Gastbeitrag

Berlin darf sich nicht mehr abschotten

Ephraim Gothe, Baustadtrat von Mitte, fordert, dass Berlin mehr mit Brandenburg zusammenarbeiten muss, um eine Metropole zu werden.

Ephraim Gothe, Baustadtrat von Berlin-Mitte

Ephraim Gothe, Baustadtrat von Berlin-Mitte

Berlin. Die Entwicklung Berlins wird in den nächsten Jahrzehnten durch zwei Megatrends geprägt: durch Zuwanderung und durch Digitalisierung. Beide Entwicklungen durchdringen alle politischen Handlungsfelder der Großstadt. Werden sie richtig genutzt und in den Dienst gemeinwohlorientierter Ziele gestellt, kann eine Spreemetropole entstehen, gemacht von Menschen für Menschen, solidarisch, frei, inklusiv und nachhaltig.

Keine Spreemetropole ohne Brandenburg

Doch ohne Brandenburg wird Berlin dies nicht erreichen. Die beiden Bundesländer müssen eine Strategie für die gemeinsame Hauptstadtregion forcieren. Der politische Gestaltungswille der beiden Landesregierungen wie auch der beiden Landesparlamente ist notwendig, um über das bürokratische Verwalten gemeinsamer Belange hinaus die Wohnungs-, die Verkehrs- und die Grünfrage wirksam zu beantworten.

Seit 2011 wachsen Berlin und das Umland in Brandenburg. Mit etwa 60.000 Menschen pro Jahr ist die Spreemetropole auf aktuell 4,5 Millionen Einwohner gewachsen. In wenigen Jahren wird jeder zweite Brandenburger im Berliner Speckgürtel leben, hierbei steigt der Anteil der Auswanderer aus Berlin ins Umland um 10.000 Menschen pro Jahr. Berlin und Brandenburg sind in jeder Kategorie zu einem Raum verflochten, außer in politischer Hinsicht. Die politischen Klassen beider Länder schotten sich bislang hermetisch voneinander ab, Diskurse zur gemeinsamen Region finden viel zu wenige statt.

Die Lösung der Berliner Wohnungs-, Verkehrs- und Grünfragen wird nur durch gemeinsame stadtregionale Strategien möglich sein, die weit über die Berliner Landesgrenze hinausreichen. Die Entleerung der metropol­fernen Landstriche wird Brandenburg nur aufhalten können, wenn die Berliner Wachstumsimpulse weit bis in die brandenburgischen Mittelzentren hineingeführt werden.

Die soziale Frage wird mehr und mehr zur Frage der Stadtentwicklung. Der erhebliche Zuzug seit 2011 fällt mit der Renaissance der Innenstädte als Wohnort zusammen. Nicht nur der Kauf, auch das Anmieten einer Wohnung innerhalb des Berliner S-Bahnrings wird zu einer Frage des Geldbeutels. Aber in Berlin gibt es einen gesellschaftlichen Konsens zu sozial gemischten Quartieren. Das politische Bekenntnis dazu ist Voraussetzung für den sozialen Frieden. Die weiter rasant steigenden Angebotsmieten können nur durch eine kräftige Ausweitung des Wohnungsangebotes gebremst werden. Dass hierbei die Zielmarke Berlins von 400.000 Wohnungen in städtischer Hand in immer weitere Ferne rückt, ist deshalb ein Alarmzeichen.

Eine stadtregionale Antwort zur Lösung der Wohnungsfrage ist die Einbeziehung des Berliner Umlands als Teil eines gemeinsamen Wohnungsmarktes. Ein streng am Schienensystem ausgerichteter Städtebau erlaubt per­spektivisch eine behutsame Nachverdichtung um 100.000 Wohnungen im Berliner Umland. Der Neustart des kommunalen Wohnungsneubaus und einer Wohnungsbauförderung ist eingeleitet.

Die Entwicklung neuer Projekte und Quartiere samt sozialer Infrastruktur mit vorbildlicher architektonischer und städtebaulicher Qualität sowie die konsequente Durchsetzung von einem Drittel geförderter Sozialwohnungen bleiben für Jahrzehnte eine erstrangige politische Aufgabe. Wir werden in Berlin nie wieder aufhören zu bauen. Doch viele umstrittene Bauprojekte in Berlin zeigen, wie entscheidend der Dialog zwischen Politik und Zivilgesellschaft ist, um die Qualität und Akzeptanz von Entscheidungen zu erhöhen. Darüber hinaus ist in den letzten 15 Jahren durch zahlreiche Initiativen ein kreatives Potenzial in der Stadt entstanden, mit dem ideenreiche Wege in der Projektentwicklung eingeschlagen werden können, wie jetzt am Haus der Statistik.

Die Verkehrsbedürfnisse in der wachsenden Metropole nehmen zu. Der Autoverkehr mit seiner Luftverschmutzung, Lärmbelästigung und seinem Flächenverbrauch beeinträchtigt die Lebensqualität in erheblichem Maß. Eine neue Mobilitätskultur, die dem öffentlichen Personennahverkehr, dem Fahrrad- und Fußverkehr und Sharing-Modellen den Vorrang einräumt, ist überfällig. Wenn es gelingt, das Auto als Verkehrsmittel für den Individualverkehr weitgehend überflüssig zu machen, hilft das dem kleinteiligen Wirtschaftsverkehr, der auf das Auto angewiesen ist. Die bessere Vernetzung zwischen Berlin und Brandenburg erfordert aber auch den entschlossenen Ausbau der Schieneninfrastruktur über die Landesgrenze und die Bestellung weiteren Regionalverkehrs.

Berlin ist beliebt wegen seiner hochurbanen Qualitäten, die durch kleinteilig gemischte Hausstrukturen, unterscheidbare Quartiere und historische Brüche geprägt sind. Diesen gebauten Schatz weiter zu entwickeln, wird in der Phase ungewohnten Wachstums bedeutende öffentliche Aufgabe. Gut gestaltete Straßen, Plätze, Parks und Gewässer sind nahezu ebenso wichtig wie qualitativ gute Wohnungen. Der öffentliche Raum ist der gemeinsame Lebensraum der Stadtgesellschaft.

Acht Regionalparks als Antwort auf die dichte Stadt

Eine Antwort auf die sich verdichtende innere Stadt, die nur mit Brandenburg verwirklicht werden kann, ist die Schaffung acht großer Regionalparks im Verflechtungsbereich zwischen Berlin und Umland. Ein Grünfächer rund um die Stadt. Sie bergen ein erhebliches Potenzial für Naherholung, Wochenendtourismus und erlebbare Landwirtschaft. Die acht Regionalparks wären ein Bekenntnis der beiden Bundesländer zur gemeinsamen Metropole. 2020 feiern wir das 100-jährige Bestehen der Einheitsgemeinde Groß-Berlin – der Stadt, wie wir sie heute kennen. Es wäre ein angemessenes Geschenk, der baulichen Ausdehnung der Stadt durch die Parks eine wirksame Struktur der Freiflächen entgegenzusetzen.

Alle Teile der Serie zur Stadtentwicklung in Berlin lesen Sie HIER.

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