Verkehrsbetriebe

Das ist die Einkaufsliste der BVG

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Thomas Fülling

Foto: dpa/Montage: BM

Nach jahrelanger Pause will die BVG 1740 neue U-Bahnwagen beschaffen. Doch erst 2023 werden Züge in größerer Zahl erwartet.

Berlin. Mit einer großen Ausgabenoffensive wollen der Senat und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die aktuellen Probleme im öffentlichen Nahverkehr in den Griff bekommen. Dabei geht es nicht allein um einen spürbare Aufstockung der jahrelang geschrumpften Mitarbeiterzahl bei den Verkehrsbetrieben. 1100 neue Mitarbeiter sollen noch in diesem Jahr eingestellt werden. Doch vor allem bei der U-Bahn werden auch moderne Züge gebraucht, um die völlig überalterte und daher immer störanfälligere Fahrzeugflotte zu erneuern.

Doch ein schnelles Ende der Wagenkrise bei der U-Bahn ist nicht in Sicht. Zwar will die BVG insgesamt 1740 neue Wagen beschaffen. Doch in nennenswerter Zahl werden neue Züge erst im Jahr 2023 erwartet, wie aus dem Strategiepapier hervorgeht, das BVG-Chefin Sigrid Nikutta am Dienstagnachmittag bei ihrem Besuch der Fraktionen von SPD und Grünen vorstellte.

Bis dahin werden von der BVG lediglich Lieferungen zwischen 32 (2019) und 76 Wagen (2022) erwartet (siehe Grafik). Nach Ansicht von Experten reicht das bestenfalls aus, um laufende Abgänge aus der im Durchschnitt rund 30 Jahre alten U-Bahnflotte auszugleichen.

Landesregierung will mehr neue U-Bahnwagen bestellen

Eigentlich wollte die BVG schon im Vorjahr einen Großauftrag zur Beschaffung neuer U-Bahnwagen vergeben. Doch das 2017 gestartete europaweite Vergabeverfahren zieht sich hin. Ein Grund: Im Vorjahr, also mitten im laufenden Verfahren, wurde das Auftragsvolumen noch einmal erhöht – von anfangs 1050 auf nunmehr 1500 Wagen.

Der rot-rot-grüne Senat begründet dies mit dem deutlich höheren Ersatzbedarf, aber auch mit seinen Plänen zur Ausweitung des Nahverkehrsangebots in der Stadt. Das hatte allerdings Folgen. Weil Senat und BVG auch mehr Fahrzeuge zu Beginn der Serienfertigung haben wollen, mussten die beteiligten Bieter ihre Angebot noch einmal grundlegend überarbeiten. Abgabefrist ist nun Anfang Februar. „Faktisch nicht zu schaffen“, so ein Vertreter eines der beteiligten Unternehmen.

Benötigen die Hersteller jedoch mehr Zeit für ihr Angebot, gerät der Plan der BVG ins Wackeln, den Auftrag mit einem Finanzvolumen von fast vier Milliarden Euro noch im April zu erteilen. Wirtschaftssenatorin und BVG-Aufsichtratschefin Ramona Pop (Grüne) sprach jüngst sogar davon, bei einer Sondersitzung des Kontrollgremiums im März die Bestellung auszulösen.

Pop steht im Wort: Sie hatte angekündigt, dass die ersten neuen U-Bahnen ab 2021 in Berlin fahren. Ein überaus ambitioniertes Ziel. Sagen doch die Hersteller, dass sie für die Entwicklung, Erprobung und Zulassung neuer Fahrzeuge mindestens 36 Monate benötigen. Danach sind die ersten neuen Züge wohl erst 2022 zu erwarten.

Nur acht neue U-Bahnwagen zwischen 2008 und 2016

Und es gibt ein weiteres Zeitrisiko. Denn einer der drei Bieter ist die französische Firma Alstom. Deutschlandchef von Alstom ist seit September 2017 Jörg Nikutta – ein Bruder der BVG-Vorstandsvorsitzenden Sigrid Nikutta. Nikutta selbst versichert, im Vergabeverfahren in keiner Phase beteiligt zu sein. „Damit ist ein Vorstandskollege beauftragt. Ich gehe immer raus, sobald es um den U-Bahnauftrag geht.“

Dennoch dürfte sicher sein: Sollte Alstom den Zuschlag bekommen, wird es Rügen und möglicherweise Klagen der unterlegenen Bieter geben. Beides kann die Auftragsvergabe um Monate, wenn nicht sogar Jahre weiter verzögern.

Es rächt sich nun, dass die BVG ein Jahrzehnt lang keine neuen U-Bahnwagen beschafft hat. So haben die Verkehrsbetriebe zwischen 2008 und 2016 lediglich acht neue U-Bahnwagen erhalten. Dabei handelte es sich um die Prototypen der IK-Serie. Der Auftrag für die Serie war 2012 im Ergebnis einer europaweiten Ausschreibung an den deutschen Ableger des Schweizer Schienenfahrzeugherstellers Stadler gegangen, sah aber zunächst nur den Bau von zwei Vorserienzügen vor.

BVG muss immer mehr Wagen wegen Sicherheitsmängeln aus dem Verkehr ziehen

Mit Blick auf die bevorstehende internationale Gartenschau in Marzahn bewilligte der BVG-Aufsichtsrat, in dem die Vertreter des Landes das Sagen haben, im Juli 2015 schließlich Geld für den Kauf von elf weiteren Vier-Wagen-Einheiten der IK-Baureihe. Das Besondere: Die eigentlich für die durch schmale Tunnel gekennzeichneten Linien (U1 bis U4) konzipierten Züge wurde technisch so ausgestattet, dass sie auch im Großprofilnetz fahren können.

Die nur 2,40 Meter breiten Wagen erhielten unter anderem eine „Spaltüberbrückung“, damit niemand in der Lücke zwischen Bahnsteigkante und Wagentür stecken bleibt. Die Züge der IK17-Serie werden seit Juli 2017 ausgeliefert und kommen auf der U5 zum Einsatz. Erst seit 2018 werden von Stadler die für die Kleinprofillinien vorgesehenen Züge gebaut (Serie IK18): Im Vorjahr wurden 14 Vier-Wagen-Einheiten geliefert, in diesem Jahr werden acht Züge erwartet.

Weil die Ausfälle bei der U-Bahn immer größer wurden, bekam die BVG im Herbst 2017 vom Aufsichtsrat grünes Licht für die Beschaffung von weiteren 80 Wagen bei Stadler. Weil der mit fast 200 Millionen Euro bezifferte Auftrag ohne Ausschreibung erfolgte, rief das den Konkurrenten Siemens auf den Plan. Der klagte dagegen. Erst nach einem Dreivierteljahr gab es einen Kompromiss, der die Ersatzlieferung auf 56 Wagen begrenzte.

Weil die Verkehrsbetriebe inzwischen immer mehr Wagen der Altbaureihe F79 (Baujahr 1979) wegen sicherheitsrelevanter Mängel aus dem Verkehr ziehen müssen, geht BVG-Chefin Nikutta davon aus, dass der Auftrag auf die ursprünglich geplante Gesamtzahl von 80 Wagen erhöht werden muss. Die Auslieferung der Fahrzeuge soll 2020 beginnen und bis Mitte 2021 dauern.

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