Clan-Kriminalität

Groß-Razzia nach Geldtransporter-Überfall in Berlin

Nach dem Überfall auf einen Geldtransporter gab es am Morgen Razzien in mehreren Berliner Stadtteilen.

Nach dem Überfall auf Geldtransporter im Oktober hat die Polizei mehrerer Wohnungen durchsucht

Nach dem Überfall auf Geldtransporter im Oktober hat die Polizei mehrerer Wohnungen durchsucht

Foto: Morris Pudwell

Berlin. In Berlin hat es im Zusammenhang mit dem Überfall auf einen Geldtransporter im Oktober in Mitte seit Dienstagmorgen um 6 Uhr Hausdurchsuchungen in diversen Stadtteilen gegeben. Dabei standen vier Wohnanschriften von zwei Beschuldigten im Alter von 25 und 38 Jahren unter anderen an der Gneisenaustraße in Kreuzberg, in Steglitz und Tempelhof im Fokus der Einsatzkräfte.

Das gaben die Polizei und die Staatsanwaltschaft Berlin am Dienstag bekannt. "Die Männer werden mit der Tat in Verbindung gebracht", so ein Polizeisprecher. Der 25-jährige Deutsch-Libanese soll mit einem der polizeibekannten arabischstämmigen Clans in Beziehung stehen. Der verdächtige 38-Jährige ist ein Deutsch-Iraker.

An dem Einsatz waren insgesamt 180 Beamte beteiligt - Ermittler, Spezialeinsatzkräfte des Landeskriminalamtes und Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei. Sie erhoffen sich mit dem Einsatz, weitere Beweismittel in dem Verfahren zu finden. Auch Autos wurden vor Ort durchsucht, darunter ein Smart an der Gneisenaustraße. Bei den Razzien wurden beide Beschuldigten in ihren Wohnungen angetroffen, wie die Polizei kurz nach 7 Uhr über Twitter mitteilte. "Bei dem Überfall haben die Täter auch scharfe Schusswaffen eingesetzt. Entsprechend vorsichtig sind wir nun", so der Sprecher.

Bei den vier Objekten handelte es sich um die Adressen, an denen die Männer gemeldet sind, sowie die Wohnungen, in denen sie sich tatsächlich aufhalten. Während der Razzia waren die Männer laut Polizei in Gewahrsam. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Norbert Cioma, erklärte am Dienstag in einem Statement: "Sich mal in den Wohnungen von Tatverdächtigen umzuschauen, ist gerade in dem Bereich ein essentieller Bestandteil der Ermittlungsarbeit, da wir innerhalb der Familien und des sozialen Umfelds so gut wie keinerlei Kooperation erwarten können. Dass bei dieser Tat bereits nach gut drei Monaten Durchsuchungsbeschlüsse erwirkt werden konnten, zeigt die herausragende Vorarbeit meiner Kollegen.“

Tansporter gerammt und auf Polizisten geschossen

Am 19. Oktober 2018 hatten zwei Autos gegen 7.30 Uhr den Geldtransporter an der Schillingstraße in Mitte gerammt und gestoppt. Fünf Männer bedrohten anschließend die Insassen des Transporters mit Schnellschusswaffen, brachen die Tür mit einem Spezialgerät gewaltsam auf und entwendeten einen hohen Geldbetrag.

Auf der hektischen Flucht verloren die Männer erst eine große Geldkiste und schossen dann auf ein Polizeiauto, das sie verfolgte. Bei einem Unfall wurde ein Fluchtwagen so beschädigt, dass die Räuber ihn stehen lassen mussten - und mit dem Auto auch die weiteren sieben Geldkisten. Den Tätern soll so eine Beute in beträchtlicher Höhe entgangen sein, hieß es.

Im Dezember 2018 wurden bereits zwei Männer, die in Verdacht stehen, am Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein, festgenommen. Einer der beiden, ein 38 Jahre alter staatenloser Mann kurdisch-libanesischer Herkunft, war schon länger im Visier der Ermittler und soll enge Beziehungen zum Clan-Milieu in Berlin pflegen. Ihm wird neben schwerem Raub auch versuchter Mord an den verfolgenden Polizisten vorgeworfen. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden laut der Polizei Beweise gefunden, die im Zusammenhang mit dem Überfall standen. Die Polizei kam dem Mann durch DNA-Spuren in einem der Fluchtwagen und an Geldkisten auf die Spur.

Wenige Tage später kam es zur zweiten Festnahme eines 32-Jährigen in Mariendorf. Er soll als Logistiker Beihilfe zum schweren Raub geleistet haben. In einer Autowerkstatt in Tempelhof hatten die Räuber möglicherweise ihr Vorgehen getestet. Dort hatte es vor dem Überfall einen Einbruch gegeben. Ein Transporter, der dort stand, soll von den Einbrechern mit einem Spreizgerät aufgebrochen worden sein. Und: dieser Transporter soll der gleichen Sicherheitsfirma gehört haben, die auch von dem Überfall betroffen war. Der Verdacht liegt nahe, dass die Täter interne Informationen zu der Geldtransport-Firma erhielten.

Überfall auf Geldtransport: So lief die Tat ab

Maskierte haben einen Geldtransporter am Alexanderplatz überfallen. Der Raub fand Zeugen zufolge gegen 7.30 Uhr am 19. Oktober 2018 im Bereich Alexanderstraße/Schillingstraße statt. Auf der Flucht schossen die Täter.
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Louisa Lagé

In den vergangenen Tagen hatte es in Berlin mehrere Durchsuchungen und Festnahmen im Zusammenhang mit kriminellen Clans gegeben. Eine Übersicht:

  • Festnahme nach Schießerei in Neukölln: Am Sonnabend wurde ein Haftbefehl gegen einen 42-Jährigen vollstreckt. Er soll im September 2018. bei einer Verfolgungsjagd auf der Gradestraße in Neukölln aus einem fahrenden Auto heraus auf ein Fahrzeug geschossen haben. Dadurch sollte der Fahrer, den der Verhaftete irrtümlich für einen Beteiligten an einem kurz zuvor erfolgten Schusswaffenüberfall auf eine Gaststätte hielt, aus Rache getötet werden, wie die Polizei weiter mitteilte.
  • Großrazzia gegen Waffenschmuggler: Am vergangenen Donnerstag durchsuchten rund 300 Beamte 26 Wohnungen und Kneipen in Spandau und Reinickendorf sowie in der Umgebung. Bei den Einsätzen wurden vier Menschen verhaftet. Insgesamt gibt es zehn Verdächtige. Sie sollen umgebaute Pistolen aus der Slowakei eingeschmuggelt und verkauft haben. Mehr als 70 solcher Waffen wurden laut Polizei in den vergangenen anderthalb Jahren im kriminellen Milieu in Berlin sichergestellt. Die Spur führt auch zu Clans, aber nicht ausschließlich.
  • Durchsuchungen nach Brandanschlag in Neukölln: Am vergangenen Mittwoch durchsuchten Mitarbeiter des Ordnungsamts, Polizisten und Spezialisten für Schwarzarbeit vier Lokale und ein Friseurgeschäft in Neukölln. Dabei wurden insgesamt 26 Gesetzesverstöße festgestellt. Die heißeste Spur führt zur organisierten Kriminalität. Nirgendwo in Berlin ist der Verfolgungsdruck derzeit höher.
  • Verhaftung von Arafat Abou-Chaker: Am 15. Januar wurde einer der bekanntesten Berliner Clan-Chefs im Amtsgericht Tiergarten verhaftet. Dabei soll es offenbar um eine möglicherweise geplante Entführung von Familienmitgliedern des Rappers Bushido gehen. Abou-Chaker, der ehemalige Geschäftspartner des Rappers, sei dringend der Verabredung zu einem Verbrechen verdächtig, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Wenige Tage später wurde auch Abou-Chakers Bruder in Dänermark verhaftet.

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