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So arbeitet eine Quereinsteigerin an einer Brennpunktschule

Birgit Vonhoegen unterrichtet als Quereinsteigerin an einer Berliner Brennpunktschule. Wie sie das wurde und was sie erlebt.

Birgit Vonhoegen ist mit Schülern ihrer Willkommensklasse in der Turnhalle der Grundschule in Gesundbrunnen. Die Schüler kommen aus der ganzen Welt – wie die Schwestern Aleeza und Sara aus Pakistan (vorne l.), Muusa aus Gambia (dahinter) oder Abrar aus Syrien (hinten l.). Rechts die Jungs und Zeira aus Griechenland.

Birgit Vonhoegen ist mit Schülern ihrer Willkommensklasse in der Turnhalle der Grundschule in Gesundbrunnen. Die Schüler kommen aus der ganzen Welt – wie die Schwestern Aleeza und Sara aus Pakistan (vorne l.), Muusa aus Gambia (dahinter) oder Abrar aus Syrien (hinten l.). Rechts die Jungs und Zeira aus Griechenland.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Irgendwo hatte Birgit Vonhoegen gelesen, dass inzwischen jede Nagelstudiobesitzerin in Berlin Lehrerin werden könne. Das saß. Danach hatte die Quereinsteigerin genug. Sie schrieb einen geharnischten Brief. „Nein, ich bin nicht ohne pädagogische und didaktische Erfahrung.“ „Nein, ich bin keine Gefahr für die Grundschulkinder meiner Schule.“ „Ja, ich leiste wichtige und wertvolle Arbeit.“ Jeder der knappen Sätze brach förmlich aus ihr heraus. Und dann verschickte sie den Brief an Zeitungen und an die Senatsbildungsverwaltung.

Birgit Vonhoegen hatte den Kanal voll. Immer dieses Rumgemeckere. Der Brief kam auch in der Redaktion der Berliner Morgenpost an – und machte neugierig. Dürfen wir mal vorbeikommen und schauen, wie Sie so als Quereinsteigerin arbeiten? Birgit Vonhoegen sagte sofort zu.

Brennpunktschulen sind nicht sehr beliebt

Die Rudolf-Wissell-Grundschule liegt in Gesundbrunnen, gleich hinter dem Gesundbrunnen-Center, quasi in Spuckweite vom wohlbehüteten Prenzlauer Berg, wo die Kinder Viktor Paul Theodor oder Cäcilie Helene heißen. Aber nicht hier. Hier heißen die Schüler Ali, Khadije, Princes, Muhammad oder Debora. Es wird wohl kaum erstaunen: Die Wissell-Schule mit 400 Schülern ist eine Brennpunktschule. Fast 90 Prozent der Kinder sind „ndH“ – nicht deutscher Herkunft. Das ist ein Indikator für eine Brennpunktschule.

Brennpunktschulen sind bei regulär ausgebildeten Lehrern, sogenannten Laufbahnbewerbern, nicht sehr beliebt. Häufig stellt sich bei den Castings, in denen Schulen um neue Pädagogen buhlen, kein einziger klassisch ausgebildeter Kandidat bei ihnen vor. Sie würden einfach leer ausgehen. Wären da nicht die Quereinsteiger. Ihr Anteil wächst an diesen Schulen immer mehr.

Birgit Vonhoegen wartet im Lehrerzimmer. Das ist nicht ganz leicht zu finden in dem Altbau von 1914. Als sie aufsteht, strahlt sie über das ganze Gesicht. Es war nicht ganz klar, in welcher Stimmung sie uns empfangen würde – weiterhin wütend, vorwurfsvoll? Aber vom ersten Moment ist klar, die 55-Jährige ist eine warmherzige, lebensbejahende Frau. Der Brief ist ihr jetzt sogar ein bisschen peinlich, weil er so impulsiv war. Aber zum Inhalt steht sie.

„Die größte Herausforderung waren die Kinder“

Birgit Vonhoegen liebt ihren Beruf. Sie liebt es zu unterrichten. Menschen etwas beibringen, macht sie schon lange. Ursprünglich hatte sie sowieso auf Lehramt studiert, Deutsch und Französisch, aber damals in den 80er-Jahren gab es eine Lehrerschwemme, deshalb sattelte sie im Studium um, wurde Linguistin. Ihr Mann und sie bekamen früh Kinder, also begann sie – nach abgeschlossenem Studium – an der Volkshochschule zu arbeiten, brachte Migranten Deutsch bei. 25 Jahre lang. Vom Unterrichten versteht sie etwas.

Allerdings, und jetzt wird es ehrlich: „Die größte Herausforderung waren die Kinder“, sagt sie. Nicht die Kinder der Wissell-Grundschule speziell, sondern Kinder allgemein. Es ist halt etwas anderes, ihnen etwas beizubringen als überwiegend Erwachsenen. „Am Anfang war ich viel zu sehr die Nette“, erzählt sie. Habe zu umständlich formuliert, was sie von einem Schüler wollte. „Würdest du bitte, wenn es dir möglich wäre ...“, zack, da hatten die schon abgeschaltet.

Inzwischen ist sie klarer, direkter. Gelernt hat sie das von ihren Kollegen, von den erfahrenen Lehrkräften an der Schule. Viele von ihnen sind auch keine klassischen Grundschullehrer, da sind einige, die eigentlich für die weiterführende Schule ausgebildet sind, oder da ist die Kollegin, die wie Birgit Vonhoegen eine Quereinsteigerin war – allerdings mit 27 Jahren Berufserfahrung als Grundschullehrerin. Doch die machte sie teilweise in der DDR. Reichte offenbar nicht.

Wer einmal die Welt der Quereinsteiger betritt, kommt an absurden Beispielen nicht vorbei: der theoretische Physiker, der nun noch Mathe nachstudieren soll. Die abgeschlossene Erziehungswissenschaftlerin, die schon als Klassenlehrerin arbeitet, aber zeitgleich ins Kurzstudium der Grundschulfächer muss. Und die Ingenieurin ohne irgendwelche pädagogische Erfahrung, die sofort ins Referendariat darf und von einem Tag auf den anderen vor der Klasse steht. „Da blickt niemand durch, wonach sie entscheiden“, sagt Birgit Vonhoegen. „Sie“, das ist die zuständige Stelle bei der Senatsverwaltung für Bildung.

Auch Birgit Vonhoegen muss „nachstudieren“. In diesem Jahr geht sie einmal in der Woche, immer freitags, ins Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule (kurz StEPS). Hier studieren die Quereinsteiger Fächer nach, die ihnen für die Lehrbefähigung fehlen. Bei Birgit Vonhoegen: Deutsch.

Das Studium der Linguistik, die jahrzehntelange Erfahrung mit „Deutsch als Fremdsprache“ – zählt alles nichts. Nächstes Jahr wird sie ein Jahr lang Mathematik studieren. Vor der Klausur hat sie jetzt schon Bammel. In Berlin sind für das Lehramt an Grundschulen die Fächer Deutsch und Mathematik obligatorisch – sowie ein weiteres drittes Fach. Erst, wenn sie das alles bestanden hat, wird sie zum „berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst“ zugelassen, der weitere 18 Monate dauert. Und danach, sofern sie erfolgreich ist, darf sie sich endlich Lehrerin nennen. Birgit Vonhoegen ist dann fast 60 Jahre alt. Sie lacht. Verrückt, ja.

Für die Kinder sind Quereinsteiger einfach Lehrer

Aber das ist es ihr wert. Warum, wird sich schnell zeigen. Wir gehen über den Schulhof zum Neubau, wo die JüL-Klasse 1–3 wartet. JüL, das steht für jahrgangsübergreifendes Lernen: Kinder aus verschiedenen Klassenstufen in einem Raum. „Hallo, Frau Birgit“, ruft ein Junge. So heißt sie meist, Frau Birgit. Vonhoegen spricht sich so schwierig. Als Quereinsteigerin ist sie wie jeder Lehrer sofort im Fokus der Kinder, egal, ob sie unterrichtet oder nicht. „Frau Birgit, kannst du mal helfen?“ – „Wie heißt das bei Erwachsenen“, fragt sie freundlich zurück. Das Mädchen entschuldigend: „Frau Birgit, können Sie helfen?“

Viele Kinder müssen erst mal die Sprachen in ihrem Kopf trennen, oft ist da ein großer Mischmasch. Der kleine Nikola beispielsweise, ein Erstklässler, ein zarter, hübscher Kerl mit großen Augen, will unbedingt etwas von einem Hund erzählen, einem Chihuahua. 200 Euro sei der Wert, behauptet wohl sein Vater, aber so ganz versteht man die Geschichte nicht, weil Deutsch und Bulgarisch wild durcheinandergehen. Im Moment quält Nikola sich damit, „Lamm“ und „Lama“ im Schreiblernheft nachzuziehen. Ein Kampf mit dem Bleistift, diese m-Bögen und dann noch in den Linien bleiben. Anstrengend.

„Wo kommst du her?“, fragt Maria, die auch aus Osteuropa stammt. Wo kommst du her – das fragen diese Kinder sofort. Weil niemand in ihrer Welt aus Deutschland zu kommen scheint. Es gibt kaum „biodeutsche“ Kinder auf der Schule. Wobei, was genau ist biodeutsch? Es sind Kinder aus Familien, die teilweise in der dritten, vierten Generation hier leben. Und die trotzdem mit der deutschen Sprache kämpfen: das Lampe, die Vogel, der Blume. Heute sind Nomen dran und bestimmte Artikel. Das Gebäude, der Gebäude, klingt doch alles gleich. Im Türkischen gibt es keine Artikel, im Arabischen nur einen. „Die Nomen sind nie allein“, wiederholt Birgit Vonhoegen. Gerade hatte sie mit den Kindern einen Sitzkreis auf dem Boden gebildet, man versucht, die Objekte, die in der Mitte liegen, zu erkennen. „Nicht anfassen, nur nennen“, mahnt Birgit Vonhoegen mehrmals. Mohammad: „Federtasche.“ Layla: „Ein Würfel.“ Princess: „Tuschekasten.“ Es ist unruhig. „Psscchhh“, macht ihre Kollegin, die junge Klassenlehrerin, und legt den Finger an die Lippen. „Pssschhh“, wird zum Dauerton.

Birgit Vonhoegen unterstützt die Klassenlehrerin, und die unterstützt die Quereinsteigerin. Es kommt immer öfter vor, dass Lehrer in Teams arbeiten – gerade, weil sich die klassische Unterrichtsstruktur zunehmend auflöst. Alles ist spielerisch, erst der Sitzkreis, dann ein Spiel mit bunten Stiften, die bei der Artikelfindung helfen sollen. Und am Ende macht jedes Kind dort weiter, wo es im Wochenplan aufgehört hat.

Nikola reibt sich die Augen. Er hängt über seinem Schreiblernheft und kann nicht mehr. Erstklässler sind schnell müde, die Unruhe in der Klasse ist groß. Für empfindliche Kinder steht eine Kiste mit Lärmschutzkopfhörern in der Ecke, die man vom Flugfeld kennt, wo die Boeings starten. Einige Kinder haben sie sich aufgesetzt. Nicht Nikola. Vonhoegen kommt kurz vorbei, muntert ihn auf. Dann geht es weiter. Auch andere brauchen Unterstützung.

Im Trend liegt Pädagogik, die vom Reformschulbereich geprägt ist. In der Klasse, in der Birgit Vonhoegen heute steht, wird nach der Montessori-Methode gelehrt. Berliner Schulqualität wird zunehmend nach ihrem Reformanteil definiert, je mehr, desto besser. So sieht man es bei der Senatsverwaltung für Bildung, auch bei der Schulinspektion. Die „individuellen Kompetenzstände der Schüler“ müssten berücksichtigt werden, und die Schüler sollten ihr Lernen „selbstbestimmt und selbstverantwortlich organisieren“. Für Kinder, gerade wenn sie kleiner sind, wird die Welt dann schnell unübersichtlich. „Was macht ihr gerade?“, erkundige ich mich bei einem Jungen an einem anderen Tisch. Der versteht die Frage nicht. „Wir dürfen machen, was wir wollen“, sagt er. Dann überlegt er. „Außer Unsinn.“

Manchmal fragt sich Birgit Vonhoegen, ob diese Kinder so genug lernen. Wird es reichen? Wenn die Schule aus ist, erzählt sie, sprechen die meisten Kinder zu Hause kein Deutsch mehr. Das bundesrepublikanische Zeitfenster in ihrem Leben ist knapp bemessen, von 8 Uhr bis 14 Uhr. Dann ist Schluss. Dann geht es zurück in die enge Wohnung in Gesundbrunnen mit vielen Geschwistern und viel Gedränge. Einen ruhigen Platz für Hausaufgaben gibt es da oft nicht. Gewusel zu Hause, Gewusel in der Pause, Gewusel auch im Unterricht. Kein Wunder, dass Berliner Schüler in Leistungsvergleichen fast immer hinten liegen.

Vorbild der Experten ist Pippi Langstrumpf

Die Experten aus der Senatsschulverwaltung würden sagen: Unsere neuen Schulkonzepte sind super. Die Lehrer müssen sie nur richtig umsetzen. Die sind also schuld, wenn es nicht läuft. Diese Experten lieben ihre reformpädagogischen Träume, ihr Vorbild ist Pippi Langstrumpf. Denn Pippi kann weder rechnen, noch lesen, aber sie meistert alles, baut Flugzeuge, schippert durch den Ozean – weil sie kompetent ist. Kompetenzen statt Wissen. Der Traum vieler Bildungsexperten.

Die meisten Kinder haben aber keine pippimäßigen Superkräfte. Das weiß auch Birgit Vonhoegen. Die eilt jetzt weiter zur Willkommensklasse im Altbau. Heute sind hier nur acht Kinder, sie lernen flott. Auch weil die Gruppe klein ist, geht es viel konzentrierter zu. Man würde einem AfD-Abgeordneten wünschen, hier mal einen Tag zu hospitieren, Abrar aus Damaskus zu erleben, die syrischen Jungs Ali und Wasim oder die pakistanischen Schwestern Aleeza und Sara. Kluge Kinder, schnell im Kopf, wissbegierig. Kinder, die dieses Land braucht. Aber dafür müssen wir sie gut ausbilden. Und ihnen klarmachen, dass sie hier zu Hause sind.

Zurück in der Regelklasse, ein kurzer Dialog mit Nikola. „Nikola, wo wurdest du geboren?“, frage ich neugierig. „Hier“, sagt er. „Dann bist du ein kleiner Berliner.“ Er schaut groß, dann strahlt er über das ganze Gesicht. „Ich bin ein Berliner“, wiederholt er. Das war ihm neu.

Diese Kinder wollen ankommen. Birgit Vonhoegen wird ihnen dabei helfen. Sie, die Quereinsteigerin, ist nicht das Problem. Sondern ein Gewinn.

So geht der Quereinstieg

Quereinsteiger müssen einen Master, Magister oder ein Diplom und ein Fach studiert haben, für das es hohen Bedarf in den Schulen gibt. Für den Quereinsteig in die Grundschule müssen am „Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule“ (StEPS) eventuell fehlende Fächer nachstudiert werden – etwa Deutsch und Mathematik. Für die Arbeit an Integrierten Sekundarschulen (ISS) und Gymnasien ist ein weiteres Fach nötig, für Berufliche Schulen ein berufliches oder ein allgemeinbildendes Fach.

Darauf folgt der 18-monatige Vorbereitungsdienst und die Staatsprüfung. Erst dann sind Quereinsteiger fertige Lehrer. Das alles kann bis zu fünf Jahre dauern.

Ein anderer Weg verläuft über Studiengänge wie den Master of Education an der Humboldt Universität. Den Studiengang für Quereinsteiger in das Grundschullehramt gibt es seit diesem Wintersemester. Er dauert zwei Jahre und läuft nicht berufsbegleitend. Zielgruppe sind Absolventen von Studien in den naturwissenschaftlichen Fächern, Germanistik, Geografie, Geschichte oder Sozialwissenschaften.

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