Direktor

„Ich habe mit viel Zähneknirschen zugestimmt“

Der Direktor der School for Education Detlef Pech spricht über die verstärkte Lehrerausbildung und Quereinsteiger in Berlin.

Detlef Pech von der Humboldt-Universität

Detlef Pech von der Humboldt-Universität

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Die Berliner Universitäten haben 70 Millionen zusätzlich erhalten, auch um die Lehrkräftebildung auszubauen. Sie sollen das Problem des Lehrermangels lösen. Die Erwartungen der Politik sind groß. Auch für Detlef Pech, den Direktor der Professional School for Education an der Humboldt-Universität, deren Schwerpunkt bei der Ausbildung für Grundschulen liegt.

Ganz ehrlich: Wie groß ist der Druck?

Detlef Pech: Das mit den zusätzlichen 70 Millionen stimmt natürlich. Aber das ist nicht der Kern dessen, was den Druck ausmacht. Unser Problem: Wir müssen in rasender Geschwindigkeit Strukturen aufbauen; teilweise in Bereichen, die in den vergangenen Jahren schon massiv ausgebaut wurden. Ich bin seit zehn Jahren an der HU und habe damals noch eine Professur im Fach Grundschulpädagogik mit 65 Studierenden im Bachelor übernommen. Dieses Jahr haben wir 400 Studierende im Bachelor immatrikuliert – nur für das Grundschullehramt.

Aber dafür ist vermutlich das Team der Lehrenden nun auch größer.

Ja, wir haben das Geld an der HU unter anderem für die Einrichtung vier zusätzlicher Professuren in diesem Bereich genutzt. Und eine einzelne Professur im Grundschullehramt ist jetzt so groß wie früher alle Beteiligten am Grundschullehramt zusammen. Vom Personal her, von der Ausstattung, können wir damit arbeiten. Ich hätte es nur gerne gehabt, dass wir eine Weile in Ruhe gelassen werden, um Strukturen zu entwickeln.

Was meinen Sie genau?

Wir haben noch keine Routinen. Wenn wir für 65 Studierende Prüfungen in einem Fach organisiert haben, ist das was anderes als eine Prüfung für 400 in drei Fächern in jedem „Jahrgang“. Wir haben nun statt 300-400 zeitgleich 2000 Studierende im Grundschulamt für die man Lehrveranstaltungen planen muss.

Trotzdem sind sie guter Dinge.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir von der Struktur her aktuell in Berlin das beste Grundschullehramtsstudium haben, das wir bisher in dieser Republik hatten – mit der Einführung des Praxissemesters und der Komplettumstellung des Grundschullehramts auf mehr Fachlichkeit sowie der ausschließlichen Qualifikation für die Grundschule. Ich ärgere mich im Moment nur sehr darüber, dass aus dem Lehrkräftemangel in den Schulen geschlussfolgert wird, wir müssten an den Universitäten irgendetwas tun. Das ist Blödsinn. Wir haben gerade Grundlegendes geändert. Und die ersten, die diese neue Struktur komplett durchlaufen haben werden, sind noch gar nicht fertig mit dem Studium.

Sie haben klare Vorgaben. Insgesamt heißt es: In Berlin müssen 2000 Absolventen her…

… und 850 davon kommen von der HU. Davon 330 im Grundschullehramt.

Aber bis dahin müssen dringend Lücken in den Schulen gefüllt werden.

Ja. Weswegen ich auch mit viel Zähneknirschen zugestimmt habe, ein Modell „Quereinstiegstudium“ zu entwickeln. Weil ich auch sehe, dass das eine Gruppe ist, die hochmotiviert ist und der klar ist, dass sie ziemlich ackern wird müssen, um so schnell einen Abschluss zu bekommen. Da kann ich mit umgehen.

Wie sieht ein das Quereinstiegsstudium aus?

Wir haben in diesem Jahr mit einem Quereinstiegmasterstudium für das Grundschullehramt begonnen. Ich bin über den nicht glücklich, aber ich finde ihn immer noch besser, als die Quereinsteiger direkt in die Schulen zu werfen. Unsere Leute müssen mindestens zwei Jahre Studium absolvieren und dann das Referendariat. Und nur wenige Fälle können die Zulassungsvoraussetzung direkt erfüllen, deshalb gibt es noch ein Zusatzangebot, den Q+. Damit kann man innerhalb von einem Jahr die Zulassungsvoraussetzung für den Quereinstiegmaster erwerben, wenn man bereits einen anderen Hochschulabschluss hat. Das bedeutet, diese Gruppe wäre maximal drei Jahre im Studium statt fünf.

Damit können sie leben?

Das ist die Stelle, die ich noch aushalten kann, die ich noch vertreten kann. Wir haben ja gute Gründe für fünf Jahre. Dieser Gruppe fehlen am Ende zwei Jahre, Zeit, die gerade für das Nachdenken, das Reflektieren wichtig wäre – trotzdem ist dieses Kurzstudium besser als ohne…

Aber wieso? Diese Leute haben doch schon ein abgeschlossenes Studium und Berufserfahrung. Reicht das nicht?

Aber nicht in den Bereichen, um die es geht: Erstlesen, Erstrechnen, Erstzugänge zu Naturphänomenen. Das ist ja genau das spezifische am Grundschullehramt. Woher sollen die das mitbringen? Und ihnen fehlt natürlich auch die Breite in der Fachlichkeit, die für das Lehramtsstudium so typisch ist.

Und was sagen Sie zu den LovLs – den Lehrern ohne voll Lernbefähigung?

Mein Kollege, der pensionierte Professor Ramseger von der FU, hat mal den Vorstoß gewagt und gesagt: das könnt ihr den Kindern nicht antun. Dann reduziert lieber die Unterrichtszeiten. Lieber nur vier Stunden, aber die qualifiziert. Statt Ganztags – und teilweise unqualifiziert. Aus fachlicher Perspektive kann ich dem durchaus etwas abgewinnen.

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