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Medizin

Das hat der neue Chef Heyo Kroemer mit der Charité vor

Heyo Kroemer, der designierte Vorstandsvorsitzende der Charité, denkt über eine Arbeitsteilung mit Vivantes nach.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD, l.) mit dem bisherigen Charité-Chef Karl Max Einhäupl (r.) und Nachfolger Heyo Kroemer.

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

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Berlin. Seine bislang aufregendste Erfahrung in Berlin machte Heyo Klaus Kroemer in der Nacht des Mauerfalls. Zufällig war er aus Stuttgart zu Besuch, als der junge Pharmakologe in den Strudel der Weltgeschichte geriet. Mit BVG-Bussen, die nach der Schicht Ost-Berliner an den Übergängen einluden, rollte er in jener Nacht kreuz und quer durch die Stadt.

„Das war für mich eine sehr eindringliche Verbindung zu Berlin“, sagte der gebürtige Ostfriese Kroemer am Mittwoch, als der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) den Chef des Göttinger Universitätsklinikums offiziell als neuen Vorstandsvorsitzenden der Charité vorstellte.

Im September wird der 58-Jährige die Nachfolge von Karl Max Einhäupl (72) antreten, der nach elf Jahren an der Spitze des größten deutschen Uniklinikums mit 17.000 Mitarbeitern den Vorstandsposten abgibt. „Es ist wichtig, dass es in solchen Organisationen nach gewisser Zeit einen Wechsel gibt, das bringt neue Ideen, neue Impulse und neue Netzwerke“, kommentierte der scheidende Charité-Chef.

Kroemer offen, Strukturfragen neu zu denken

Im Einzelnen wollte sich Kroemer noch nicht zu seinen Plänen für die Charité äußern. Einige seiner Aussagen lassen aber eine Offenheit erkennen, auch in Strukturfragen neu zu denken. Vor allem eine weitergehende Arbeitsteilung zwischen den landeseigenen Krankenhauskonzernen Charité und Vivantes scheint unter seiner Regie möglich.

Schon länger monieren Gesundheitspolitiker, dass die hoch spezialisierte Charité sich zu sehr auch um die einfachen Fälle kümmert und eigentlich mit ihren 3000 Betten zu groß sei. Die Charité kümmert sich eben nicht nur um die schwierigen Fälle, die in eine Universitätsklinik gehören, sondern auch um normale Blinddarm-Operationen. Man könne diskutieren, wie man die Leistungen der Gesundheitsversorgung anbieten könne, sagte Kroemer. Man müsse „grundsätzlich darüber nachdenken, wie man die Einrichtungen optimal miteinander abstimmt“. Entsprechende Überlegungen gebe es auch in der Landesregierung, so der Professor.

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Der Regierende Bürgermeister und Charité-Aufsichtsratsvorsitzende Müller bestätigte das und nannte als Beispiel für eine Arbeitsteilung die Herzmedizin. Nach der Übernahme des Deutschen Herzzentrums durch die Charité sei es wichtig gewesen, dass auch Vivantes als Partner aufgenommen worden sei, sagte Müller.

Kritik an der Finanzierung von Universitätsmedizin

Aber der erfahrene Wissenschaftsmanager Kroemer weiß auch, dass im Gesundheitswesen und in der Forschungspolitik nichts einfach ist. Beide bestimmen aber das Schicksal seines künftigen Arbeitgebers. Denn die Charité ist wie die anderen Universitätskliniken in Deutschland auch gezwungen, mit medizinischer Massenware Geld zu erwirtschaften. Denn die Krankenkassen vergüten die Kliniken seit einigen Jahren nicht mehr nach ihrem realen Aufwand, sondern nach Fallpauschalen. Für spezialisierte Behandlungen zum Beispiel seltener Krankheiten gibt das System zu wenig her.

Man müsse bei einer Kooperation mit Vivantes auch „die Wettbewerbssituation im Blick behalten“, schränkte der künftige Charité-Chef ein. Das heißt: Die Uniklinik kann es sich nicht leisten, die einträglichen einfachen Fälle einfach der Konkurrenz zu überlassen.

Um das zu ändern, müssten die Universitätskliniken in Deutschland anders finanziert werden, sagte Kroemer. Die Fallpauschalen seien für Unikliniken „nicht geeignet“. Wenn das noch zehn Jahre so weitergehe in Deutschland, sieht er Probleme: „Die Bundesregierung behandelt Universitätskliniken wie jedes Kreiskrankenhaus.“

Forschungsergebnisse schneller ans Krankenbett

Dabei stelle gerade der Zusammenhang zwischen Forschung und Patientenversorgung die große Stärke der Charité dar. Das vom Bund finanziell unterstützte und nun unter dem Dach der Charité angesiedelte Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) biete die einmalige Gelegenheit, Ergebnisse aus der Wissenschaft schnell ans Krankenbett zu bringen.

„Die Berliner Bürger sollen im Krankheitsfall einen unmittelbaren Vorteil haben von der Charité“, gab Kroemer als Devise aus. Er gestand aber auch, sich als Chef der Göttinger Uniklinik geärgert zu haben, als der Bund das Leuchtturmprojekt BIG nach Berlin vergeben habe.

Für die Forschung seien heutzutage Kooperationen immer wichtiger. Man benötige eine „riesige technische Infrastruktur, die man immer up to date halten“ müsse. Das sei nur mit Partnern zu leisten. Die Gesellschaft müsse sich generell überlegen, wie sie mit den rasanten, aber in der Anwendung sehr kostenintensiven Fortschritten in der Medizin umgehen wolle.

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