Pflege

Berliner Praktiker warnen: „Der Notstand ist bereits da“

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Joachim Fahrun
Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD)

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD)

Foto: Maurizio Gambarini

Nach Prognosen des Senats werden bis 2030 rund 8000 Pflegekräfte in der Hauptstadt fehlen. Dilek Kolat plant ein Stipendienprogramm.

Berlin.  Bei Vivantes kämpfen sie schon länger gegen den Pflegenotstand. Der kommunale Klinikkonzern verdoppelt seine Kapazitäten für angehende Kranken- und Altenpfleger von derzeit 800 bis zum Jahr 2023 auf fast 1600. An der Reinickendorfer Waldstraße wurden jetzt zusätzliche Räume dafür angemietet. Aber der Schwerpunkt beim Krankenhausbetreiber liegt bei der Krankenpflege. Angehende Altenpfleger bildet Vivantes derzeit insgesamt 245 aus. „Aufgrund der demografischen Entwicklung ist es dringend erforderlich, dass wir noch mehr Pflegekräfte ausbilden als bislang“, sagte Corinna Jendges, Geschäftsführerin Personalmanagement bei Vivantes.

Zwar mangelt es nicht an Pflegediensten, rund 600 davon gibt es in Berlin. Und auch in den knapp 300 Pflegeheimen der Stadt sind derzeit nicht alle 33.000 Plätze belegt. Aus Sicht von Christiane Panka, Referentin für ambulante Pflege bei der Parität, ist der Pflegenotstand dennoch bereits da.

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Denn das Problem sind die Menschen, die die harte Arbeit übernehmen sollen. Wenn eine Stelle frei wird, dauere es ein halbes Jahr, bis sie wieder besetzt werde, sagte Panka. Und dann müsse der Arbeitgeber nehmen, wer kommt. Eine Personalauswahl sei also nicht mehr möglich. Wer akut, etwa nach einem Unfall oder einem Krankenhausaufenthalt, Unterstützung benötigt, habe in Berlin Schwierigkeiten, kurzfristig einen Pflegedienst zu finden. In der Single-Hauptstadt Berlin hätten eben viele Menschen keine Angehörigen, die einspringen könnten.

„Wir müssen aufpassen, dass es nicht noch schlimmer kommt“, warnte die Fachfrau, in deren Verband die nicht konfessionell gebundenen gemeinnützigen Anbieter vertreten sind. So gelte es gerade in Berlin, die berufsbegleitende Ausbildung zu erhalten. Die sei durch den derzeit diskutierten Entwurf für das Pflegeberufe-Gesetz gefährdet. Denn in Berlin würden 37 Prozent der Azubis nebenberuflich weitergebildet. Sie arbeiten also als Pflegehelfer und lassen sich daneben zur Fachkraft schulen. Nach den neuen Regeln würde die Hälfte der Ausbildungszeit nicht in der Einrichtung stattfinden, in der die Azubis arbeiten. Das könne schlimme Folgen haben, so die Expertin.

170.000 Pflegebedürftige in Berlin bis 2030

Berlins Gesundheits- und Pflegesenatorin Dilek Kolat (SPD) will den Sprung vom Helfer zur gesuchten Fachkraft mit einem Stipendienprogramm unterstützen. 500 Euro pro Monat sollen Teilnehmer erhalten. Ob das reicht, um den wegfallenden Lohn als Pflegehilfskraft auszugleichen, wird in der Praxis skeptisch gesehen.

Auch die allseits zur Attraktivitätssteigerung des Berufs geforderten höheren Gehälter für Pflegekräfte sehen die Praktiker mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Steigende Kosten müssten die Pflegebedürftigen mit höheren Zuzahlungen selber finanzieren, weil die Pflegeversicherung eben nur einen Teilbetrag übernimmt. So geschah es, als Vivantes im vergangenen November vier Häuser eines privaten Heimbetreibers übernahm. Senatorin Kolat rechtfertigte den Anstieg mit besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen beim Landesbetrieb. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert deshalb einen Steuerfreibetrag für die Menschen, „die direkt am Bett arbeiten“. So würde der Staat einen Teil der Kosten übernehmen.

Die Zeit drängt, der Personalbedarf ist jedenfalls enorm. Das Haus Kolat prognostiziert für Berlin bis 2030 170.000 Pflegebedürftige und geht von einem Bedarf von mehr als 42.000 Heimplätzen aus. 8000 Pflegekräfte würden dann in der Stadt fehlen.

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