Abfallwirtschaft

Berlin will den Abfall deutlich reduzieren

Neue Pläne der Senatsumweltverwaltung: Die Müllmenge in grauen Tonnen soll um fast ein Viertel sinken.

Die Müllverbrennungsanlage in Spandau (Archivbild)

Die Müllverbrennungsanlage in Spandau (Archivbild)

Berlin. Noch hinterlässt jeder Einwohner Berlins pro Jahr 225 Kilogramm Restmüll. Zu viel, so die allgemeine Auffassung von Umwelt- und Klimaschützern. In gut zehn Jahren soll jeder Bürger deshalb 50 Kilo weniger in die graue Restmülltonne werfen. Dieses Ziel ergibt sich aus dem Entwurf des Abfallwirtschaftskonzeptes, das die Senatsverwaltung für Umwelt derzeit von Fachleuten bewerten lässt und mit den Abfallexperten der Koalitionsfraktionen von SPD. Linken und Grünen diskutiert.

Bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) wartet man die Diskussion ab, verweist aber in internen Gesprächen auf die hohen Kosten, um diese Ziele zu erreichen. Von 100 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich ist die Rede, die entweder von den Kunden über Müllgebühren oder aus dem Landeshaushalt kommen müssten.

Derzeit entsorgt die BSR 828.000 Tonnen Restmüll pro Jahr. Nach dem im Konzept angekündigte Öko-Szenario soll diese Menge bis 2030 um 20 Prozent auf 673.000 Tonnen sinken, in einem Normal-Szenario auf 747.000 Tonnen - und das trotz steigender Einwohnerzahlen. Würden die Berliner pro Kopf weiterhin so viel Müll erzeugen wie heute, müsste die BSR in elf Jahren 861.000 Tonnen entsorgen, wie aus einem anderen Gutachten zur Restabfallbehandlung hervorgeht.

Die Zielsetzung ist also durchaus ambitioniert. Das erkennen auch Umweltschützer an. „Als erster Schritt ist das ganz ordentlich“, sagte Tobias Quast, Abfallexperte beim Umweltverband BUND. Dennoch bleibe Berlin mit seinen Pro-Kopf-Werten deutlich hinter anderen Großstädten zurück. Aus Sicht des BUND wären 100 Kilogramm pro Kopf wünschenswert. Die slowenische Hauptstadt Ljubljana ist heute schon bei 150 Kilo und möchte durch rigorose Maßnahmen wie etwa eine Chip-Kontrolle an Restmülltonnen weiter runter auf 80 Kilogramm.

Solche harten Vorgaben finden sich im Entwurf des Berliner Abfallwirtschaftskonzeptes (AWK) nicht. So bleibt es zum jetzigen Zeitpunkt einigermaßen schwammig, wie Berlin seine Mülmenge tatsächlich senken will. „Es kann noch konkreter und praktischer werden“, findet der Umweltexperte der SPD-Fraktion, Daniel Buchholz: „Wir werden politisch noch eine Schippe drauf legen.“

Das Konzept erwähnt einige Projekte, die Müll vermeiden und Recycling fördern. Nicht benötigte Lebensmittel sollen ebenso verstärkt gesammelt werden wie ausgemusterte Elektrogeräte. Gratis-Läden für Gebraucht-Gegenstände will die Stadt ausbauen und wiederverwendbare Kaffee-Becher besser verbreiten. Auch mehr Geschäfte für unverpackte Waren erwähnt das Konzept. Viele solcher Initiativen fördert die rot-rot-grüne Koalition bereits im Zuge ihrer „Zero Waste“-Initiative, die schon das Ziel „Null Müll“ im Namen trägt. Keine Rede ist im AWK aber von einer Pfandpflicht für Coffee-to-Go-Becher, wie ihn der BUND schon lange fordert.

Bei aller Sympathie für die Anti-Müll-Initiativen ist doch allen klar, dass deutlich weniger Hausmüll nur zu erreichen ist, wenn die Bürger den Abfall besser trennen und mehr Materialien recycelt werden. „Die Mülltrennung ist in anderen Städten auf anderem Niveau“, sagt Quast. Dafür macht der BUND-Experte nicht nur die Berliner Nachlässigkeit, sondern auch den städtischen Entsorger BSR verantwortlich. In anderen Städten würden die Bürger besser informiert, auch die Anreize, seinen Müll besser zu trennen, seien größer.

Im AWK wird deshalb eine intensive und langfristige Abfallberatung und Öffentlichkeitsarbeit angemahnt. Im Öko-Szenario soll es so gelingen, über Müllvermeidung und bessere Verwertung mehr als 50 Kilo Restmüll pro Jahr und Kopf zu sparen, im weniger ambitionierten Normal-Verlauf etwas über 30 Kilo.

Der BUND verlangt von der BSR mehr Einsatz: Kostenfreie Abfuhr von Sperrmüll einmal pro Jahr würde helfen, auch mehr als die bisher 15 über die ganze Stadt verteilten Recyclinghöfe. Andere Städte hätten einen Sammelplatz pro 100.000 Einwohner, um es den Menschen leichter zu machen, wohnortnah altes Zeug loszuwerden.

Der wichtigste Ansatzpunkt ist, Biomüll besser zu erfassen. Derzeit finden die BSR-Leute in den grauen Tonnen 44 Prozent organisches Material. Ein Drittel des Abfalls gilt darüber hinaus als Wertstoff, dabei handelt es sich um Kunststoffe, Glas, Metalle, Papier oder Holz.

Ab April startet die BSR auch in Berlin die seit Jahren im Bundesgesetz vorgeschriebene und auch schon im letzten Abfallwirtschaftskonzept verlangte flächendeckende Sammlung von Bio-Abfall. Alle Haushalte müssen dann eine Bio-Tonne haben, es sei den wie weisen nach, dass sie selber ordentlich kompostieren können. Zwar gibt es Kritik, weil die Bio-Tonne eben nicht kostenfrei angeboten wird. Damit seien die Anreite geringer, Bio-Abfall eben nicht in die ebenfalls kostenpflichtige graue Restmülltonne zu werfen. Dennoch wird die gesammelte Menge Bio-Abfall deutlich zunehmen. Im Abfallkonzept ist von einem Anstieg von derzeit 20 Kilo pro Kopf auf 50 die Rede. Damit stellt sich die Frage, was damit geschehen soll. „Es ist absurd, nasses organisches Material im Müllofen in Ruhleben zu verbrennen“, findet nicht nur der BUND.

Die Müllverbrennungsanlage der BSR bildet das Rückgrat der Berliner Entsorgung. 580.000 Tonnen Restabfall wirft die BSR am östlichen Rand Spandaus 2018 ins Feuer. Das ist nach Ansicht der Senatsverwaltung für Umwelt mehr, als die Genehmigung hergibt. Wie berichtet, streiten beide Seiten über die richtige Interpretation der Vorgaben, womöglich trifft man sich deshalb sogar vor Gericht. Der Rest des Berliner Hausmülls wird in zwei Anlagen in Pankow und Reinickendorf sortiert, getrocknet und die nicht verwertbaren Reste als Ersatzbrennstoff im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde verbrannt. Offen ist, was geschehen soll, wenn in einigen Jahren die Energiekonzerne ihre Kohlekraftwerke im Zuge der Energiewende abschalten.

Um den zusätzlichen Bioabfall zu entsorgen, hat die BSR im Sommer eine Kompostierungsanlage in Brandenburg erworben. Dieser stellt das AWK aber eine schlechte Note aus. Der technische Standard erfülle nicht die Voraussetzungen für eine hochwertige Verwertung, heißt es darin.

Umweltschützer fordern den Bau einer Vergärungsanlage, um damit aus Bio-Abfällen Bio-Gas zu erzeugen. Auch die BSR denkt darüber nach. Ein Gutachten der Beraterfirma Ifeu aus Heidelberg rät dazu, in Pankow eine solche Anlage zu bauen.

Aus Sicht der scheidenden BSR-Chefin Tanja Wielgoß, die im kommenden Jahr zu Vattenfall wechselt, ist der Hausmüll aber gar nicht das wahre Problem der Berliner Abfallwirtschaft. „Das wirklich große Thema in der Stadt ist der Gewerbemüll“, sagte Wielgoß. Die Menge, die hier anfällt, sei zehnmal so groß wie der hoheitlich vom Landesunternehmen BSR eingesammelte Hausmüll.

Vier Millionen Tonnen Bauschutt jährlich

Tatsächlich widmet sich das Abfallwirtschaftskonzept auch erstmalig dem Müll, der eben nicht in privaten Haushalten entsteht. „Generell waren die Standards im Gewerbeabfall sehr lange sehr viel schlechter als im Hausmüll“, sagte Wielgoß. Zwar trete zum Jahreswechsel die neue Gewerbeabfallverordnung in Kraft. „Aber in ganz Deutschland klagen die Gemeinden, dass es mit der Umsetzung ganz schwierig ist“, so die BSR-Chefin. Ein Beispiel sei der Krankenhausmüll. Da habe die BSR inzwischen viel weniger als noch vor einiger Zeit. „Ist aber wirklich sichergestellt, dass sich die anderen Unternehmen ordentlich um diesen sensiblen Abfall kümmern?“, fragt die Managerin. Ähnlich sei es mit dem Bauschutt. Vier Millionen Tonnen davon fielen jährlich in Berlin an. Die BSR-Tochterfirma hat gerade mal 300.000 Tonnen. „Ich weiß nicht, ob mit dem Rest wirklich sauber umgegangen wird. Es stellen sich zumindest Fragen, wenn wir gleichzeitig lesen, dass es so viele illegale Deponien im Umland gibt“, warnt Wielgoß. Zumal die Kapazitäten endlich sind. Experten gehen davon aus, dass die Bauschutt-Deponien in Brandenburg Mitte der 20er-Jahre voll sein werden.

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