Jugendschutzkammer

Prozess: Vater schickte minderjährige Söhne auf den Strich

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Hans H. Nibbrig
Radu-Marian R. vor Gericht.

Radu-Marian R. vor Gericht.

Foto: Olaf Wagner

Ein 42-jähriger Vater soll seine beiden minderjährigen Söhne zwecks Aufbesserung der Haushaltskasse zur Prostitution gezwungen haben.

Berlin. Eltern, die ihre Kinder misshandeln oder vernachlässigen beschäftigen häufig die Gerichte. Das ist jedes mal tragisch aber bei weitem nicht neu. Was die Berliner Staatsanwaltschaft allerdings dem aus Rumänien stammenden Radu-Marian R. vorwirft, sprengt die Grenzen jeglicher Vorstellungskraft. Der 42-Jährige holte seine Söhne zu einem Zeitpunkt, als diese noch Kinder waren nach Berlin und schickte sie hier auf den Straßenstrich.

Ion war 13, als er 2016 seine traurige Laufbahn in den Niederungen des Rotlicht-Milieus begann. Auf dem Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße und vor allem an nur Insidern bekannten Plätzen im Großen Tiergarten bot der Junge einer Klientel von Männern mit besonderen Neigungen seine Dienste an. Die Details der Dienstleistungen bedürfen keiner besonderen Erwähnung, die Honorierung dagegen schon. 10 Euro bekam Ion von seinen Kunden.

Nicht besser erging es Mihail, dem zweiten Sohn des Angeklagten, der 2018 mit ebenfalls mit 13 Jahren nach Berlin kam und dort wie sein Bruder an den gleichen Orten der Prostitution nachging. Das Geld, dass die Jungen einnahmen, sollen sie komplett an den Vater weitergeleitet haben, etwa 13.000 Euro soll R. so in zwei Jahren eingenommen haben. Und wenn sie durch Prostitution nicht genug verdienten, mussten sich nebenbei noch betteln gehen.

Zwangsprostitution, Menschenhandel, Zuhälterei, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, Verletzung der Fürsorge und Erziehungspflicht, die Liste der Taten, die R. vorgeworfen werden, ist lang. In Deutschland gibt es zahlreiche Bestimmungen, die die Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern regeln. In der Welt von Radu-Marian R. haben diese Regeln offenbar keinerlei Bedeutung, es darf sogar bezweifelt werden, dass sie dort überhaupt bekannt sind.

115 Seiten mit Protokollen aus Telefonüberwachung

Geboren in einer Kleinstadt am Rande der Karpaten war der Angeklagte, der gerade einmal vier Jahre eine Schule besuchte, vor seinem Umzug nach Berlin vornehmlich als Maurer auf dem Bau tätig. In Berlin, wo er mit anderen Landsleuten in einer Wohnung in Neukölln eher hauste als lebte, sind keine Erwerbstätigkeiten des 42-Jährigen bekannt.

Den Ermittlungen zufolge soll R. seinen Söhnen die Kunden teilweise besorgt und darüber hinaus deren „Arbeit“ sorgfältig durch regelmäßige Kontrollen überwacht haben. Die Staatsanwaltschaft spricht von gewerbsmäßiger Begehung der aufgelisteten Straftaten, möglicherweise als Teil einer Bande. Das Landeskriminalamt hat sich intensiv mit dem 42-Jährigen befasst, 115 Seiten der Akten sind mit den Protokollen aus einer umfangreichen Telefonüberwachung gefüllt.

Im Sommer 2018 wurde R. festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft. Zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen schwieg der Angeklagte am ersten Prozesstag. Zehn Verhandlungstage hat die zuständige 18. Jugendschutzkammer angesetzt. dabei sollen zahlreiche Zeugen gehört und ebenso viele Abhörprotokolle und Observationsberichte verlesen werden. Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt, das Urteil ist für den 2. April geplant.