Wirtschaft

Mehrheit der Berliner Firmen ohne Vorbereitung auf Brexit

Umfrage: Viele kleine Unternehmen haben noch keine Notfallpläne erarbeitet. Das bedroht nicht nur Lieferketten.

Blick auf Berlin: Auch Firmen in der deutschen Hauptstadt müssen sich auf den Brexit vorbereiten (Archivbild)

Blick auf Berlin: Auch Firmen in der deutschen Hauptstadt müssen sich auf den Brexit vorbereiten (Archivbild)

Berlin.  Ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union träfe die Berliner Wirtschaft unvorbereitet. Das geht aus einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin unter 200 Mitgliedsunternehmen hervor. Demnach haben 64 Prozent der befragten Firmen noch keine Vorkehrungen getroffen, sollte Großbritannien ohne Vertrag und ohne Übergangs- und Anschlusslösung aus dem europäischen Staatenbund ausscheiden. In London will das Parlament am Dienstagabend entscheiden, ob es den Deal, den Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union ausgehandelt hat, annimmt.

„Niemand weiß, worauf er sich einstellen soll, die notwendigen Anpassungen in den Betriebsabläufen sind schwer vorzubereiten. Es ist ein Stochern im Nebel. Die Gefahr steigt zunehmend, dass Unternehmen völlig unvorbereitet auf einen harten Brexit zusteuern“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. Laut der Kammer haben in Berlin vor allem große Unternehmen Notfallpläne erarbeitet, kleineren Firmen hingegen fehlten die Kapazitäten dafür. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen bislang keine Erfahrungen im außereuropäischen Handel haben. 42 Prozent der Firmenlenker gaben an, Geschäftsaktivitäten ausschließlich innerhalb der EU zu unterhalten. Für kleine Betriebe wäre deswegen vor allem die Zollabfertigung eine Herausforderung, sollten die Briten ohne Deal aus der EU austreten.

Die IHK geht alleine in Berlin von rund 500.000 Zollpapieren aus, die pro Jahr zusätzlich ausgestellt werden müssten. Längere Wartezeiten an den Grenzen könnten zudem Auswirkungen auf die Transportzeiten haben. Damit rechnen auch einige Unternehmen. Mehr als 120 Firmen aus Berlin haben derzeit Niederlassungen in Großbritannien, darunter auch der Reinickendorfer Tiefkühlpizza-Hersteller Freiberger, der seit 2003 in einem Werk in Manchester produziert. Viele Zutaten für die Teiglinge bekommt die Pizza-Fabrik vom europäischen Festland.

Ein harter Brexit könnte die Einfuhrkontrollen die Lieferungen erschweren, so die Freiberger-Geschäftsführung. Möglicherweise drohen auch Personalprobleme, sollten EU-Bürger nicht weiter in England arbeiten dürfen. Auch das BMW-Motorradwerk in Spandau und der Triebwerke-Hersteller Rolls-Royce im brandenburgischen Dahlewitz haben ihre Lieferketten unter die Lupe genommen. „Wir tun alles, um die Auswirkungen auf die Kunden und das ganze Unternehmen zu minimieren“, sagte ein Rolls-Royce-Sprecher.

Großbritannien ist einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Berlins

Für die Berliner Wirtschaft steht einiges auf dem Spiel: Das Vereinigte Königreich zählt zu den größten Wirtschaftspartnern der deutschen Hauptstadt mit einem Handelsvolumen von fast 1,2 Milliarden Euro. Die Brexit-Angst hatte laut Beobachtern die Geschäfte zuletzt aber bereits ein wenig eingetrübt. „Ein ungeregelter Brexit wäre aus Sicht der Wirtschaft ein ganz schlechtes Signal für die weitere wirtschaftliche Entwicklung“, erklärte auch Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB).

Der Standort Berlin könnte allerdings auch von einem EU-Austritt Großbritanniens profitieren. Erste Finanz-Start-ups aus London wie der N26-Konkurrent Revolut haben bereits Standorte in der Stadt eröffnet. Immobilienmakler berichten zudem von einer erhöhten Nachfrage britischer Firmen nach Büroflächen. „Für die in Großbritannien niedergelassenen internationalen Unternehmen und Start-ups, die eine Standortverlagerung in den verbleibenden EU-Binnenmarkt in Erwägung ziehen, übt Berlin natürlich Anziehungskraft aus“, sagte IHK-Chef Eder. Damit Berlin im Wettbewerb mit anderen europäischen Standorten die Nase vorn habe, müsse der Senat die besten Rahmenbedingungen schaffen, forderte er.

Kurzfristig könnte Berlin Gewinner und London Verlierer sein, erklärte auch der Vorsitzende des Start-up-Verbands, Florian Nöll. Zunächst werde weniger Wagniskapital nach England fließen, dafür mehr nach Berlin. Langfristig drohe der europäische Start-up-Standort gegenüber den USA und China aber an Boden zu verlieren. „Auch wenn wir die exakten Konsequenzen nicht vorhersagen können, der Brexit schwächt das europäische Start-up-Ökosystem“, so Nöll.