Hauptstadtbrief

Im Namen der Freiheit

Wahrheit und Aufklärung jenseits der Spiegel-Causa: mehr Schutz für journalistische Arbeit weltweit!

Das Jahr 2018 markiert in vielerlei Sicht eine Zeitenwende. Insbesondere wir Deutschen müssen in rasantem Tempo Abschied nehmen von liebgewordenen Gewissheiten und von der uns bisher umgebenden Verlässlichkeit einer multilateralen Ordnung. Wir spüren: Neue Sicherheiten und Stabilität im Inneren wie im Äußeren sind nur mit neuer Ambition und Anstrengung zu haben. Und dabei werden vor allem die westlichen Demokratien gefordert sein, wenn wir unser freiheitliches, demokratisches und offenes Gesellschaftsmodell behaupten wollen. Eine bessere Welt kommt eben nicht von allein. Wir werden gemeinsam und entschieden dafür eintreten müssen.

Wie auch der Medienbetrieb in dieser Zeit der großen Umbrüche, die wir derzeit erleben, erschüttert wird, zeigen zwei Geschehen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben: die Spiegel-Causa Relotius und die Jahresbilanz der Pressefreiheit 2018. In beiden Fällen geht es um Wahrheit und Aufklärung. Im ersten Fall um Abwege und Abgründe eines hochdekorierten schreibenden Jungstars zwischen Reportage und Kolportage, wobei die wirtschaftlichen und reputativen Folgen für die journalistische „Instanz“ Der Spiegel und die allgemeine Glaubwürdigkeit unserer Qualitätsmedien noch gar nicht absehbar sind. Und im letzteren um den traurigen Befund, dass im vergangenen Jahr weltweit über 80 Journalisten getötet und 60 entführt wurden, 348 derzeit inhaftiert sind und noch immer drei vermisst werden – und zwar auf der Suche nach der Wahrheit in Ländern, die nicht unsere demokratische Verfasstheit haben.

Dabei ist der Fall Relotius längst ein Fall Spiegel geworden – und zwar nicht nur weil innerhalb des Hamburger Wochenblatts wohl alle Qualitätskontrollen und Sicherheitsfilter versagt haben, sondern weil aus dem selbsternannten „Sturmgeschütz der Demokratie“ offenbar eine Reportage-Manufaktur geworden ist, „wo ganz offensichtlich Verkaufsargumente inzwischen nicht nur ausnahmsweise über den journalistischen Anspruch dominieren – ein journalistischer Anspruch, der – im wahrsten Sinne des Wortes – nur noch vor sich hergetragen wird.“

Erst kürzlich sah ich in einem Zeitungsladen einen Kunden mit einer Einkaufstüte, auf der in endloser Reihe unter dem Rubrum: „DER SPIEGEL – Keine Angst vor der Wahrheit“ noch zahlreiche andere apodiktische Ankündigungen standen, die man mit Hohn belegen könnte, wäre die Sache nicht so ernst: „Keine Scheu vor Konsequenzen. Keine Hemmung vor Fragen. Kein Zögern vor Veränderung. Keine Schere im Kopf“ usw. Wir dürfen gespannt sein, wie sich das Magazin aus dieser Affäre zieht. Das schnelle Einstampfen und Recyceln dieser Einkaufstüten dürfte aktuell wohl noch das geringste Problem der Spiegel-Chefs sein.

Dass für die freiheitlichen, demokratischen und offenen Gesellschaften des Westens freie, demokratisch gesinnte und unabhängige Medien konstitutiv sind, ist in unserer Verfassung, dem Grundgesetz, seit 70 Jahren verankert. Umso mehr muss uns es uns angehen, dass zigtausende von Frauen und Männern – ob als fest angestellte oder freie Journalisten, Bürgerjournalisten oder Blogger – überall auf der Welt ständig in Gefahr sind, verfolgt, verhaftet, verschleppt, misshandelt und getötet zu werden.

Dass dies in Deutschland nicht vorkommt, ist durch eben jenes Grundgesetz garantiert und für uns selbstverständlich. Dass inzwischen aber in Mitgliedstaaten der Europäischen Union Journalisten um Leib und Leben fürchten müssen, ist nicht hinzunehmen. Die Fälle der getöteten Daphne Galizia auf Malta 2017 und Jan Kuciak 2018 zeigen, wie hoch inzwischen der Preis für die Suche nach der Wahrheit auch in Teilen Europas geworden ist.

Die Forderung von „Reporter ohne Grenzen“ nach einem UN-Sonderbeauftragten, der sich auch der Deutsche Bundestag im Juni 2017 angeschlossen hat, wäre im Zeitalter von globalen „fake news“, Internet-gestützten Desinformationskampagnen, Hassmail-Aktionen und Trolls ein erster Schritt, um deutlich zu machen, wie wichtig der internationalen Staatengemeinschaft der Schutz von freier und unabhängiger journalistischer Arbeit ist. Doch das allein wird nicht reichen. Auch seitens der EU und ihren Institutionen müssen noch mehr sichtbare Schritte erfolgen, um private und öffentlich-rechtliche Medien und die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten zu schützen und ihre Unabhängigkeit und, ja, körperliche Unversehrtheit und soziale Sicherheit in allen EU-Mitgliedstaaten zu garantieren. Für die vielen inhaftierten Kolleginnen und Kollegen weltweit gilt auch 2019: #Free them all! Dabei dürfen wir nicht nachlassen.

Detlef Prinz ist Verleger des HAUPTSTADTBRIEFS.