Berliner Verkehr

Warum fahren nicht mehr Züge auf stark genutzten Strecken?

Wegen der hohen Zahl der Berufspendler sind nun einige Verbesserungen in Kraft getreten. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Pendler drängen morgens am Bahnhof Falkensee in eine volle Regionalbahn Richtung Berlin.

Pendler drängen morgens am Bahnhof Falkensee in eine volle Regionalbahn Richtung Berlin.

Foto: Jessica Hanack / BM

Berlin wächst. Das ist jeden Tag auch auf den Straßen der Stadt sowie in den Bussen und Bahnen zu sehen. Denn stärker als die Einwohnerzahl haben in den zurückliegenden Jahren die Pendlerströme zugenommen. Was sind die Gründe für diese Entwicklung, wie gehen Verkehrsunternehmen mit den Problemen um? Eine Analyse der Berliner Morgenpost.

Wie viele Berufspendler gibt es in der Hauptstadtregion eigentlich?

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der sich wiederum auf Angaben der Bundesagentur für Arbeit beruft, spricht davon, dass es an einem normalen Werktag fast 300.000 Pendler zwischen Berlin und Brandenburg gibt.

Laut der brandenburgischen Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) fahren rund 200.000 Brandenburger täglich zur Arbeit oder zur Ausbildung nach Berlin, 80.000 Berliner pendeln nach Brandenburg (Stand 2017). Die Zahl der Berufspendler ist dabei nirgendwo in Deutschland so stark angestiegen wie in der Hauptstadtregion.

Worin ist das starke Wachstum begründet?

Drei Faktoren sind nach Ansicht von Experten dafür ausschlaggebend. Zum einen hat der Zuzug nach Berlin nach jahrelanger Stagnation zuletzt erheblich zugenommen. Jedes Jahr wächst die Einwohnerzahl der Hauptstadt im Saldo zwischen 40.000 und 60.000. Da das Wohnungsangebot dieser Entwicklung nicht Schritt hält, sind allerdings vor allem im Innenstadtbereich die Mieten überdurchschnittlich gestiegen.

Das sorgt wiederum dafür, dass mehr Menschen eine Wohnung in den Außenbezirken oder im Umland von Berlin beziehen, von der aus sie dann zu den Arbeits- und Studienorten im Zentrum fahren müssen. Eine Entwicklung, die es in anderen Ballungsräumen schon vor Jahren gab. Der dritte Faktor: Aufgrund der guten Konjunktur geht die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich zurück, es wächst überdurchschnittlich die Zahl der Berufstätigen.

Welche Verkehrsmittel werden von den Pendlern genutzt?

Laut Brandenburgs Infrastrukturministerin Schneider sei es statistisch nicht ermittelbar, welche Fortbewegungsmittel die Menschen jeweils nutzen – ob sie mit dem Fahrrad, dem Auto oder den Verkehrsmitteln des öffentlichen Nahverkehrs unterwegs sind. Tatsache aber ist: Seit Jahren steigen die Benutzerzahlen im Regionalverkehr des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, und zwar stärker als im Bundesdurchschnitt.

„Wir sind bei über fünf Prozent, und das ist ganz oben an der Spitze“, so Brandenburgs Infrastrukturministerin Schneider. Das hat Folgen. Vor allem die Züge der wichtigen Regionallinien RE1 (Magdeburg–Potsdam–Berlin–Frankfurt/O.), RE2 (Wismar–Berlin–Cottbus) und RB10 (Berlin–Nauen) sind oft überfüllt.

Warum fahren auf diesen Strecken nicht einfach mehr Züge?

Anders als der eigenwirtschaftlich betriebene Fernverkehr erfolgt der Schienennahverkehr im Auftrag der „Bedarfsträger“. Konkret heißt das, die Bundesländer bestellen und bezahlen genau definierte Fahrleistungen im Schienenverkehr. Im Ergebnis von EU-weit geführten Vergabeverfahren werden mit den jeweils siegreichen Anbietern befristete Verkehrsverträge abgeschlossen.

Weil darüber auch die Finanzierung neuer Fahrzeuge erfolgt, haben die Verträge in der Regel eine Laufzeit von zehn bis zwölf Jahren. Was auch bedeutet, dass auf kurzfristige Nachfrageveränderungen nicht oder – auf Basis von Nachverhandlungen – nur mit Verzögerungen reagiert werden kann.

Was passiert in diesem Jahr?

Trotz dieses Problems haben die Länder einige Angebotsverbesserungen mit der Deutschen Bahn und den anderen Eisenbahnen vereinbart. So gibt es bereits seit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2018 Taktverdichtungen etwa auf den Linien RE2 und RB10 in der Relation Berlin–Nauen. Im Berufsverkehr erhöht sich laut VBB damit die Zahl der Sitzplätze um 40 Prozent.

Die vor allem von Pendlern aus Polen und Ostbrandenburg genutzte RB26 (Küstrin–Berlin) wurde bis Ostkreuz verlängert, wodurch sich die Umsteigemöglichkeiten verbessern. Mit der Inbetriebnahme neuer Fahrzeuge will der Betreiber der Linie, die NEB, im Berufsverkehr auch die Zahl der Sitzplätze erhöhen. Weitere Verbesserungen soll es laut VBB im zweiten Quartal 2019 geben. Dann wird etwa die Sitzplatzzahl im RE7 (Dessau–Berlin–Wünsdorf-Waldstadt) von derzeit 300 auf 460 steigen.

Weitere Kapazitätserhöhungen sind für die RB10 und RB13 (Wustermark–Berlin) angekündigt. Allerdings sind die Möglichkeiten begrenzt: Laut VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel mangelt es an Lokführern und vor allem an verfügbaren Fahrzeugen. So sind die Verbesserungen im zweiten Quartal nur möglich, weil die Deutsche Bahn Ende 2018 in Bayern einen Nahverkehrsauftrag verloren hat. 21 dort nicht mehr gebrauchte Doppelstockwagen sollen nach einer Renovierung dann in Berlin und Brandenburg zusätzlich fahren. „Ansonsten ist der Markt an Fahrzeugen komplett leergefegt“, sagte Henckel vor Kurzem.

Gibt es langfristig Hoffnung auf Besserung?

Ja. Die Länder Berlin und Brandenburg haben angekündigt, die Verkehrsleistung in den kommenden zehn Jahren um rund ein Drittel zu erhöhen. Wichtiger Schritt dafür ist die 2017 erfolgte Neuausschreibung fast aller wichtigen Regionalbahnlinien (Ausschreibung „Netz Elbe-Spree“).

Vorgesehen ist zum Beispiel den RE1 in der Hauptverkehrszeit künftig im Zwanzig-Minuten-Takt statt alle halbe Stunde fahren zu lassen. Die Vergabe der Aufträge soll 2019 erfolgen, Betriebsbeginn ist für die Mehrzahl der Linien jedoch erst im Dezember 2024.

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