30 Jahre Mauerfall

Das "weiße Haus" war ein Fluchtpunkt in Ost-Berlin

Es begann mit Flüchtlingen in der Bonner Vertretung in Ost-Berlin. Unsere Serie zeigt die wichtigsten Ereignisse aus dem Jahr 1989.

„Schreiben Sie bloß nicht ,Botschaft‘! Es heißt ,Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR‘!“ Nur wenige Worte, und das Gefühl ist wieder da: Dass eine falsche Formulierung eine deutsch-deutsche Krise auslösen könnte. „Und es heißt ,bei‘, nicht ,in‘ der DDR, bitte“, doziert Eberhard Grashoff in ernstem Ton. Der heute 90-Jährige war von 1980 bis 1990 Sprecher ebenjener Ständigen Vertretung an der Hannoverschen Straße in Mitte – und damit Ansprechpartner und Erklärer der oft heiklen innerdeutschen Diplomatie.

„Botschaft“ durfte die Ständige Vertretung nämlich nicht heißen, „weil die DDR zwar staatsrechtlich anerkannt, aber kein Ausland in dem Sinne war“, sagt er. Sondern, so stand es im bundesdeutschen Grundgesetz, der zweite Teil eines Landes, das irgendwann wieder eins werden sollte. Auch wenn daran zuletzt kaum noch jemand glaubte.

Wichtigste Aufgabe der Ständigen Vertretung, die 1974 in Zeiten deutsch-deutscher Annäherung eröffnet worden war: Sie sollte Beziehungen aufbauen helfen, denn zwischen den beiden deutschen Staaten herrschte seit dem Mauerbau 1961 weitgehend Funkstille.

Die Bonner Vertretung hieß im Volksmund „Weißes Haus“

Die „StäV“ wurde 1990 geschlossen, doch das Gebäude gibt es noch. Darin arbeitet heute eine Abteilung des Bundeswirtschaftsministeriums, aber das Büro des einstigen Leiters jener Ständigen Vertretung, kurz „StäV“, ist erhalten: Von 1974 an führten hier Günter Gaus, Klaus Bölling, Hans-Otto Bräutigam und zuletzt Franz Bertele die diplomatischen Geschäfte. Das ist heute denkmalgeschützt, ebenso das Gartenhaus und das einstige Eingangsportal der „StäV“, wo am 2. Januar 1989 vier DDR-Flüchtlinge Schutz suchten. Aus heutiger Sicht waren sie sozusagen der Anfang dessen, was 1989 geschah.

Neben Grashoff ist auch Gerhard Fey (64) zum Gespräch gekommen. Auch er hat bis 1990 als Diplomat hier gearbeitet, zuständig für die DDR-Wirtschaft. Grashoff deutet auf die Bogenlampe im Bauhausstil und eine Sitzgruppe: „Wer hier Platz nahm, hatte oft Heikles zu besprechen“ – wie jene DDR-Bürger, die immer wieder hier Zuflucht suchten, um ihre Ausreise in den Westen zu erreichen – welche ihr Land ihnen nicht gewährte.

„Weißes Haus“, so nannte die DDR-Bevölkerung die Bonner Vertretung wegen ihrer weißen Fassade. Die Stasi observierte sie als „Objekt 499“. Grashoff sagt: Während andere DDR-Bürger über den Todesstreifen oder andere riskante Wege versuchten aus der DDR zu fliehen, sei der Fluchtweg über die Vertretung an sich ohne großes Risiko gewesen. „Es wurde ja jeder Besucher eingelassen, wir waren ein offenes Haus.“ Wer erst mal drin war, dufte im Warteraum Platz nehmen und West-Zeitungen lesen, erinnern sich die ehemaligen Diplomaten. Allerdings wussten nur wenige DDR-Bürger davon, sagt Grashoff. „Und die Besucher mussten an den Vopos am Eingang vorbei.“ Die DDR-Polizisten schreckten viele ab.

Am 10. Januar 1989 berichtet die Berliner Morgenpost von dem „Flüchtlingsdrama“ in den Bonner Vertretungen in Ost-Berlin und Prag. Insgesamt würden dort etwa 15 DDR-Bewohner auf die Ausreise hoffen. Nach den ersten vier sind in Ost-Berlin am 9. Januar weitere fünf gefolgt. Was passiert nun mit ihnen? Der bundesdeutsche Regierungssprecher Friedhelm Ost bittet um Zurückhaltung. Es handele sich um eine „humanitäre Angelegenheit“, die er weder bestätigen noch dementieren könne.

Grashoff erinnert sich gut an jene Tage. „Bertele war Anfang Januar 1989 noch nicht offiziell im Amt, das machte die Situation zusätzlich kompliziert.“ Die Mitarbeiter ahnen, was passieren kann. Schon einmal ist die Vertretung für mehrere Monate geschlossen worden, nachdem 1984 eine größere Gruppe Flüchtlinge über Wochen in der Hannoverschen Straße kampierte. Damals hat es lange gedauert, bis Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der Unterhändler der Bundesrepublik, die Flüchtlinge „rausgequatscht“ hatte, wie Eberhard Grashoff es nennt.

„Jeder einzelne wurde hier ins Büro gebeten und davon überzeugt, dass er zunächst in seinen Heimatort in der DDR zurückkehren sollte – danach würde sein Ausreiseantrag bewilligt.“ Mit diesem „geräuschlosen“ Vorgehen soll die DDR ihr Gesicht wahren. Für die Flüchtlinge bedeutet dies, viel Vertrauen aufzubringen. Republikflucht wird hart bestraft. 1984 jedoch haben einige der Ausgereisten in West-Berlin das Schweigen gebrochen, Interviews gegeben – und damit eine diplomatische Krise ausgelöst, infolge derer die Vertretung vorübergehend geschlossen wurde.

Auch im Januar 1989 versuchen die Diplomaten, ihre Gäste von diesem Weg zu überzeugen. „Viele hatten aber Angst vor der Polizei, ihren Mitbürgern, dem Neid der Nachbarn, glaubten den Versprechungen nicht“, erinnert sich Grashoff. Damals warnt er wie schon so oft Journalisten: Käme der Fluchtweg über die „StäV“ ein weiteres Mal an die Öffentlichkeit, würde dieser Fluchtweg für immer verschlossen.

Dazu kommt eine neue politische Lage. „Bonn in Sorge über mögliche neue Haltung der ‚DDR‘ bei Fluchtdrama“, so schätzt die Berliner Morgenpost die Situation am 10. Januar ein. (Die DDR in Anführungsstrichen ist Ausdruck der Haltung des Springer-Verlages, in dem die Morgenpost damals erscheint.) In Bonn hersche Besorgnis, so Morgenpost-Reporter Michael L. Müller, weil die Information über die Angelegenheit dieses Mal ausgerechnet von DDR-Seite lanciert worden sei. Was soll nun das?

Hintergrund ist die neue Ausreiseverordnung der DDR, die seit 1. Januar 1989 gilt. Sie verspricht zwar erstmals rechtliche Regelungen – es sollen mehr Reisen möglich sein, und erstmals auch ohne eine konkrete Einladung aus dem Westen. Jedoch sind im Gegenzug „Sonderregelungen“ wie etwa für Botschaftsflüchtlinge nun nicht mehr möglich, schreibt die Morgenpost. „Damit verschärft sich das Problem der Botschaftsbesetzungen von DDR-Bürgern gerade zu einem Zeitpunkt, zu dem die Ost-Berliner Führung auf eine Beilegung, zumindest auf eine Entspannung gesetzt hatte“, berichtet auch der West-Berliner Radiosender Rias. Außerdem müssten alle Ausreisewilligen nun ihre Anträge noch einmal stellen.

Noch einmal gelingt es Wolfgang Vogel, die Flüchtlinge „rauszuquatschen“. Am 11. Januar sind sie „draußen“, die meisten schon Ende des Monats „drüben“. Franz Bertele kann am 2. Februar seinen Leitungsposten antreten, die Vertretung bleibt geöffnet. Doch die Situation bleibt angespannt. Die Morgenpost berichtet danach immer wieder über die Wut der Ausreisewilligen, die „oft Wochen warten müssen, um ihre Anträge überhaupt abzugeben“. Vier Ost-Berliner, die angeblich Informationen über ihren Wunsch nach Ausreise in den Westen lanciert hatten, werden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Es ist das Wort „Reisefreiheit“, das im Jahr 1989 aus der DDR immer lauter in den Westen dringt und ankündigt: Etwas wird anders.

Das Ausmaß der Situation machen Zahlen deutlich. Anfang Januar 1989 haben, berichtet der Rias, „nach Schätzungen in dortigen Parteikreisen in der DDR“ rund eine Million Menschen einen Ausreiseantrag gestellt. Später meldet der Sender, allein im Januar 1989 seien rund 4627 Menschen aus der DDR geflohen, weitere 3741 hätten das Land mit Genehmigung verlassen.

Auch für Bertele, seinen Sprecher Grashoff und die rund 90 Botschaftsmitarbeiter wiederholt sich die Situation nun immer öfter. Während im Laufe der nächsten Monate immer mehr DDR-Bürger über Ungarn und die damalige Tschechoslowakei in den Westen fliehen, „kamen gleichzeitig auch immer mehr in die ,StäV‘“, erinnert sich Grashoff. „Die einen kamen einfach durch die Tür, manche kletterten über den Zaun, es gab auch einen Durchbruch mit dem Auto direkt auf den Hof.“ Die Flüchtlinge werden zunächst in der
Dachetage des Gebäudes untergebracht. In dem Atelier, das 1949 Architekt und Berlin-Planer Hans Scharoun für sein Institut für Bauwesen ausbauen ließ. Als es zu voll wird, errichten die Botschaftsmitarbeiter im Sommer 1989 im „Gartenhaus“ auf dem Hof ein Notquartier.

Das „Gartenhaus“ stammt aus den 70er-Jahren. Ein Klotz aus Beton, Stahl und Glas, vom Baustil ähnelt es dem Bundeskanzleramt in Bonn. Gedacht ist es unter anderem für Empfänge, „Presseempfang, Wirtschaftsempfang, Kulturempfang“, zählt Grashoff auf. „Aber als im Sommer 1989 immer mehr Menschen in die Vertretung flohen, haben wir darin provisorische Wände gezogen, Matratzenlager eingerichtet und Duschen in der Garage, wo eigentlich die Autos gewaschen wurden“, erinnert sich Gerhard Fey. Bundesgrenzschutzbeamte des sogenannten „Haus- und Ordnungsdienstes“ fahren nach West-Berlin um einzukaufen – von Duschköpfen bis zur Kleidung für die Flüchtlinge. „Im Osten gab es ja nichts.“

Was heute eher nach Sommerlager klingt, wird im Juli 1989 zur bedrohlichen Situation, von der niemand weiß, welchen Ausgang sie nehmen wird. Anfang August drängen sich schließlich gut 130 Flüchtlinge in der Vertretung, „Männer, Frauen, Kinder“, so Grashoff, „und wir bekamen kein Signal mehr von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, dass Verhandlungen möglich seien“. Die „geräuschlose“ Diplomatie ist angesichts der Berichte über Fluchtwellen, Demonstrationen und landesweiten Protest verstummt.

Deutsch-deutsche Diplomatie endet am 2. Oktober 1990

Anfang August schließlich wird die Vertretung für weitere Besucher geschlossen, „mit Einwilligung der Bundesregierung, die sich dagegen lange gesträubt hatte“, erinnert sich Grashoff. Und wieder werden die Flüchtlinge überredet, zunächst in ihre Heimatorte zurückzukehren, bevor sie ausreisen dürfen. Danach, sagt Grashoff, habe er erstmals Journalisten in die Lager im Gartenhaus gelassen, „damit sie sich ein Bild machen konnten, unter welchen Umständen die Menschen hier gelebt haben“. Bilder, die wohl jenen gleichen, wie sie später aus der Botschaft in Prag bekannt werden, in der Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 Tausenden DDR-Bürgern verkündet, dass sie ausreisen dürfen.

Die Ost-Berliner Vertretung, sagen Grashoff und Fey, habe ursprünglich am 30. November 1989 wieder öffnen sollen, die beiden lächeln. Doch da hatte sich der diplomatische Auftrag ja quasi erledigt. Heute ist der Besuch an der Hannoverschen Straße eine Reise in die Vergangenheit, auch wenn man das Haus zurzeit offiziell leider nicht besichtigen kann. Gerade werden Fassade und Fenster saniert.

Im ehemaligen „Leiterbüro“ arbeitet heute Axel Bree, Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium. Gerhard Fey arbeitet ebenfalls seit Kurzem wieder hier. Das Gartenhaus ist derzeit wegen Asbest geschlossen, das Scharoun-Atelier ist saniert und dient als Kantine und Konferenzraum. Im Erdgeschoss sind im historischen Eingang immerhin noch Monitore und Telefonanlagen erhalten. Und der Warteraum, in dem alle Gäste, egal ob aus Ost oder West, unbehelligt nebeneinander sitzen konnten, bis in den 80er-Jahren für DDR-Bürger ein eigener Eingang geschaffen wurde. Nicht mehr erhalten ist ein Zimmer mit dem poetischen Namen „Laube“, der einzige angeblich abhörsichere Raum der Vertretung. An der Fassade erinnert eine Gedenktafel daran, dass die deutsch-deutsche Diplomatie auch nach dem Mauerfall tatsächlich noch weiter ihren Dienst versah – genau bis zum 2. Oktober 1990, dem Tag vor der deutschen Wiedervereinigung.

Das Jahr 1989 – Wie haben Sie die Zeit vor dem Mauerfall erlebt?

Wer heute an das Jahr 1989 denkt, hat vor allem den Mauerfall am 9. November vor Augen. Doch was geschah in den Monaten zuvor? Wie kam es zu den Flüchtlingsströmen über Ungarn und die Tschechoslowakei, zu den Montagsdemonstrationen, den immer lauteren Stimmen in der DDR gegen das Unrechtsregime?

In unserer Serie wollen wir die wichtigsten Ereignisse noch einmal erzählen – in lockerer Reihenfolge bis zum 9. November. Dazu freuen wir uns auch über Ihre Erinnerungen an die Ereignisse vor genau 30 Jahren.

E-Mail: aktionen@morgenpost.de oder Berliner Morgenpost, Stichwort „Mauerfall“, Kurfürstendamm 21, 10719 Berlin.

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