Wachstums verschärft.

Horrende Mieten, fehlende Kindergartenplätze, überfüllte Trams und Busse, bröckelnde Infrastruktur. Das Licht und das Dunkel in unserer Stadt kommen – leider – zusammen. Doch das kann nicht bedeuten, dass die Erzieherinnen und Erzieher die Verlierer sind. Wer heute in dem Beruf arbeitet und etwa eine neue Wohnung anmieten will, wird das finanziell mit seinem Lohn nicht schaffen können. Was ein gesellschaftlicher Skandal ist.

Das sehen wir schon lange und deshalb gehört die Familien- und Bildungspolitik zum Schwerpunkt der Arbeit in unserer SPD-Fraktion. Ein zentraler Eckpfeiler unserer „Vision der bezahlbaren Stadt“ ist die gebührenfreie Bildung – von der Kita bis zur Uni. Und hier sind wir in den vergangenen Jahren mit riesigen Schritten weitergekommen: die Kita ist komplett gebührenfrei, das Schulessen für die Klassen 1 bis 6 inzwischen auch, die beiden ersten Hortjahre haben wir kostenfrei gestellt. Es gibt kein Büchergeld mehr. Die Grundschullehrerinnen und -lehrer bekommen nun auch höhere Gehälter. In Zukunft zahlen die Schüler auch kein Ticket mehr für den ÖPNV. Durch dieses Bündel von Maßnahmen werden gerade junge Familien breit entlastet. Allerdings gibt es auch bei den Kitas noch einige Punkte, die schmerzen und die dringend behoben werden müssen.

Gerade auch weil Berlin mit einem gebührenfreien und qualitativ guten Bildungs- und Betreuungssystem im Kitabereich Maßstäbe setzt, kommen immer mehr Menschen mit Kindern zu uns oder entscheiden sich, eine Familie zu gründen. Berlin liegt, wenn es um das Kita-Angebot geht, deutschlandweit an der Spitze. Ebenfalls ein Grund für den Babyboom der vergangenen Jahre.

Tausende Kinder mehr jedes Jahr, dazu seit 2013 ein gesetzlicher Anspruch auf einen Kitaplatz stellen eine Herausforderung für die Politik dar, weshalb der Senat reagiert hat und 40.000 neue Kindergartenplätze geschaffen hat. Doch wir sehen, dass das nicht reicht. Dieser gesetzliche Anspruch bleibt leider für viele Eltern ein leeres Versprechen. Denn nach wie vor ist die Suche nach einer Kindertagesstätte mit großen Anstrengungen verbunden. Eine ganztägige Kita zu finden ist in ganz Deutschland extrem schwierig. Bei uns sieht es da im Vergleich zu vielen anderen Bundesländer noch relativ gut aus. Doch auch in Berlin versinken die Kindergärten in Anfragen, die Vormerklisten sind lang und viele Eltern befürchten, dass sie für ihr Kind keinen Platz bekommen.

Ein zentraler Punkt für die Engpässe bei den Kitaplätzen ist die Personallage. Wir haben nicht genug Erzieherinnen und Erzieher in Berlin. Und daran ist – auch – die relativ schlechte Bezahlung schuld. Wenn wir den so wichtigen Beruf wieder attraktiver machen wollen, wenn wir darauf setzen, dass wir bald in den Kitas und Schulhorten motiviertes und zufriedenes Personal haben, dann müssen wir dringend an die Löhne ran. Das ist nicht nur eine pragmatische Frage, es ist eine Frage des Anstandes. Die Erzieherinnen und Erzieher, die sich tagtäglich für unseren Nachwuchs aufopfern, sie verdienen mehr Respekt. Sie verdienen schlicht eine faire Bezahlung.

Daher: auch wenn wir in Berlin bei den Kitas und Horten bereits viel erreicht haben, müssen wir die Qualität der Betreuung weiter verbessern. Wir werden in Zukunft nur mehr Kitaplätze und einen besseren Personalschlüssel hinbekommen, wenn wir den Erzieherinnenberuf stark aufwerten. Und zwar finanziell und gesellschaftlich. An erster Stelle steht hier die Bezahlung: bei den aktuell laufenden Tarifverhandlungen setzt sich die SPD-Fraktion deswegen dafür ein, dass für die Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten eine deutlich bessere Bezahlung herauskommt. Perspektivisch kann das nur heißen, dass die Lücke zwischen dem Tarifvertrag der Länder und dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes geschlossen werden muss. Denn es kann nicht sein, dass in Berlin Erzieher monatlich 400 Euro weniger verdienen als etwa im Nachbarland Brandenburg. Unser Ziel ist ganz eindeutig, dieses Lohngefälle zu beseitigen.

Fehlende Aufstiegsperspektiven

In Gesprächen mit jungen Leuten bekommen wir zu hören: „Erzieher? Da verdient man doch nichts und Anerkennung für die Arbeit gibt es auch nicht.“ Leider haben die Mädchen und Jungen recht. Ein wichtiger Grund für die mangelnde Attraktivität des Berufs sind mangelnde öffentliche Anerkennung, fehlende Entwicklungsmöglichkeiten und Aufstiegsperspektiven. Und die niedrige Bezahlung.

Es ist kein Geheimnis, dass Kindergärtner teils als Babysitter oder Haushaltshilfen ein paar Euro dazuverdienen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Nach aktuellen Berechnungen benötigen wir in wenigen Jahren insgesamt 193.000 Kitaplätze, das sind 22.000 mehr als derzeit verfügbar. Um die Kleinsten zu betreuen, bedarf es weiterer 5000 Erzieherinnen und Erzieher. Der Fachkräftemangel macht auch vor Berlin nicht halt. Wir werden die notwendigen Arbeitskräfte nur finden, wenn wir die Erzieherinnen und Erzieher bei der Bezahlung schnell besserstellen. Eine bessere Eingruppierung ist dringend notwendig.

Es ist eine Frage der Klugheit – und der Fairness. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Dafür setzen wir uns ein und das war auch unsere Botschaft an die Demonstrierenden am Bahnhof Friedrichstraße. Hoffentlich hat unsere Botschaft auch die Tarifrunde gehört, die gerade über bessere Löhne verhandelt.