Leben in der Hauptstadt

Berlin gibt sich jung – aber hier leben immer mehr Ältere

19,2 Prozent der Berliner sind älter als 65 Jahre - Tendenz steigend. Der Mieterverband spricht von einer „hochexplosiven Mischung“.

Ein Rentnerpaar sitzt auf einer Bank vor dem Reichstag (Archivbild)

Ein Rentnerpaar sitzt auf einer Bank vor dem Reichstag (Archivbild)

Foto: Stephan Scheuer / dpa

Berlin gilt als Magnet für die Jungen und Flexiblen. Aber das Image täuscht – vor allem, wenn man sich außerhalb des S-Bahn-Rings umschaut. Berlin altert. Laut Landesamt für Statistik sind 19,2 Prozent der Berliner älter als 65 Jahre. Tendenz steigend. Besonders in den Randgebieten der Stadt liegt der Anteil der Senioren höher als im bundesweiten Schnitt. In Steglitz-Zehlendorf etwa sind es rund 25 Prozent.

Dennoch ist laut dem bundesweiten Träger der gesetzlichen Rentenversicherungen DRV die Zahl derjenigen, die in Berlin gesetzliche Renten beziehen, leicht gefallen. Von 921.161 Ende 2015 auf 920.334 zum Stichtag 31. Dezember 2017.

Unterschiedliche Renten in Ost und West

Während die Renten im Osten der Stadt mit durchschnittlich 1128 Euro netto höher sind als im bundesweiten Schnitt von 916 Euro, erhielten die West-Berliner Ende 2017 mit 902 Euro deutlich weniger. In Berlin dürften sich daher viele für den Vorstoß des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil interessieren. Wie viele Berliner von seiner Grundrente profitieren würden, ist allerdings unklar.

Weder die Sozialsenatsverwaltung noch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales können dazu Auskunft erteilen. Dort heißt es: Da es keinen offiziellen Gesetzesvorschlag des Ministers gebe, könne man keine Angaben zur konkreten Ausgestaltung machen. Man befinde sich im Dialog mit Kommunen und Bundesländern.

Paritätischer Wohlfahrtsverband fordert Grundrente

Die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, Ga­briele Schlimper, hält Heils Grundrente grundsätzlich für ein positives Signal. Politik müsse die Lebensleistung des Einzelnen anerkennen. „Insgesamt ist das aber eine Heftpflaster-Politik“, sagt Schlimper. Sie fordert die Einführung der Bürgerrente – also die Abschaffung des dualen Systems von privaten und gesetzlichen Versicherungen, wie es die SPD im Wahlkampf 2017 versprochen hatte.

Schlimper, deren Verband rund 760 gemeinnützige Organisationen vertritt, warnt gerade vor den Folgen von Altersarmut in Berlin. Als Bundesland, das jahrelang die meisten Langzeitarbeitslosen in Deutschland hatte und in dem viele Geringverdiener leben, sei hier die Gefahr von Altersarmut besonders hoch. Besonders deutlich könne man das in medizinischen Versorgungszentren der Hilfsorganisationen beobachten. Dort suchten neben Wohnungslosen immer mehr Rentner Unterstützung, könnten sich Medikamente nicht mehr leisten. Ein großes Risiko laut Schlimper: „Altersarmut führt oft zu Isolation, die Menschen schämen sich – und das führt dann zu seelischer Armut.“

Man brauche eine grundsätzliche Rentenreform, um ein Rentenniveau für alle über 60 Prozent sicherzustellen. Als Vorbild nennt Schlimper unter anderem Österreich. Dort zahlen Selbstständige, Beamte und Arbeitslose in ein einheitliches Versicherungssystem ein. Allerdings kritisieren Experten, das österreichische Modell werde mit zunehmendem Alter der Bevölkerung auf lange Sicht zu teuer.

Steigende Mieten werden zum Problem

Auch steigende Mietpreise werden für viele Rentner in Berlin zum Problem. Denn während sich bundesweit etwa 35 Prozent der Bevölkerung mit Immobilien für das Alter absichern, gelingt das nur 15 Prozent der Berliner.

Reiner Wild vom Berliner Mieterverein spricht von einer „höchstexplosiven Mischung“. Die durchschnittliche Mieterhöhung habe in den vergangenen drei Jahren 15 Prozent betragen. „In unseren Beratungszentren spielen sich dramatische Szenen ab“, sagt Wild. Viele Senioren hätten Angst, ihre Wohnungen zu verlieren.

Nach einer im Frühjahr vorgestellten Studie des Pestel-Instituts werden 35 bis 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die jetzt zwischen 45 und 55 Jahre alt sind, mit weniger als 800 Euro pro Monat in Rente gehen. Auftraggeber der Studie war das „Verbändebündnis Wohneigentum“. Ein weiteres Ergebnis: Künftig müssten deutlich mehr Berliner Rentner ihren Lebensstandard stark absenken oder ins preiswertere Umland ziehen – oder sogar in Altersarmut abrutschen.

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