Grüne Woche

Gemeinsam kochen, gemeinsam essen bei den Finnen

Im Finnland Zentrum wird jede Woche landestypisches Essen geboten. Ein Besuch anlässlich der Grünen Woche

Raija Pannwiz-Kallioniemi, Chefin des Finnland-zentrums (Bildmitte - mit finnischer Flagge) Finnland in Gastland auf der Grünen Woche 2019 - Besuch bei den Frauen vom Finnland-Zentrum in Kreuzberg

Raija Pannwiz-Kallioniemi, Chefin des Finnland-zentrums (Bildmitte - mit finnischer Flagge) Finnland in Gastland auf der Grünen Woche 2019 - Besuch bei den Frauen vom Finnland-Zentrum in Kreuzberg

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Eines will Raija Pannwiz-Kallioniemi gleich ansprechen, kaum dass das Händeschütteln abgeschlossen ist: Aufs Bild müssen sie alle. Sieben Frauen mit Kochschürzen, die Hände bemehlt oder feucht vom Gemüseschneiden. „Dass nur eine von uns fotografiert wird, das geht nicht“, sagt Pannwiz-Kallioniemi freundlich, aber äußerst bestimmt.

Es hat wohl mit Talkoot zu tun, dem finnischen Brauch, durch Gemeinschaftsarbeit bestimmte Dinge zu erledigen. Im Berliner Finnland-Zentrum an der Kreuzberger Schleiermacherstraße verströmt das Ergebnis des dienstäglichen Einsatzes von Raija Pannwiz-Kallioniemi, Vorsitzende des Zentrums, und ihrer Mitstreiterinnen bereits seine Düfte. Gerade holt Maija Jalass ein Blech Piroggen aus dem Backofen und schiebt Korvapuusti, finnische Zimtschnecken, hinein.

Landestypische Spezialitäten, wie sie so in Berlin kaum zu bekommen sind – außer in diesen Tagen auf der Grünen Woche: Finnland ist 2019 Partnerland der Lebensmittelschau in den Messehallen am Funkturm. Mehr als 80 Unternehmen und sechs Regionen des skandinavischen Landes stellen in Halle 10.2 ihre Produkte vor. Unter dem Motto „Aus der Wildnis“ stehen Getreideprodukte und Fisch im Mittelpunkt. Präsentiert wird aber auch Leckeres zum Essen und Trinken aus Beeren, Süßigkeiten etwa mit Lakritz, Speiseeis oder Exotisches wie Chips aus Rentierfleisch. Sich überraschen lassen und probieren kann man aber auch in der City West. Denn das KaDeWe hat anlässlich der Grünen Woche Finnland-Wochen, auch hier gibt es landestypische Spezialitäten – bis 2. Februar in der Feinschmecker-Etage.

Tausend Piroggen werdengefüllt und gefaltet

Ums Essen geht es beim Talkoot im Finnland-Zentrum gleich doppelt, wenn das gemeinsam Gekochte auch zusammen verspeist wird. „Früher, als wir alle noch in Finnland lebten, war es auf dem Land normal, beim Hausbau zu helfen oder bei der Heuernte“, erzählt Oili Much. Gemeinsam zu essen, habe traditionell dazugehört. „Jetzt sind wir alle Rentnerinnen, und wir kochen und backen gern“, so die 71-Jährige. Also treffen sich die Finninnen, die fast alle seit Jahrzehnten in Berlin leben, jeden Dienstag im Gemeindezentrum der Passionskirche. Dort hat sich neben dem 1985 gegründeten Finnland-Zentrum auch die Finnische Sprachschule eingemietet, im Gotteshaus nebenan hält die finnische Gemeinde ihre Gottesdienste ab.

Wie präsent der finnische Gemeinsinn an diesem großen Tisch ist, zwischen Kochzeile, Bibliothek und dem Aufgang zu den Räumen für Familienklub oder Nähkreis, für Literaturveranstaltungen oder die finnische Gemeindesauna, das ist unüberhörbar. Gerade weil nichts zu hören ist: Zwar reißt das lebhafte Geplauder nicht ab, Absprachen über die Arbeitsverteilung dagegen braucht es nicht. Dass die Jüngste im Kreis, Anneli Adam (69), die letzten Zimtschnecken formt, Marja Silvennoinen die Piroggen-Spezialistin ist und Maija Jalass, ehemals Pastorin der finnischen Gemeinde, den großen Topf mit Arjen jauhelihakeitto, einer Alltags-Hackfleischsuppe mit Steckrüben, beaufsichtigt, funktioniert ohne Worte. Alle fassen mit an. Eine Stunde noch, dann kommen Mitglieder und Freunde des Finnland-Zentrums zum Mittagessen, gegen kleines Geld sind auch Gäste willkommen.

Grundsätzlich seien die Unterschiede zwischen der deutschen und der finnischen Küche nicht riesig, findet Marja Silvennoinen. Der Teufel stecke aber im Detail. Das Roggenmehl für die karelischen Piroggen etwa, die mit einem Gemisch aus Butter und hartem Ei genossen werden, muss gröber gemahlen sein als hier üblich und Schrot enthalten. Auch auf der Grünen Woche bilden Finnlands Getreideprodukte einen Schwerpunkt. Insbesondere finnischer Hafer gilt wegen seiner Eigenschaften als Exportschlager. Das Piroggen-Mehl lassen die Finninnen im Schöneberger „Mehlstübchen“ mahlen: „Wir haben extra eine Probe hingebracht“, erzählt Mirja Naunin. „Da sind wir in gewisser Weise stolz, dass man bei uns echte Piroggen bekommt.“ Den ganzen Herbst wurden die reisgefüllten Teigtaschen gefaltet, tausend Stück gingen beim nicht nur unter Finnen beliebten Weihnachtsbasar im Finnland-Zentrum weg.

Beeren aus den Wäldern in allerlei Produkten

Auch bei anderen Produkten müssen Einwanderer aus dem hohen Norden findig sein. Finnisches Malzbier zum Beispiel stellten die Frauen vom Finnland-Zen­trum einst selbst her. Vom Milchprodukt Viili, etwas milder als unser Joghurt, brachte sich Oili Much früher einen Becher aus der Heimat mit und nutzte den Inhalt als Startkultur für Nachschub. Lange Zeit war auch der Bezug von Steckrüben ein Problem, für die Finnen das Wintergemüse überhaupt. Erst jüngst ist die früher als Arme-Leute- und Kriegsessen geschmähte Knolle wieder in deutschen Küchen, auch bei Sterneköchen, und auf den Märkten präsent.

Preiselbeeren gibt es frisch ebenfalls nicht zu kaufen. „Bei uns wachsen Beeren und Pilze überall im Wald“, schwärmt Pirkko Riekkinen, mit 79 Jahren die Älteste in der Runde. Nach Kreuzberg, wo Preiselbeeren an diesem Tag im Quark zum Nachtisch gereicht werden, mussten die Früchte importiert werden. An den finnischen Ständen der Grünen Woche immerhin gibt es Heidel-, Preisel- und die arktischen Moltebeeren verarbeitet in allerlei Produkten wie Spirituosen, Marmeladen, Soßen oder Sirups.

Natürlich will auch das Kochteam aus dem finnischen Zentrum die Aussteller aus der Heimat in den Messehallen besuchen. „Wenn wir es schaffen, am liebsten zusammen“, sagt Marja Silvennoinen. Na klar. Gemeinsinn eben.

Finnen in Berlin

Ende 2017 lebten in Berlin 4645 finnische Staatsbürger. In ganz Deutschland sind es rund 13.000. Gerade auf Kreative übt die Hauptstadt eine große Anziehungskraft aus. Helsinki unterhält mit Berlin eine Städtepartnerschaft.

Finnische Kultur und Lebensart findet man nicht nur im Finnland-Zentrum in Kreuzberg (finnlandzentrum.de), sondern auch im Finnland-Institut an der Friedrichstraße (finnland-institut.de), in der Galerie Pleiku in Prenzlauer Berg oder im Weddinger Kunstraum toolbox (galerietoolbox.com). Auf dem Müggelsee liegt ein finnisches Saunafloß (finnfloat.de). Lokale: unter anderem „Savu“ am Kudamm, „Populus Café“ in Neukölln, „Voima Bar“ in Schöneberg.

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