Elterntaxis

Verkehrschaos vor Grundschulen: So reagieren die Bezirke

Jeden Morgen kommt es vor Berliner Grundschulen zu Problemen, weil Eltern ihre Kinder bis vor die Tür fahren. Die Bezirke reagieren.

Nicht nur vor der Friedrichshainer Justus-von-Liebig-Grundschule kommt es zu gefährlichen Situationen.

Nicht nur vor der Friedrichshainer Justus-von-Liebig-Grundschule kommt es zu gefährlichen Situationen.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Die beiden Schilder „Stopp! Ab hier laufen wir“ sind an der Kreuzung nicht zu übersehen. Trotzdem fahren an diesem Morgen immer wieder Eltern in die schmale Sackgasse bis vor das Tor der Spandauer Grundschule am Eichenwald, wo sie auf begrenztem Raum wenden müssen. „Wenn es schnell gehen muss, hält sich keiner daran“, sagt Margarete Birk, die gerade ihr Kind zur Schule gebracht hat – zu Fuß. Sie laufen immer einen kleinen Umweg, „damit wir nicht in diese Situation kommen“, sagt sie.

Gemeint ist eine Gefahrenstelle: die erwähnte Kreuzung mit den zwei Schildern. Kinder gehen hier oft über die Straße, weil der Weg auf einer Seite sehr eng ist. Wenn ein Autofahrer in Richtung Schule abbiegen will und gleichzeitig ein anderer von dort kommt, kann es kritisch werden. „Manchmal kommen die Kinder gar nicht über die Straße“, sagt Birk.

Situationen wie diese gibt es jeden Morgen berlinweit. Nun werden die Bezirke aktiv und entwickeln unterschiedliche Konzepten gegen das Problem. So hat die Spandauer SPD-Fraktion einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eingebracht, wonach das Bezirksamt prüfen soll, wie die Sicherheit vor der Grundschule am Eichenwald erhöht werden kann. Vorgeschlagen werden Halteverbote und Fahrbahnmarkierungen. Aktuell herrscht vor der Schule eingeschränktes Halteverbot. „Wenn wir ein absolutes Halteverbot hätten, könnte es für die Eltern auch mal Knöllchen geben“, sagt Jochen Liedtke (SPD), Vorsitzender des Verkehrsausschusses in der BVV.

In Lichtenrade sind auch Bodenschwellen im Gespräch

Sebahat Atli, schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion in Spandau, sagt, es müsse eine Art „Sicherheitserziehung“ geben, in die Eltern, Lehrer und Kinder einbezogen werden. Weil ihre Tochter die Grundschule besucht, kennt sie die Situation aus eigener Erfahrung. „Bis zum Schultor werden die Kinder gefahren“, sagt sie. „Dann muss manövriert werden und man kann nicht sehen, ob ein Kind hinter dem Auto langhuscht.“

Auch an der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Lichtenrade spielen sich jeden Tag chaotische Szenen ab. Der Weg der Kinder dort ist ohnehin gefährlicher geworden, denn die Kreuzung südlich der Schule wird zunehmend stärker befahren. Grund: Die Goltzstraße hat sich zu einer beliebten Ausweichroute für die Bahnhofstraße entwickelt. Auf Antrag der FDP hat die BVV Ende 2018 beschlossen, die Sicherheit an der Kreuzung Goltz-/Rehagener Straße zu erhöhen. Auf der Goltzstraße soll dafür ein sogenanntes Dialog-Display aufgestellt werden. Auf diesem wird Fahrern etwa ein „Danke“ angezeigt, wenn sie mit dem erlaubten Tempo unterwegs und ein „Langsam“, wenn sie zu schnell sind. Reiche dies nicht, seien andere Maßnahmen notwendig – wie Bodenschwellen. Schulleiterin Sandra Grosser sagt, dass es ein Umdenken in den Köpfen geben müsse. „Alle Verkehrsberuhigungen bringen nichts, wenn die Autofahrer sich nicht an die Verkehrsregeln halten.“ An Eltern appelliert sie: „Fahren Sie Ihre Kinder nicht bis vor die Schultür, sondern parken Sie in der Bahnhofstraße und begleiten Sie sie dann zu Fuß.“ Kinder könnten zudem nur zu Fuß lernen, wie man sich im Straßenverkehr verhält.

Das Ordnungsamt von Friedrichshain-Kreuzberg hat im vergangenen Jahr mehrere Schwerpunktkontrollen vor 25 Grundschulen durchgeführt. Ergebnis: 3103 Verkehrsordnungswidrigkeiten wurden angezeigt und 88 Fahrzeuge umgesetzt. Laut Bezirksamt stehen 2019 vor jenen Schulen, die auffällig geworden sind, erneut Aktionen an. Eine ist die Friedrichshainer Justus-von-Liebig-Grundschule. Während Eltern hektisch ihre Kinder aus dem Auto lassen, laufen Schüler zwischen den doppelt geparkten Wagen über die Straße. „Das Chaos vor Schulbeginn spielt sich jeden Morgen ab“, sagt Ulrike Regele, deren Kind in der ersten Klasse ist. „Bei jeder Zusammenkunft der Gesamtelternvertretung wird darüber gesprochen.“ Die Ordnungsamt-Kontrollen haben bei vielen autofahrenden Eltern sichtlich keinen Eindruck hinterlassen. Eine Mutter etwa steuert ihren Mini rasant halb auf den Bürgersteig, sodass zwei Schüler im letzten Moment stehen bleiben müssen.

In Steglitz-Zehlendorf sind die Elterntaxis am Morgen an nahezu allen Schulen ein Problem – so die Einschätzung von Ulrike Kipf, Vorsitzende des Bezirkselternausschusses. Der Bezirk will das ändern und macht sich mit Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) für das Pilotprojekt „Tausendfüßler“ stark. Die Idee dahinter: Die Schulen legen Treffpunkte fest, zu denen die Eltern ihre Kinder zu einer bestimmten Uhrzeit bringen. Von diesem Punkt aus laufen die Kinder dann gemeinsam zur Schule. Aktuell werten die beteiligten Schulen die Befragung der Eltern aus. „Wir planen, im Frühjahr das Projekt mit den beteiligten Schulen, dem Bezirk und der Senatorin vorzustellen und an den Start zu bringen“, sagt Susanne Mertens, schulpolitische Sprecherin der Grünen in Steglitz-Zehlendorf. Das fertige Konzept wird dann auch den anderen Bezirken zur Verfügung stehen.

Um das Verkehrschaos vor einer Charlottenburger Grundschule zu unterbinden, hat Martin Burth, SPD-Bezirksverordneter, einen besonders drastischen Antrag in die BVV von Charlottenburg-Wilmersdorf eingebracht: Im Rahmen eines Pilotprojekts soll vor der Nehring-Grundschule die Nehringstraße zwischen Seeling- und Knobelsdorffstraße einen Monat lang werktags zu gewissen Zeiten für Autos gesperrt werden. Für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bringen oder holen wollen, sollen an den Enden des gesperrten Straßenabschnitts Haltezonen eingerichtet werden – „Kiss and ride“-Plätze. Hier soll nur ein kurzes Ein- und Aussteigen erlaubt sein. Einen Antrag zu solchen „Hol- und Bringzonen“ wurde in Spandau bereits Ende 2018 von der BVV beschlossen. Das Bezirksamt soll nun prüfen, wo diese modellhaft vor einer Grundschule eingerichtet werden können.

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